ADAC

Beim ADAC spitzen sich kurz vor der Hauptversammlung Anfang Mai interne Auseinandersetzungen zu: Zwei, der Internetplattform  JUVE vorliegende Hinweise an die Compliance-Abteilung, bringen den ADAC-Präsidenten Dr. August Markl und den langjährigen Generalsyndikus Werner Kaessmann in Erklärungsnot. Der Dortmunder Anwalt Kaessmann hatte kürzlich angekündigt, Ende Mai sein Amt aufzugeben.

Monika Hornik, Compliance-Leiterin des Autoclubs, muss derzeit zwei Vorwürfen nachgehen: Markl und Kaessmann sollen auf der Delegiertenversammlung am 8. Mai 2015 die rund 200 Delegierten von 18 Regionalclubs getäuscht – und so zu einer Wahlmanipulation beigetragen haben. Einen der Vorwürfe bringt ein Kölner Delegierter vor: Markl und Kaessmann hätten nicht widersprochen, als der damalige ADAC-Schatzmeister und Vorstand des Regionalclubs Westfalen, Klaus-Peter Reimer, bei der Versammlung die Unwahrheit sagte, obwohl sie es besser gewusst haben sollen.

Konkret ging es dabei um mutmaßliche Pflichtverletzungen Reimers, der damals wegen Vetternwirtschaft im Regionalclub stark in der Kritik stand. Unter seiner Führung wurden bei zwei millionenschweren Bauprojekten Aufträge an einen Schulfreund Reimers vergeben, ohne dass zuvor Vergleichsangebote eingeholt worden waren. Auf der Delegiertenversammlung verkündete Reimer, dass Freshfields Bruckhaus Deringer die Vorwürfe gegen ihn untersucht und entkräftet habe. In Wirklichkeit war das Gegenteil war der Fall: Freshfields kam zu dem Schluss, dass Reimer Pflichtverletzungen begangen hatte. Dem ADAC sei dadurch ein Schaden von knapp einer Million Euro entstanden.

Freshfields-Gutachten kostete 100.000 Euro

Markl und Kaessmann sollen über die Freshfields-Erkenntnisse zu Reimer bereits Wochen zuvor informiert worden sein. Mitte April soll es dazu eine gemeinsame Besprechung mit dem damals federführenden Freshfields-Partner Dr. Wolfram Rhein und Reimer gegeben haben. Das offizielle, rund 100.000 Euro teure Gutachten lag dann am 5. Mai vor – also ebenfalls noch vor der Delegiertenversammlung.

Dies geht aus dem internen Bericht des ADAC-Compliance-Ausschusses hervor. Doch weder Markl noch Kaessmann, der in Personalunion auch Syndikus des Regionalclubs Westfalen ist, schritten ein, als Reimer vor die Delegierten trat, sich von den Vorwürfen rein wusch und schließlich wiedergewählt wurde.

Widersprüchliche Aussagen zu Telefonat

Dies sorgt jetzt, ein Jahr später, für noch mehr Zündstoff: Auch Reimer selbst hat sich an Compliance-Leiterin Hornik gewendet und behauptetet, über die tatsächlichen Ermittlungsergebnisse zu seinen Pflichtverletzungen gar nicht informiert gewesen zu sein. Andernfalls hätte er gar nicht kandidiert, behauptet Reimer. Ihm habe lediglich ein Berichtsentwurf aus dem April vorgelegen.

Anfang Mai habe er dann mit Freshfields-Partner Rhein noch telefoniert. Dieser habe ihm gesagt, dass nach Eingang eines Gutachtens der WP-Gesellschaft KPMG keine Bedenken gegen die Handlungen des Vorstandes bestünden. Auf Anraten von Markl habe er dann vor den Delegierten erklärt, dass alle Vorwürfe gegen ihn entkräftet seien. Von seinen Pflichtverletzungen erfuhr er demnach erst, als er einen Monat später Rhein um den Abschlussbericht bat und per Mail nicht nur diesen erhielt, sondern auch die Aussage, der Vorstand habe seine Pflichten verletzt.

In der Mail von Rhein liest sich dies gleichwohl anders. Darin drückt der Anwalt sein Erstaunen darüber aus, dass Reimer sich durch das Telefonat Anfang Mai entlastet gefühlt habe. Denn er habe ihm gesagt, dass die KPMG-Gutachten nichts an dem Befund ändern würden, dass der Vorstand des ADAC Westfalen bei der Entscheidung über die Bauvorhaben seine Pflichten verletzt habe. Rhein hat Freshfields mittlerweile verlassen. Sein neues Ziel war bis Redaktionsschluss nicht bekannt.

Aderhold und KPMG Law prüfen Ansprüche

Das Thema Pflichtverletzungen setzt sich für Reimer, der im Juli 2015 als Schatzmeister zurücktrat, unterdessen noch an anderer Stelle fort. Der ADAC prüft auf Empfehlung des Compliance-Ausschusses unter anderem mögliche Schadensersatzforderungen gegen Organe. Nach JUVE-Informationen hat er dafür den Dortmunder Gesellschaftsrechtler Pof. Dr. Lutz Aderhold eingeschaltet, Namensgeber der gleichnamigen Sozietät.

Weitere mögliche Ansprüche des ADAC sowie etwaige Ansprüche Dritter gegen den Club prüft Dr. Stefan Zajonz, Gesellschaftsrechtler bei KPMG Law in Frankfurt. Wie weit die Prüfungen vorangeschritten sind, ist nicht bekannt. Das gilt auch für die Prüfung der beiden Meldungen an die Compliance-Leiterin.

Ein ADAC-Sprecher kommentierte auf Nachfrage, dass die Vorgänge um den Regionalclub Westfalen vom Compliance-Ausschuss bewertet worden seien und das ADAC-Präsidium dem Regionalclub seine Erwartungshaltung dargelegt habe. Zur Wahl des Schatzmeisters 2015 gebe es keinen neuen Stand und entsprechend keinen Kommentierungsbedarf. Mit der Anfrage an den Compliance-Ausschuss, die aufgrund einer absichtsvollen Indiskretion öffentlich geworden sei, werde sich das Gremium zeitnah in einer turnusgemäßen Sitzung befassen.

Fragwürdige Entscheidung des Compliance-Ausschussvorsitzenden

Zumindest dem Verdacht des Delegierten, Markl und Kaessmann hätten Reimers Aussagen zurechtrücken müssen, hätte der ADAC jedoch weit früher nachgehen können. Der Delegierte hatte seinen Verdacht gegenüber Markl und Kaessmann schon im Sommer 2015 – Monate vor Horniks Einstieg beim ADAC – Dieter Roßkopf anvertraut, dem Vorsitzenden des Compliance-Ausschusses. Doch der ging der Sache inhaltlich nicht nach. Stattdessen hatte Roßkopf, an den Hornik berichtet, den Delegierten zurückgewiesen und vorgeschlagen, er möge den Sachverhalt direkt dem Präsidenten melden – also demjenigen, gegen den sich sein Verdacht richtete. Dies sei regelgerechter als die Befassung des Compliance-Ausschusses, so Rosskopf damals. Eine Nachfrage, wie er dies aus heutiger Sicht einschätze, ließ Roßkopf unbeantwortet.

Später zeigte sich der Compliance-Ausschuss weit entschiedener. So nahm er in seinem Abschlussbericht zu den Vorgängen beim ADAC Westfalen die Rolle Kaessmanns kritisch unter die Lupe: “In den gegenständlichen Bauvorhaben war der Club-Syndikus in allen relevanten Vorstandssitzungen anwesend, ohne dass er wirklich einbezogen war oder von sich aus Prüfrechte eingefordert hat.” Welchen Einfluss dies auf Kaessmanns Entscheidung hatte, seinen Posten als Generalsyndikus Ende Mai aufzugeben, ist nicht sicher. Er sprach offiziell von einem freiwilligen Schritt nach zwölf Jahren im Amt. Andere Stimmen behaupteten zuletzt indes, dass er lediglich seiner Ablösung zuvorkomme.

Quelle:JUVE

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