Als Susan Lukas am 12. September 2001 das Pentagon betrat, lag schwarzer Ruß auf den Böden. Der Rauch brannte in ihrem Hals und reizte ihre Augen. Staub und Trümmerteile bedeckten ihren Schreibtisch. Sie wischte die Ablagerungen beiseite, setzte sich hin und begann zu arbeiten. Bereits am Mittag hatte sie starke Kopfschmerzen.
Nur einen Tag zuvor war American-Airlines-Flug 77 in das Pentagon eingeschlagen. Alle 64 Menschen an Bord und 125 Personen im Gebäude kamen ums Leben. Einsatzkräfte suchten noch nach Opfern und bekämpften die Brände, als bereits Tausende Beschäftigte an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten.
Lukas diente damals als Major bei der US-Luftwaffe. Obwohl ihre beiden Kinder sie anflehten, zu Hause zu bleiben, folgte sie der Anweisung, wieder zum Dienst zu erscheinen. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte öffentlich erklärt, das Pentagon werde am nächsten Tag wieder arbeitsfähig sein. Eine Garantie für die Sicherheit des Gebäudes konnte er jedoch nicht geben.
Am Morgen des 11. September hatte Lukas in ihrem Büro die Fernsehbilder aus New York verfolgt. Zunächst sah sie Rauch aus einem der Türme des World Trade Centers aufsteigen. Wenig später beobachtete sie, wie ein zweites Flugzeug in den Südturm flog.
Um 9.37 Uhr erschütterte ein gewaltiger Knall den Konferenzraum, in dem sie sich befand. Durch ein Fenster sah Lukas eine schwarze Rauchwolke aufsteigen. Sofort war ihr klar, dass nun auch das Pentagon getroffen worden war.
Da es keine eingeübten Evakuierungswege gab und niemand wusste, welcher Teil des weitläufigen Gebäudes sicher war, führte Lukas eine Gruppe auswärtiger Offiziere zum nächstgelegenen Ausgang. Auf dem Weg begegneten sie einer verzweifelten Frau, die glaubte, sämtliche Kollegen ihres Büros seien bei dem Einschlag ums Leben gekommen.
Am folgenden Tag kehrte Lukas zurück. Im Pentagon roch es nach verbranntem Kunststoff. Teile des Gebäudes waren mit Polizeiband abgesperrt. Lüftungsschächte, die kurz zuvor gereinigt worden waren, bedeckten sich erneut mit Ruß. Die Brände dauerten fast drei Tage an.
Bei den Löscharbeiten und dem Aufbrechen von Holz, Schiefer und Beton entstanden große Mengen Staub. Nach Einschätzung der Reserve Organization of America könnten darin enthaltene Schadstoffe bei Beschäftigten dauerhafte Gesundheitsschäden verursacht haben.
Messungen vor Beginn der Reinigung ergaben, dass die meisten untersuchten Stoffe unterhalb der geltenden Grenzwerte lagen. Einzelne Proben wiesen jedoch erhöhte Konzentrationen von Blei und Asbest auf. Der damalige Feuerwehrchef von Arlington soll sich gegen die schnelle Wiederöffnung ausgesprochen haben, weil sich Rauch, Gase und Trümmerstaub über das Gebäude verteilen konnten.
In den Wochen nach dem Anschlag litt Lukas weiterhin unter Kopfschmerzen, Atemwegsproblemen und Schmerzen im Hals. Zunächst hielt sie die Beschwerden für die Folgen einer Erkältung. Erst Jahre später brachte sie ihre Erkrankungen mit dem 11. September in Verbindung.
Bei einer medizinischen Untersuchung im Jahr 2008 berichtete sie, dass ihr das Schlucken schwerfalle und sie nicht mehr tief einatmen könne. Ärzte diagnostizierten eine Tracheomalazie. Dabei verliert die Luftröhre an Stabilität und kann sich beim Atmen verengen.
In den folgenden Jahren wurden bei Lukas außerdem Fibromyalgie und Schlafapnoe festgestellt. Die US-Veteranenbehörde VA hat bislang allerdings keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen ihren Erkrankungen und dem Anschlag anerkannt.
Für Lukas bestimmen die Beschwerden den Alltag. Muskelschmerzen wecken sie nachts aus dem Schlaf. Bei hoher Luftfeuchtigkeit hat sie nach eigener Schilderung das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Kälte verursacht ein Brennen im Hals. Sie nimmt Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, verwendet verschiedene Cremes und schläft in einem verstellbaren Bett mit erhöhtem Oberkörper.
Auch technische Hilfsmittel lösen nicht jedes Problem. Eine Atemmaske gegen die Schlafapnoe kann sie nach eigenen Angaben nur kurze Zeit tragen, weil sich ihre Lunge dabei anfühle, als würde sie brennen. Zusätzlich investierte sie mehrere Tausend Dollar in eine Luftreinigungsanlage für ihr Haus.
Lukas glaubt, dass viele ehemalige Pentagon-Beschäftigte unter ähnlichen Folgen leiden. Die Reserve Organization of America geht davon aus, dass möglicherweise mehr als 3.000 Menschen zwischen dem 12. September und dem Ende der Aufräumarbeiten am 19. November 2001 belasteter Luft ausgesetzt waren.
Andere Gruppen erhielten bereits besondere Unterstützung. Das World Trade Center Health Program übernimmt medizinische Leistungen für Einsatzkräfte sowie Betroffene in New York. Der 2022 verabschiedete PACT Act erweiterte die Versorgung von Veteranen, die unter anderem Giftstoffen aus offenen Verbrennungsgruben oder dem Entlaubungsmittel Agent Orange ausgesetzt waren.
Für Militärangehörige, die nach dem Anschlag im Pentagon arbeiteten, gelten diese Erleichterungen bislang nicht. Sie müssen individuell nachweisen, dass ihre Erkrankungen durch den damaligen Dienst verursacht wurden.
Das soll der nach Lukas benannte „Susan E. Lukas 9/11 Servicemember Fairness Act“ ändern. Der Gesetzesentwurf sieht vor, bei bestimmten Krankheiten grundsätzlich einen möglichen Zusammenhang mit einer Schadstoffbelastung im Pentagon anzunehmen. Betroffene könnten dadurch leichter medizinische Versorgung, monatliche Entschädigungszahlungen und weitere Leistungen erhalten.
Zu den erfassten Erkrankungen sollen Asthma, chronisch obstruktive Lungenerkrankungen, Emphyseme, Tracheomalazie, Krebs sowie verschiedene Herz-Kreislauf-, Haut- und Atemwegserkrankungen gehören.
Nach Angaben der Reserve Organization of America identifizierte die VA 6.457 Veteranen, die während der Aufräumphase im Pentagon eingesetzt waren und mindestens einen möglicherweise mit Schadstoffen verbundenen Antrag auf Unterstützung gestellt hatten. Insgesamt seien mehr als 31.000 Anträge eingereicht worden. 11.705 davon habe die Behörde abgelehnt.
Die VA unterstützt den Gesetzesentwurf derzeit nicht. Ein Vertreter erklärte bei einer Anhörung, die Liste der Krankheiten sei zu weit gefasst. Für die Feststellung möglicher Zusammenhänge seien weitere Untersuchungen notwendig. Einige Abgeordnete kritisierten diese Haltung und verlangten schnellere Fortschritte.
Der Entwurf liegt noch im Veteranenausschuss des Repräsentantenhauses. Mit einer baldigen Verabschiedung wird nicht gerechnet.
Lukas, die inzwischen 72 Jahre alt ist, engagiert sich weiterhin in mehreren Organisationen. Obwohl sie nur ungern zur Namensgeberin des Gesetzes wurde, spricht sie öffentlich über ihre Erfahrungen, um anderen Betroffenen zu helfen.
Die Jahrestage der Anschläge verbringt sie möglichst abgeschirmt. Sie schaltet Fernseher und Radio aus, liest keine Nachrichten und beschäftigt sich zu Hause. Über den 11. September zu sprechen, fällt ihr schwer. Sie tut es dennoch, weil ihrer Ansicht nach viele frühere Pentagon-Beschäftigte nicht erkennen, dass ihre heutigen Beschwerden mit einer damaligen Schadstoffbelastung zusammenhängen könnten.
Vergessen kann sie die Ereignisse nicht. Gleichzeitig hätten sie ihr gezeigt, wie wertvoll jeder einzelne Tag sei.
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