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Arm-Chef: Chipmangel bremst KI-Fortschritte – große Chancen für Krebsforschung und Robotik

NoPixelZone (CC0), Pixabay
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Künstliche Intelligenz könnte nach Einschätzung von Rene Haas, dem Chef des britischen Chipdesigners Arm Holdings, langfristig entscheidend dazu beitragen, neue Behandlungsmöglichkeiten gegen Krebs zu entwickeln. Gleichzeitig warnt der Manager davor, dass der derzeitige Mangel an leistungsfähigen Chips den Ausbau von KI-Infrastruktur und Rechenzentren bremst.

Haas erklärte in einem Interview mit der BBC, dass bestimmte biologische Zusammenhänge heute noch zu komplex seien, um vollständig verstanden oder berechnet zu werden. Dazu gehöre etwa die Frage, wie bestimmte DNA-Marker mit Krebs zusammenhängen und wie sich einzelne Zellen im Verlauf einer Erkrankung verändern.

Nach seiner Einschätzung könnten künftige KI-Systeme solche extrem komplexen Modelle jedoch wesentlich besser analysieren als Menschen.

Haas geht sogar davon aus, dass künstliche Intelligenz noch zu unseren Lebzeiten dabei helfen könnte, Krebs in Formen zu behandeln oder möglicherweise zu heilen, die mit heutigen Methoden nicht möglich wären.

Dabei handelt es sich allerdings um eine Zukunftsprognose des Managers und nicht um die Aussage, dass bereits ein konkretes Heilverfahren unmittelbar bevorsteht.

Mehr Daten und stärkere Computer

Der entscheidende Fortschritt soll aus Sicht von Haas aus zwei Entwicklungen entstehen.

Zum einen werden KI-Systeme mit immer größeren Mengen medizinischer und biologischer Daten trainiert. Zum anderen werden Computer leistungsfähiger und können komplexere Modelle von Zellen, Organismen und genetischen Veränderungen berechnen.

Heute seien solche Simulationen teilweise noch zu aufwendig – sowohl für Menschen als auch für aktuelle KI-Systeme.

Mit leistungsfähigeren Rechnern könnte sich das jedoch ändern.

Haas war bis April Mitglied des Verwaltungsrats des britischen Pharmakonzerns AstraZeneca und kennt damit neben der Halbleiterindustrie auch die pharmazeutische Forschung aus unmittelbarer Nähe.

Krebsforscher: Entscheidend ist nicht nur Rechenleistung

Der Krebsforscher Chris Bakal vom Institute of Cancer Research in London sieht den entscheidenden Punkt allerdings nicht allein in immer größeren Rechenzentren.

Nach seiner Ansicht ist vor allem wichtig, mit welchen Daten die Systeme trainiert werden.

In seinem Forschungsumfeld werden KI-Modelle beispielsweise mit Daten aus echten Patientenproben trainiert.

Diese Informationen stammen nicht einfach aus dem Internet, sondern werden gezielt im Labor gewonnen.

Bakal argumentiert deshalb, dass die Zukunft medizinischer KI nicht zwangsläufig denjenigen gehören werde, die die größten Computer besitzen.

Entscheidend seien vielmehr die richtigen Messdaten.

Wenn KI-Systeme mit hochwertigen biologischen Informationen trainiert würden, könnten sie möglicherweise wesentlich schneller Vorhersagen darüber treffen, welche Wirkstoffe oder Therapieansätze erfolgversprechend sind.

Dadurch könnten sich nach Einschätzung des Forschers Entwicklungszeiten für neue Medikamente um Jahre verkürzen.

Roboter könnten in wenigen Jahren alltäglich werden

Haas erwartet große Veränderungen nicht nur in der Medizin.

Auch humanoide Roboter könnten seiner Einschätzung nach innerhalb der kommenden fünf Jahre deutlich stärker verbreitet sein.

Innerhalb eines Jahrzehnts könnten selbstlernende Roboter unter anderem in Fabriken, bei Reinigungsarbeiten, im Sicherheitsbereich, auf Baustellen oder bei Reparaturen eine wichtige Rolle spielen.

Der Unterschied zu bisherigen Industrierobotern liegt vor allem in ihrer Lernfähigkeit.

Traditionelle Roboter werden häufig für eine einzelne, exakt definierte Aufgabe programmiert.

KI-gesteuerte Systeme könnten dagegen ihre Umgebung erfassen, Erfahrungen sammeln und neue Tätigkeiten erlernen.

Ein Serviceroboter, der ursprünglich dazu programmiert wurde, ein Bett zu machen, könnte beispielsweise später lernen, Handtücher zu sortieren oder Abfalleimer zu leeren.

Damit würden Roboter wesentlich flexibler einsetzbar.

Sorgen vor massenhaften Jobverlusten hält Haas für übertrieben

Die zunehmende Automatisierung löst weltweit Sorgen über mögliche Arbeitsplatzverluste aus.

Haas hält manche Prognosen allerdings für zu pessimistisch.

Natürlich werde sich die Arbeitswelt verändern und bestimmte Tätigkeiten könnten automatisiert werden.

Die Vorstellung, dass Maschinen in großem Umfang menschliche Arbeit vollständig ersetzen würden, sei seiner Ansicht nach jedoch übertrieben.

Gleichzeitig würden durch KI neue Tätigkeiten, Berufsfelder und wirtschaftliche Möglichkeiten entstehen.

Ähnlich gelassen bewertet Haas Befürchtungen, der enorme Börsenboom rund um KI-Unternehmen könne unmittelbar in einen starken Einbruch übergehen.

Die langfristige Nachfrage nach Rechenleistung und KI-Technologie sei seiner Einschätzung nach so groß, dass der grundlegende Wachstumstrend bestehen bleiben werde.

Arm profitiert massiv vom KI-Boom

Arm gehört zu den wichtigsten Technologieunternehmen Großbritanniens.

Das Unternehmen entwickelt Prozessorarchitekturen und Chipdesigns, die weltweit in Smartphones, Fahrzeugen, Smartwatches und zahlreichen anderen elektronischen Geräten eingesetzt werden.

Insgesamt basieren bereits Hunderte Milliarden Geräte auf Arm-Technologie.

Der KI-Boom hat das Unternehmen zuletzt zusätzlich aufgewertet.

Zwischenzeitlich erreichte Arm an der Börse eine Bewertung, durch die das Unternehmen gemessen am Marktwert zum wertvollsten britischen Konzern der Geschichte wurde.

Nach Angaben von Haas kommt die besonders energieeffiziente Arm-Technologie inzwischen in rund der Hälfte aller KI-Rechenzentren weltweit zum Einsatz.

Gleichzeitig verändert das Unternehmen sein Geschäftsmodell.

Arm entwickelt inzwischen nicht mehr nur grundlegende Chiparchitekturen, sondern verkauft zunehmend auch eigene Prozessoren.

Meta sorgt für Milliarden-Nachfrage

Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Arm-AGI-Chip.

Der Facebook-Mutterkonzern Meta hatte Arm gebeten, einen entsprechenden Prozessor zu entwickeln.

Seit der Markteinführung im März sei die Nachfrage außergewöhnlich hoch, erklärte Haas.

Nach seinen Angaben liegen bereits Bestellungen beziehungsweise Nachfrage im Wert von mehr als zwei Milliarden Dollar vor.

Die Entwicklung zeigt, wie stark die Nachfrage nach spezieller Hardware für künstliche Intelligenz derzeit wächst.

Genau diese Entwicklung führt allerdings zu einem neuen Problem.

Chipmangel bremst den Ausbau von KI

Nach Einschätzung von Haas befindet sich die gesamte Branche derzeit in einer Situation, in der die Nachfrage nach Halbleitern größer ist als das verfügbare Angebot.

Für den weiteren Ausbau künstlicher Intelligenz werden enorme Mengen leistungsfähiger Prozessoren benötigt.

Neue Rechenzentren verbrauchen teilweise mehrere Gigawatt elektrische Leistung und benötigen gleichzeitig Hunderttausende spezialisierte Chips.

In Frankreich und den Vereinigten Staaten sind bereits riesige neue Rechenzentren geplant.

Auch die Idee, Rechenzentren langfristig im Weltraum zu betreiben, wird inzwischen diskutiert.

Haas hält solche Projekte grundsätzlich für denkbar.

Doch zunächst müsse die Industrie ein viel grundlegenderes Problem lösen:

Es gebe schlicht nicht genügend Chips.

Bevor über Rechenzentren im Weltraum gesprochen werde, müssten deshalb zunächst zusätzliche Halbleiterfabriken gebaut werden.

Chipproduktion bleibt stark von Taiwan abhängig

Ein großer Teil der weltweit fortschrittlichsten Halbleiter wird derzeit vom taiwanischen Konzern TSMC produziert.

Diese starke Konzentration gilt zunehmend als geopolitisches Risiko.

Viele westliche Staaten versuchen deshalb, eigene Produktionskapazitäten aufzubauen.

Auch die britische Regierung hat mit der Industrie darüber gesprochen, Teile der physischen Halbleiterproduktion stärker nach Großbritannien zu holen.

Arm-Chef Haas steht dieser Idee allerdings skeptisch gegenüber.

Nach seiner Einschätzung ist es nicht zwingend notwendig, dass Großbritannien selbst große Chipfabriken errichtet.

Der Bau solcher Anlagen sei extrem teuer.

Zudem seien hoch spezialisierte Fachkräfte, umfangreiche Rohstoffe, große Mengen Wasser und Energie sowie eine komplexe industrielle Zulieferstruktur notwendig.

Eine komplette Halbleiterindustrie lasse sich deshalb nicht einfach kurzfristig aufbauen.

Arm bleibt trotz internationaler Eigentümer stark in Großbritannien

Für die britische Politik besitzt Arm eine besondere Bedeutung.

Das Unternehmen gilt seit Jahrzehnten als eines der wichtigsten Technologieunternehmen des Landes.

2016 wurde Arm allerdings an den japanischen Technologiekonzern SoftBank verkauft.

Später brachte SoftBank einen Teil des Unternehmens an die amerikanische Technologiebörse Nasdaq.

Dass der Börsengang nicht in London erfolgte, hatte in Großbritannien erhebliche politische Diskussionen ausgelöst.

Mehrere Politiker beklagten, dass eines der wichtigsten britischen Technologieunternehmen zunehmend außerhalb des Landes finanziert und kontrolliert werde.

Haas betont jedoch, dass Arm weiterhin stark in Großbritannien verankert sei.

Etwa die Hälfte der Beschäftigten arbeite weiterhin dort.

In Cambridge sei Arm nach seinen Angaben mit großem Abstand der größte Arbeitgeber.

KI könnte Medizin und Industrie grundlegend verändern

Die Aussagen von Haas zeigen, wie weit die Erwartungen an künstliche Intelligenz inzwischen reichen.

Es geht längst nicht mehr nur um Chatbots, Bilderzeugung oder Büroautomatisierung.

KI-Systeme könnten künftig medizinische Forschung beschleunigen, neue Medikamente mitentwickeln, Roboter steuern und große Teile industrieller Prozesse verändern.

Doch dieser Fortschritt benötigt enorme Mengen an Rechenleistung.

Und genau dort entsteht derzeit ein Engpass.

Nicht mangelnde Ideen, sondern fehlende Chips könnten zunehmend darüber entscheiden, wie schnell neue KI-Systeme tatsächlich entwickelt und eingesetzt werden können.

Die vielleicht größte Ironie des gegenwärtigen KI-Booms lautet deshalb:

Die Software entwickelt sich rasant – doch ohne genügend Halbleiter bleibt selbst die intelligenteste künstliche Intelligenz am Ende auf Hardware angewiesen.

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