Seit mehr als 130 Jahren betrachten Millionen Menschen Vincent van Goghs Gemälde „Café Terrace at Night“ und denken: „Schönes Bild.“
Kunsthistoriker hingegen betrachten dasselbe Werk und kommen zu dem Schluss, dass praktisch jeder Pflasterstein, jede Sitzgelegenheit und vermutlich auch jede Sternenkonstellation eine tiefere Bedeutung besitzt.
Ein neuer Analyseansatz zeigt nun, dass Van Gogh 1888 nicht einfach ein Café malte, sondern offenbar gleichzeitig über das Universum, die Geschichte der Menschheit, die Vergänglichkeit des Lebens und möglicherweise die richtige Anordnung von Bistrostühlen nachdachte.
Die Pflastersteine sind nicht nur Pflastersteine
Für gewöhnliche Betrachter besteht der Vordergrund des Bildes aus einer Straße.
Für Kunstexperten handelt es sich hingegen um eine komplexe Reflexion über die Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart.
Unter den Pflastersteinen befanden sich einst römische Bauwerke.
Daraus folgt nach den Regeln moderner Kunstinterpretation selbstverständlich, dass die Pflastersteine das Gewicht der Geschichte symbolisieren.
Andere Beobachter vermuten weiterhin, dass Van Gogh schlicht eine Straße gemalt hat.
Säulen? Welche Säulen?
Besonders faszinierend ist, dass Van Gogh bestimmte antike Säulen, die tatsächlich vorhanden waren, gar nicht malte.
An ihrer Stelle setzte er Häuser und Fenster.
Experten sehen darin einen bewussten Akt der Befreiung von der Vergangenheit.
Zyniker vermuten dagegen, dass Van Gogh einfach malen wollte, was ihm besser gefiel.
Diese Interpretation hat sich in akademischen Kreisen bislang nicht durchgesetzt.
Leere Stühle sorgen für Aufregung
Mehrere Stühle im Vordergrund sind unbesetzt.
Für normale Menschen bedeutet dies, dass niemand darauf sitzt.
Für Kunstwissenschaftler deutet dies möglicherweise auf mittelalterliche Hinrichtungen, gesellschaftliche Rituale, kollektive Erinnerung oder die existenzielle Einsamkeit des modernen Menschen hin.
Ein besonders mutiger Forscher schloss nicht aus, dass manche Gäste einfach noch nicht angekommen waren.
Der Turm der Bedeutung
Im Hintergrund erhebt sich ein Turm.
Dieser Turm war früher eine Kirche, später ein Museum und schließlich ein weiterer Grund dafür, dass Kunsthistoriker mehrere Kapitel schreiben konnten.
Der Turm verbindet laut Experten die Welt des Alltags mit der Unendlichkeit des Kosmos.
Für Touristen verbindet er hauptsächlich den unteren mit dem oberen Bildrand.
Die Sterne sind tatsächlich Sterne
Die größte Überraschung betrifft den Nachthimmel.
Während Van Gogh an vielen Stellen kreativ mit der Realität umging, malte er die Sterne erstaunlich präzise.
Astronomen konnten nachweisen, dass die Sternbilder tatsächlich dem Himmel über Arles im September 1888 entsprechen.
Dies war für viele Kunsthistoriker ein Schock.
Nach jahrzehntelanger Analyse mussten sie akzeptieren, dass die Sterne möglicherweise einfach korrekt gemalte Sterne sind.
Der Beginn einer Legende
„Café Terrace at Night“ war Van Goghs erste große Sternennacht.
Erst Monate später sollte mit der berühmten The Starry Night eines der bekanntesten Gemälde der Welt entstehen.
Schon hier zeigte sich jedoch seine besondere Fähigkeit, aus einer gewöhnlichen Straßenszene etwas Magisches zu machen.
Oder, wie moderne Marketingabteilungen es formulieren würden:
Er verwandelte ein kleines Café in eine immersive, multidimensionale Erfahrung zwischen Geschichte, Spiritualität und kosmischer Sehnsucht.
Für die Gäste des Cafés war es vermutlich einfach ein Ort für ein Glas Wein.
Für die Nachwelt wurde es eines der berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte.
Manchmal reicht dafür offenbar ein guter Abend, ein paar Sterne und ein Künstler, der sich weigert, Dinge einfach nur so zu malen, wie sie sind.
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