Jedes Jahr pilgern Hunderttausende Menschen nach Wimbledon, um Weltklasse-Tennis zu sehen. Viele von ihnen glauben, sie besuchen ein Sportereignis. Tatsächlich nehmen sie an einem mehrtägigen Intensivkurs in britischer Höflichkeit, Selbstbeherrschung und organisiertem Anstehen teil.
Seit fast 150 Jahren beweist Wimbledon, dass die Briten selbst aus einer Warteschlange eine nationale Kulturleistung machen können.
Regel Nummer 1: Verehre die Warteschlange
Wer Wimbledon verstehen möchte, muss zunächst verstehen, dass die eigentliche Attraktion nicht das Tennis ist.
Es ist die Schlange.
Während andere Länder versuchen, Wartezeiten zu vermeiden, haben die Briten daraus eine Freizeitbeschäftigung entwickelt.
Besucher reisen an, stellen sich an, erhalten eine Nummer und verbringen die Nacht auf einer Wiese. Stunden später dürfen sie sich erneut anstellen, um ein Ticket kaufen zu dürfen.
Ausländer halten dieses System zunächst für einen organisatorischen Fehler.
Briten nennen es Fairness.
Wer versucht, die Schlange zu umgehen, wird nicht angeschrien. Das wäre unhöflich.
Stattdessen wird er von mehreren tausend Menschen gleichzeitig missbilligend angesehen – eine Strafe, die in Großbritannien ungefähr dem gesellschaftlichen Tod entspricht.
Regel Nummer 2: Zieh dich elegant an, auch wenn niemand es verlangt
Offiziell gibt es für normale Besucher keinen Dresscode.
Inoffiziell kleiden sich viele Menschen trotzdem so, als würden sie nach dem Tennis direkt eine königliche Hochzeit besuchen.
Männer tragen Leinenanzüge bei 28 Grad.
Frauen balancieren Hüte, die groß genug sind, um Kleinflugzeuge umzuleiten.
Und alle behaupten anschließend, sie seien völlig entspannt.
Das eigentliche Wimbledon-Highlight: Essen
Tennis ist wichtig.
Picknick ist wichtiger.
Überall auf dem Gelände sitzen Menschen auf Decken und diskutieren leidenschaftlich über Käse, Erdbeeren und Wurstrollen.
Manche Besucher bringen Gourmet-Menüs mit.
Andere erscheinen mit einem Supermarkt-Sandwich.
In Wimbledon genießen beide Gruppen exakt denselben gesellschaftlichen Status.
Ein Besucher berichtete, ein Fremder habe ihm innerhalb von zehn Minuten sieben verschiedene Käsesorten angeboten.
Die beiden sprechen bis heute nicht über Tennis.
Profis gehen niemals zuerst zum Centre Court
Anfänger laufen direkt zum Centre Court.
Profis wissen, dass dort zunächst gar nichts passiert.
Stattdessen beobachten erfahrene Besucher stundenlang die kleineren Plätze und erklären anschließend jedem in Hörweite, dass sie schon Fan eines Spielers waren, bevor dieser überhaupt berühmt wurde.
Das gehört zur Tradition.
Die wichtigste Regel: Nicht bewegen!
In Wimbledon gibt es eine Vorschrift, die ernster genommen wird als manche Gesetze.
Während eines Ballwechsels bewegt man sich nicht.
Gar nicht.
Nicht aufstehen.
Nicht hinsetzen.
Nicht telefonieren.
Nicht husten.
Nicht existieren.
Wer während eines Punktes seine Tasche öffnet, riskiert den kollektiven Zorn mehrerer tausend Menschen.
Ein klingelndes Handy wird in Wimbledon ungefähr so behandelt wie ein Feueralarm in einer Bibliothek.
Champagner nur zum richtigen Zeitpunkt
Britische Gelassenheit endet exakt dort, wo jemand zwischen zwei Aufschlägen eine Champagnerflasche öffnet.
Das charakteristische „Plopp“ löst regelmäßig Wellen stiller Empörung aus.
Innerhalb von Sekunden drehen sich dutzende Köpfe gleichzeitig um.
Kein Wort wird gesagt.
Kein Protest ausgesprochen.
Doch der Schuldige weiß sofort, dass er einen Fehler gemacht hat.
Die große Illusion der Tennisbälle
Zu den beliebtesten Souvenirs gehören gebrauchte Wimbledon-Tennisbälle.
Jedes Jahr kaufen Tausende Besucher einen Ball in der Hoffnung, dadurch etwas vom Talent der Profis zu übernehmen.
Bislang konnte die Wissenschaft keinen Zusammenhang zwischen dem Besitz eines gebrauchten Wimbledon-Balls und der Fähigkeit nachweisen, einen Vorhandschlag ins Feld zu spielen.
Die Verkaufszahlen bleiben dennoch hervorragend.
Fazit
Wimbledon ist weit mehr als ein Tennisturnier.
Es ist ein Ort, an dem Menschen freiwillig stundenlang anstehen, auf dem Rasen picknicken, schweigend Sport verfolgen und sich kollektiv über ein raschelndes Chipspaket aufregen.
Oder anders gesagt:
Es ist die britischste Veranstaltung der Welt.
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