Zazoon AG: Ambitionierte SaaS-Story im GRC-Markt – aber Anleger sollten genau hinsehen
Die Zazoon AG aus Zürich präsentiert sich als modernes Technologieunternehmen mit einem klaren Fokus auf Governance, Risk & Compliance (GRC) – also auf digitale Lösungen für Unternehmen, die regulatorische Anforderungen, Risikomanagement und interne Kontrollprozesse besser steuern wollen. Das klingt zunächst nach einem Markt mit Zukunft. Denn genau dort, wo Regulierung, Dokumentationspflichten und Compliance-Druck zunehmen, entstehen oft interessante Softwaremodelle mit wiederkehrenden Umsätzen. Genau hier will Zazoon künftig eine Rolle spielen.
Ein Unternehmen mit klarer Positionierung
Laut Prospekt entwickelt Zazoon eine Software-as-a-Service-Lösung (SaaS), die Governance-, Risiko- und Compliance-Prozesse automatisieren und vereinfachen soll. Das Unternehmen bezeichnet diesen Bereich ausdrücklich als seinen operativen Schwerpunkt. Genannt wird im Prospekt insbesondere das Produkt „MyGRC“. Damit ist Zazoon kein klassischer Konsumwert, sondern ein spezialisiertes B2B-Softwareunternehmen in einem Marktsegment, das grundsätzlich Potenzial hat. Gerade mittelständische und größere Unternehmen stehen unter wachsendem Druck, Prozesse sauber zu dokumentieren, Risiken früh zu erkennen und regulatorische Anforderungen effizient umzusetzen. Genau dort setzt Zazoon an.
Die Struktur: Schweiz als Basis, Deutschland als Tochter
Die Gesellschaft ist als Schweizer Aktiengesellschaft (AG) mit Sitz in Zürich organisiert. Hinzu kommt mit der Zazoon Germany AG in Berlin eine hundertprozentige Tochtergesellschaft in Deutschland. Das zeigt: Das Unternehmen will nicht nur lokal agieren, sondern hat zumindest im DACH-Raum eine breitere Struktur im Blick. Für ein junges, wachstumsorientiertes Unternehmen ist das grundsätzlich ein positives Signal – es deutet auf Skalierungsabsicht und Marktambition hin.
Wem gehört Zazoon? Die Kontrolle ist stark konzentriert
Ein zentraler Punkt für Anleger ist die Eigentümerstruktur:
Die 2020 Management AG hält laut Prospekt 69,80 Prozent aller Aktien. Hinzu kommen 8,64 Prozent, die direkt von Jerome Bischof gehalten werden. Gleichzeitig ist Jerome Bischof laut Prospekt auch der wirtschaftlich Berechtigte hinter der 2020 Management AG. Das bedeutet in der Praxis: Die Kontrolle über die Gesellschaft ist sehr stark in einer Hand bzw. in einem sehr engen Kreis konzentriert. Für junge Unternehmen ist das nicht untypisch – für Anleger ist es aber ein Punkt, den man im Blick behalten sollte, weil solche Strukturen naturgemäß zu Abhängigkeiten und potenziellen Interessenkonflikten führen können.
Die wirtschaftlichen Zahlen: Wachstum ja – Profitabilität nein
Die Umsätze steigen
Die Entwicklung der Umsätze zeigt auf den ersten Blick eine positive Tendenz. Laut Prospekt lagen die Total Net Operating Revenue bei:
- 30.06.2025: CHF 227.164
- 31.12.2024: CHF 456.910
- 31.12.2023: CHF 146.173
- 31.12.2022: CHF 40.338
- 31.12.2021: CHF 40.644
Damit ist klar erkennbar: Zazoon hat sich von einer sehr kleinen Umsatzbasis aus nach oben gearbeitet. Vor allem zwischen 2022 und 2024 ist ein deutlicher Wachstumsschub sichtbar. Für ein junges SaaS-Unternehmen kann das ein gutes Zeichen sein – denn es zeigt, dass es erste Marktakzeptanz gibt und das Produkt offenbar nicht nur auf dem Papier existiert.
Die Kehrseite: Deutliche Verluste über Jahre
Dem Umsatzwachstum stehen allerdings erhebliche Verluste gegenüber. Der ausgewiesene Jahresverlust bzw. Periodenverlust lag laut Prospekt bei:
- 30.06.2025: CHF -1.196.590
- 31.12.2024: CHF -2.597.548
- 31.12.2023: CHF -1.833.152
- 31.12.2022: CHF -851.809
- 31.12.2021: CHF -696.674
Das heißt: Zazoon ist bislang klar verlustträchtig. Das ist im Tech- und SaaS-Sektor in frühen Phasen zwar nicht ungewöhnlich, aber für Anleger eben der entscheidende Punkt. Wer hier investiert, investiert nicht in ein etabliertes, profitables Unternehmen, sondern in eine Wachstumsstory, die erst noch beweisen muss, dass sie sich nachhaltig tragen kann.
Bilanzlage: Der größte Schwachpunkt
Negatives Eigenkapital – ein klarer Warnhinweis
Besonders relevant ist die Eigenkapitalsituation. Laut Prospekt weist Zazoon negatives Eigenkapital aus:
- 30.06.2025: CHF -1.642.801
- 31.12.2024: CHF -4.446.186
- 31.12.2023: CHF -3.061.035
- 31.12.2022: CHF -1.224.468
Das ist kein Detail, sondern einer der wichtigsten Risikofaktoren. Ein negatives Eigenkapital bedeutet vereinfacht gesagt: Die Verbindlichkeiten übersteigen das bilanzielle Vermögen. Der Prospekt spricht ausdrücklich von Überverschuldung und bezeichnet diese als wesentliches Risiko. Positiv ist immerhin: Das Unternehmen hat darauf reagiert. Auf einer außerordentlichen Generalversammlung vom 27. Mai 2025 wurde eine Kapitalerhöhung von CHF 3.999.975 beschlossen, um die Lage zu stabilisieren. Das zeigt, dass das Problem erkannt wurde – es zeigt aber eben auch, dass dieses Problem real und erheblich ist.
Finanzierung durch den Hauptaktionär
Ein weiterer Punkt: Ein großer Teil der Finanzierung stammt nicht aus dem laufenden Geschäft, sondern über Darlehen des Hauptaktionärs bzw. nahestehender Parteien. Die Verbindlichkeiten aus „Loans Payable (Shareholder and Affiliated)“ lagen laut Prospekt bei:
- 30.06.2025: CHF 2.371.743
- 31.12.2024: CHF 4.783.882
- 31.12.2023: CHF 3.377.925
- 31.12.2022: CHF 2.869.797
- 31.12.2021: CHF 1.095.622
Das kann man positiv interpretieren: Der Mehrheitsaktionär ist offenbar bereit, das Unternehmen finanziell zu stützen. Man kann es aber ebenso als Abhängigkeit lesen. Denn ohne diese Finanzierung würde die wirtschaftliche Lage des Unternehmens deutlich angespannter wirken.
Was will Zazoon erreichen?
Zazoon will offenkundig den Sprung schaffen – weg vom kleinen, verlustreichen Entwicklungsunternehmen hin zu einer kapitalmarktorientierten Wachstumsstory.
Die Aktien sollen handelbar werden
Der Prospekt betrifft das öffentliche Angebot von bis zu 2.000.000 bestehenden Aktien. Insgesamt gibt es 30.380.950 Aktien mit einem Nennwert von CHF 0,10, also ein Aktienkapital von CHF 3.038.095. Es handelt sich dabei ausdrücklich um bestehende Aktien aus dem Bestand des Mehrheitsaktionärs 2020 Management AG, nicht um eine klassische Kapitalerhöhung durch neue Aktien.
Gleichzeitig erklärt das Unternehmen, dass ein Listing an europäischen Handelsplätzen angestrebt wird. Sollte das bis Ende 2026 nicht gelingen, soll die Aktie laut Prospekt notfalls dauerhaft über die Schweizer OTC-Plattform OTC-X handelbar gemacht werden. Auch das ist wichtig: Zazoon will Sichtbarkeit und Marktgängigkeit schaffen – aber es gibt eben noch keine gesicherte regulierte Börsennotiz.
Bis zu 15 Millionen Franken sollen mobilisiert werden
Laut Prospekt erwartet man aus dem öffentlichen Angebot bis zu CHF 15.000.000. Diese Mittel sollen im Wesentlichen dazu dienen, dass der Hauptaktionär der Gesellschaft weitere Finanzierung zur Verfügung stellt. Auch das ist ein interessanter Punkt: Es ist also keine klassische direkte Eigenkapitalzufuhr in die Gesellschaft über eine frische Aktienemission, sondern ein Modell, bei dem bestehende Aktien platziert werden und der Hauptaktionär anschließend zusätzliche Finanzierung gewähren will. Für Anleger ist das ein feiner, aber wichtiger Unterschied.
Die Chancen: Warum Zazoon für spekulative Anleger interessant sein könnte
Trotz aller Risiken hat die Story nachvollziehbare positive Elemente:
1. Der Markt ist attraktiv
GRC, Compliance, interne Kontrollsysteme, regulatorische Steuerung – all das sind Themen, die in Unternehmen nicht kleiner, sondern größer werden. Wer hier eine funktionierende SaaS-Lösung etablieren kann, hat grundsätzlich Chancen.
2. Erste Umsätze sind da
Zazoon ist nicht mehr nur Konzept. Es gibt Umsätze, und diese sind zuletzt deutlich gestiegen. Das ist für ein Frühphasen-Unternehmen ein Pluspunkt.
3. Der Hauptaktionär trägt mit
Die Gesellschaft wird bislang stark durch den Hauptaktionär gestützt. Das kann Vertrauen schaffen, weil das Unternehmen nicht völlig allein auf externe Märkte angewiesen scheint.
4. Kapitalmarktfähigkeit ist erklärtes Ziel
Die angestrebte Handelbarkeit – sei es reguliert oder über OTC-X – könnte künftig zu mehr Sichtbarkeit und Liquidität führen, sofern die Umsetzung gelingt.
Die Risiken: Hier müssen Anleger besonders aufmerksam sein
1. Überverschuldung
Das Unternehmen nennt die Überverschuldung selbst ausdrücklich als wesentliches Risiko. Das ist ein harter Faktor, kein theoretisches Randthema.
2. Anhaltende Verluste
Umsatzwachstum ist das eine – der Nachweis, dass das Modell profitabel skaliert, fehlt bislang. Wer investiert, investiert in Hoffnung auf künftige Entwicklung, nicht in bestehende Ertragsstärke.
3. Abhängigkeit vom Mehrheitsaktionär
Wenn der größte Aktionär zugleich zentraler Kreditgeber und Management-Dienstleister ist, entstehen automatisch Interessenkonflikte. Der Prospekt benennt diese Konflikte selbst ausdrücklich.
4. Keine Dividendenhistorie
Seit der Gründung 1999 wurden laut Prospekt keine Dividenden gezahlt. Angesichts der Verluste und des negativen Eigenkapitals ist kurzfristig auch nicht mit laufenden Ausschüttungen zu rechnen.
5. Bewertungsrisiko
Die Bewertung der Aktie basiert laut Prospekt unter anderem auf einem intern entwickelten DCF-Modell. Solche Modelle sind bei jungen Wachstumsunternehmen immer stark annahmegetrieben. Schon kleine Veränderungen bei Wachstum, Marge oder Kapitalkosten können die Bewertung massiv beeinflussen.
6. Regulatorische Sensibilität
Der Prospekt erwähnt frühere Anfragen der BaFin im Zusammenhang mit potenziell unerlaubten öffentlichen Angeboten. Das muss nicht automatisch eine negative Vorverurteilung bedeuten, ist aber ein Hinweis darauf, dass das Thema regulatorisch sensibel ist und Anleger das sauber einordnen sollten.
7. Totalverlustrisiko
Ganz klar und unmissverständlich: Der Prospekt weist darauf hin, dass Anleger ihr eingesetztes Kapital ganz oder teilweise verlieren können. Es gibt keine Einlagensicherung. Im Fall einer Insolvenz kann der Anleger erhebliche Verluste erleiden.
Fazit: Spannende Idee, aber nur etwas für risikobewusste Anleger
Die Zazoon AG ist ein Unternehmen mit einer nachvollziehbaren, durchaus interessanten Positionierung in einem Zukunftsmarkt. GRC-Software als SaaS-Modell kann in den kommenden Jahren ein relevanter Bereich bleiben – und wer hier früh ein funktionierendes Produkt etabliert, kann durchaus Chancen haben. Die Umsatzentwicklung zeigt, dass erste Marktbewegung vorhanden ist. Auch die strategische Zielrichtung – Kapitalmarktfähigkeit, Skalierung, Ausbau der Plattform – ist erkennbar.
Aber:
Zazoon ist kein konservatives Investment.
Es handelt sich nach den vorliegenden Zahlen klar um eine spekulative Wachstumsstory mit erheblichem Risiko. Die Kombination aus Verlusten, negativem Eigenkapital, starker Abhängigkeit vom Mehrheitsaktionär, Interessenkonflikten und noch ungesicherter Handelbarkeit macht deutlich: Wer hier investiert, sollte das nur mit klarem Risikobewusstsein tun.
Kurz gesagt:
Zazoon AG ist eher eine Wette auf die Zukunft eines spezialisierten SaaS-Unternehmens – nicht aber ein Investment für Anleger, die Sicherheit, Stabilität oder kurzfristige Erträge suchen.
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