Als Löwen-Fan braucht man in diesen Tagen vor allem drei Dinge: starke Nerven, einen aktuellen Taschenrechner und eine Augenbinde. Denn was bei 1860 gerade passiert, fühlt sich an wie eine Partie Blinde Kuh auf dem Trainingsgelände: Keiner sieht richtig durch, aber irgendwo ruft ständig jemand „Hier bin ich!“ – und bekommt sofort einen Vertrag.
Einen Tag vor dem ersten Pflichtspiel unterschreibt plötzlich eine halbe Mannschaft. Tunay Deniz bleibt, Julian Bell kommt zurück, dazu Benedikt Hoppe, Cristian Leone, Brahim Moumou und Raphael Wach. Sechs Unterschriften an einem Donnerstag. Andere Vereine präsentieren ihre Neuzugänge über Wochen. Wir machen das offenbar wie beim Schlussverkauf: Alles muss raus, beziehungsweise rein.
Natürlich freut man sich über Deniz. Einer, der nach Zwangsabstieg, Insolvenzchaos und schwerer Knieverletzung sagt: Ich bleibe. Das ist nicht nur Vereinstreue, das grenzt bei 1860 schon an übernatürlichen Optimismus.
Julian Bell kennt den Verein ebenfalls bestens. Das ist hilfreich, denn bei den Löwen sollte jeder Neuzugang möglichst schon wissen, wo die Notausgänge sind.
Während vorne neue Spieler begrüßt werden, verschwinden hinten die nächsten Talente. Xaver Kiefersauer geht nach Nürnberg, Samuel Althaus offenbar ebenfalls. Die Ablösesummen landen in der Insolvenzmasse der alten KGaA, während die neue Spielbetriebs-GmbH Gehälter bezahlt. Ein Verein, zwei Kassen, drei Ligen und ungefähr 47 offene Fragen.
Die Mannschaft soll außerdem mit Spielern aus der U17 aufgefüllt werden. Vermutlich bekommen die Jugendlichen beim Training gleichzeitig einen Spind, einen Profivertrag und einen Hinweis, wo sie am Wochenende eingesetzt werden.
Und wir Fans? Wir stehen daneben, drehen uns dreimal im Kreis und versuchen herauszufinden, welche Mannschaft eigentlich morgen spielt.
Aber gut: Es ist 1860. Planbar war hier noch nie viel. Vielleicht entsteht aus dem Chaos tatsächlich eine Mannschaft, die kämpft, zusammenhält und wieder Hoffnung macht.
Bis dahin gilt: Augenbinde festziehen, Löwen-Schal richten und einfach dem Gebrüll folgen.
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