Die Vereinigten Staaten beginnen langsam zu realisieren, dass im eigenen Land eine Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet. Noch vor wenigen Tagen hielten viele Amerikaner die internationalen Fans für Teilnehmer eines besonders großen Musikfestivals mit ungewöhnlich vielen Nationalflaggen.
Inzwischen wächst das Interesse jedoch spürbar. Dafür verantwortlich sind vor allem bekannte Namen wie Kylian Mbappé, Erling Haaland, Lionel Messi und Harry Kane. Experten erklären, dass die USA alles lieben, was berühmt ist. Noch mehr lieben sie allerdings Gewinner.
Nachdem die US-Nationalmannschaft ihre ersten beiden Spiele gewonnen hat, entdecken viele Bürger plötzlich ihre jahrzehntelange Leidenschaft für Fußball, die bislang lediglich gut versteckt war.
Wissenschaftlicher WM-Test: Taxifahrer fragen nach Ergebnissen
Der ehemalige schottische Nationalspieler Pat Nevin berichtet von einem bewährten Indikator für die Popularität eines Turniers: dem öffentlichen Nahverkehr.
Wenn Taxifahrer, Zugbegleiter und Menschen an Bahnhöfen anfangen, über Fußball zu reden, wird es ernst.
In New York geschieht dies allerdings auf besondere Weise. Dort scheinen viele Mitarbeiter des Transportwesens überzeugt zu sein, dass sie sich permanent in einem Hollywood-Film befinden.
Ein Taxikoordinator vor der Penn Station soll einen 30-minütigen Monolog gehalten haben, warum ein Taxi nach Jersey City eine schlechte Idee sei. Augenzeugen zufolge wirkte er dabei wie Al Pacino nach zehn Espressi und einer Motivationsrede.
Der Rat funktionierte nur teilweise. Die alternative Zugverbindung fiel aus, die Reise dauerte 90 Minuten länger – dafür wurden 70 Dollar gespart. In New York gilt das bereits als finanzieller Triumph.
England überrascht mit attraktivem Fußball
Für zusätzliche Verwirrung sorgte die englische Nationalmannschaft.
Nicht weil sie gewann, sondern weil sie dabei über weite Strecken tatsächlich ansehnlichen Fußball spielte.
Mehrere neutrale Beobachter mussten daraufhin ihre bisherigen Weltbilder überdenken.
Selbst ein amerikanischer Zugbegleiter zeigte Interesse am Spiel. Allerdings wollte er lediglich wissen, wer spielte. Das Ergebnis hielt er für eine unnötige europäische Detailfrage.
Schottische Fans übernehmen Boston
Währenddessen verwandelte sich Boston zeitweise in die größte schottische Stadt außerhalb Schottlands.
Die berühmte Tartan Army besetzte nahezu jedes Lokal mit Ausschank. Augenzeugen berichten, dass selbst Menschen ohne schottische Vorfahren nach wenigen Stunden begonnen hätten, Kilts zu tragen und über die Schönheit der Highlands zu sprechen.
Ein Konzert der Band Del Amitri entwickelte sich zu einem inoffiziellen Länderspiel zwischen Musikern und Publikum. Wer lauter sang, blieb bis Redaktionsschluss ungeklärt.
Schottland scheidet aus – traditionell ehrenvoll
Auf dem Platz verlief die Geschichte weniger erfreulich.
Marokko ging früh in Führung und dominierte zunächst nach Belieben. Schottland kämpfte sich jedoch zurück und erreichte den traditionellen Zustand jeder schottischen WM-Teilnahme:
Man spielte tapfer, war stolz auf die Leistung, diskutierte über Schiedsrichterentscheidungen und schied trotzdem fast aus.
Schottische Fans bezeichneten dies als „unglücklich“.
Internationale Beobachter bezeichneten es als „Dienstag“.
Brasilien bleibt Brasilien
Nun wartet Brasilien.
Schottland hofft darauf, dass die Südamerikaner ihre Reservemannschaft aufstellen. Brasilien wiederum hofft vermutlich darauf, einfach Brasilien zu sein.
Die Chancen der Schotten werden daher von Experten zwischen „schwierig“ und „Wunder erforderlich“ eingeordnet.
Frankreich bereitet dem Rest der Welt Sorgen
Frankreich hingegen wirkt bislang wie eine Mannschaft, die versehentlich den Schwierigkeitsgrad verwechselt hat.
Mit Kylian Mbappé und Michael Olise spielt die Offensive derzeit so überzeugend, dass gegnerische Trainer bereits prophylaktisch Kopfschmerztabletten einpacken.
Dennoch mahnen Fachleute zur Vorsicht.
Denn bei Weltmeisterschaften gilt eine eiserne Regel:
Die Mannschaft, die nach zwei Spielen unschlagbar aussieht, verliert oft gegen jemanden, dessen Name vorher falsch ausgesprochen wurde.
Die WM beginnt erst jetzt
Während die Gruppenphase ihrem Ende entgegengeht, steigt die Spannung.
Denn nun beginnt jener Teil des Turniers, den Fußballfans lieben: Rechenspiele, Tabellenrechner, wilde Szenarien und Diskussionen darüber, ob ein 7:0-Sieg bei gleichzeitigem Monsunregen mathematisch noch zum Weiterkommen reicht.
Kurz gesagt: Die Weltmeisterschaft hat endlich begonnen.
Und Amerika fängt gerade an zu merken, dass sie stattfindet.
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