Startseite Allgemeines WhatsApp-Gruppe soll Millionen für Kriminalität und Extremismus verschoben haben
Allgemeines

WhatsApp-Gruppe soll Millionen für Kriminalität und Extremismus verschoben haben

arivera (CC0), Pixabay
Teilen

Eine internationale Recherche zeigt, wie ein Netzwerk über das Hawala-System große Bargeldsummen weltweit bewegte. Über eine WhatsApp-Gruppe wurden Zahlungen organisiert, die unter anderem mit Terrorfinanzierung, Schleusung und Drogenhandel in Verbindung gebracht werden.

Eine WhatsApp-Gruppe mit mehr als 500 Mitgliedern soll über Monate hinweg genutzt worden sein, um riesige Bargeldsummen grenzüberschreitend zu verschieben – weitgehend außerhalb des klassischen Bankensystems und ohne übliche elektronische Spuren.

Das ist das Ergebnis einer Recherche des investigativen Netzwerks der European Broadcasting Union (EBU), an der auch die BBC beteiligt war.

Die Gruppe trug den Namen „Traders of Greater Europe“. In ihr sollen 532 Mitglieder organisiert gewesen sein. Zwischen Ende Februar und Dezember 2022 wurden dort mehr als 82.000 Nachrichten ausgetauscht.

Über den Chat wurden Bargeldzahlungen in zahlreichen Ländern koordiniert. Auch britische Städte wie London, Birmingham und Liverpool tauchen in den Nachrichten auf.

In mindestens einem Fall sollen über das Netzwerk Gelder aus Brüssel an Mitglieder der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Syrien gelangt sein.

Geldtransfer ohne Banküberweisung

Genutzt wurde das sogenannte Hawala-System.

Dabei handelt es sich um ein jahrhundertealtes informelles Überweisungssystem, das vor allem auf Vertrauen zwischen Geldvermittlern basiert.

Ein Kunde zahlt Bargeld bei einem sogenannten Hawaladar ein. Dieser kontaktiert einen Partner an einem anderen Ort oder in einem anderen Land. Dort erhält der Empfänger den entsprechenden Betrag – abzüglich einer Provision.

Das Geld selbst muss dabei nicht physisch über Grenzen transportiert werden. Die beteiligten Vermittler gleichen ihre gegenseitigen Forderungen später untereinander aus.

Dadurch kann Geld international transferiert werden, ohne dass eine klassische Banküberweisung stattfindet.

Hawala ist nicht automatisch kriminell

Das System wird weltweit auch für vollkommen legale Zwecke genutzt.

Vor allem Menschen, die in Ländern mit schwacher Bankeninfrastruktur arbeiten oder leben, verwenden Hawala, um Geld an Familienangehörige zu überweisen.

Problematisch wird das System jedoch dort, wo es zur Verschleierung krimineller Geldströme verwendet wird.

Denn anders als bei regulären internationalen Banküberweisungen entstehen häufig keine zentral gespeicherten elektronischen Transaktionsdaten.

Banken sind bei auffälligen Zahlungen verpflichtet, verdächtige Aktivitäten zu prüfen und gegebenenfalls zu melden. Bei informellen Hawala-Strukturen lässt sich diese Kontrolle deutlich schwerer durchführen.

Gruppe nur für größere Beträge

Die WhatsApp-Gruppe „Traders of Greater Europe“ soll laut Recherche ausschließlich für Transaktionen oberhalb von 5.000 Euro genutzt worden sein.

Häufig waren die angefragten Beträge erheblich höher.

Ausgewertete Chatnachrichten zeigen beispielsweise Anfragen nach zehntausenden oder sogar hunderttausenden Pfund in verschiedenen europäischen Städten.

Andere Teilnehmer antworteten darauf sinngemäß mit kurzen Bestätigungen wie „gesendet“ oder „verfügbar“.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche Mitglieder der WhatsApp-Gruppe an kriminellen Geschäften beteiligt waren.

Dafür gibt es nach den vorliegenden Informationen keine Hinweise.

Ermittlungen begannen mit Terrorfinanzierung

Entdeckt wurde der Chat durch belgische Ermittler.

Ausgangspunkt war eine Untersuchung wegen möglicher Terrorfinanzierung.

Der belgische Untersuchungsrichter Vincent Guerra stieß im Zuge des Verfahrens auf ein wesentlich größeres Netzwerk.

Nach seiner Darstellung erwies sich der ursprüngliche Verdacht auf Terrorfinanzierung letztlich nur als kleiner Teil eines sehr viel umfangreicheren Geldtransfersystems.

Die Zahl der Transaktionen bezeichnete er als enorm. Das Netzwerk habe sich praktisch über die ganze Welt erstreckt.

Geld für den „Islamischen Staat“

Belgische Ermittler fanden Hinweise darauf, dass über das Netzwerk auch Gelder an die Terrororganisation „Islamischer Staat“ gelangten.

Das Geld soll unter anderem dazu bestimmt gewesen sein, Frauen von IS-Kämpfern bei der Flucht aus Internierungslagern in Syrien zu unterstützen.

Im Mittelpunkt der belgischen Ermittlungen standen unter anderem zwei Personen, die als „Abu Adam“ und „Abu Ahmed“ bezeichnet wurden.

Bei der Festnahme von Abu Adam fanden Ermittler auf seinem Mobiltelefon schließlich die WhatsApp-Gruppe.

Für die Behörden war der Fund von großer Bedeutung, weil er erstmals einen detaillierten Einblick in die interne Organisation eines solchen Netzwerks ermöglichte.

Tausende Fotos von Geldscheinen und Ausweisen

Auf dem Telefon fanden die Ermittler außerdem rund 6.000 Fotos von Fünf-Euro-Scheinen sowie etwa 6.000 Bilder von Ausweisdokumenten.

Die Seriennummern von Geldscheinen und Identitätsdokumente können bei Hawala-Geschäften als Identifikationsmerkmal dienen.

Ein Kunde kann beispielsweise die Seriennummer eines bestimmten Geldscheins nennen. Der Empfänger weist sich anschließend mit dieser Nummer beim örtlichen Vermittler aus.

Nach Einschätzung des belgischen Untersuchungsrichters deutet die Menge des gefundenen Materials darauf hin, dass allein über Abu Adam mindestens 12.000 Transaktionen abgewickelt worden sein könnten.

Sechs Geldwäscher aus dem Umfeld des Netzwerks wurden 2024 in Belgien verurteilt.

Hunderte Millionen Euro bewegt

Die EBU-Recherche fand zudem Hinweise auf weitere Hawala-Netzwerke in Europa.

Ein ehemaliger Geldwäscher, der unter dem Namen „Frank“ zitiert wird, erklärte gegenüber den Journalisten, er selbst sei an Transaktionen im Gesamtwert von mehreren hundert Millionen Euro beteiligt gewesen.

Seinen ersten Kontakt mit einem solchen Netzwerk habe er in einem Büro außerhalb Rotterdams gehabt.

Innerhalb von etwa anderthalb Stunden seien dort fünf oder sechs Geldkuriere mit Bargeld erschienen. Nach seiner Schätzung wurde allein in diesem kurzen Zeitraum mindestens eine Million Euro bewegt.

Später habe er erkannt, dass solche Netzwerke nicht nur gewöhnliche Geldtransfers abwickelten, sondern auch mit Terrorfinanzierung, Drogenhandel und anderen Formen organisierter Kriminalität in Verbindung standen.

Schleuser nutzten Hawala ebenfalls

Auch Ermittlungen in Österreich zeigen, welche Rolle Hawala bei Schleusernetzwerken spielen kann.

In Wien durchsuchte die Polizei nach Angaben des österreichischen Rundfunks ORF ein Hawala-Büro, das aus einem Kebab-Restaurant heraus betrieben worden sein soll.

Nach Einschätzung der Behörden wurde das System genutzt, um Zahlungen im Zusammenhang mit Menschenschmuggel abzuwickeln.

Zwei syrische Brüder, die das Netzwerk betrieben haben sollen, wurden wegen Menschenhandels sowie schwerer Gewalttaten angeklagt.

Einer der Vorwürfe betraf die Misshandlung eines Geldkuriers, der 350.000 Euro verloren hatte und angegeben haben soll, beraubt worden zu sein.

Die beiden Männer wurden später zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Geldforderungen nach Folter

Besonders drastisch sind Erkenntnisse österreichischer Ermittler aus dem Bereich der Schleuserkriminalität.

Gerald Tatzgern, Leiter von Ermittlungen gegen Menschenhandel beim österreichischen Bundeskriminalamt, berichtete, dass kriminelle Gruppen Migranten teilweise misshandelten und anschließend Videos an deren Familien verschickten.

Den Angehörigen sei dann mitgeteilt worden, dass die Gewalt fortgesetzt werde, wenn sie nicht zusätzliche Geldbeträge zahlten.

Auch solche Zahlungen sollen über Hawala-Netzwerke abgewickelt worden sein.

Europol sieht Hawala als wichtigen Geldwäschekanal

Ermittler sehen in informellen Transfersystemen inzwischen einen wichtigen Bestandteil der Finanzinfrastruktur organisierter Kriminalität.

Ein mit Europol zusammenarbeitender Polizeibeamter bezeichnete Hawala gegenüber den beteiligten Journalisten als einen der zentralen Geldwäschekanäle für kriminelle Netzwerke.

Dabei werden offenbar legale und illegale Geldströme teilweise innerhalb derselben Systeme abgewickelt.

Für die Vermittler spielt die Herkunft des Geldes nach Einschätzung der Ermittler häufig nur eine untergeordnete Rolle – solange die vereinbarte Provision bezahlt wird.

Ermittler stehen vor einem strukturellen Problem

Die Recherche macht damit ein grundsätzliches Problem deutlich.

Internationale Finanzaufsicht und Strafverfolgung sind stark auf nachvollziehbare Zahlungswege angewiesen. Bei Banküberweisungen existieren Kontodaten, Zahlungsreferenzen, Empfängerinformationen und elektronische Transaktionshistorien.

Bei informellen Hawala-Systemen fehlen solche Spuren häufig oder sind über viele einzelne Vermittler verteilt.

Dass die belgischen Ermittler überhaupt einen so umfangreichen Einblick erhielten, war deshalb außergewöhnlich.

Nicht das Zahlungssystem selbst, sondern der WhatsApp-Chat wurde zur entscheidenden Spur.

Er zeigte, wie schnell und professionell sich große Bargeldsummen offenbar international organisieren lassen – und wie schwer solche Netzwerke zu kontrollieren sind, wenn sie sich außerhalb des regulären Finanzsystems bewegen.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

BaFin warnt vor 37mh.com: „Wer bereits Geld überwiesen hat, sollte jetzt keine Zeit verlieren“

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) warnt vor Angeboten auf der Website 37mh(.)com....

Allgemeines

RIP:Abschied von „Matz“ Vogel – ein großer Fußballer, der nie größer sein wollte als das Spiel

Mit Eberhard Vogel ist einer jener Fußballer gestorben, deren Bedeutung sich nicht...

Allgemeines

Vorsicht Betrug mit Chatgpt!!!!Absender der Betrugsmail ChatGPT

Haben Sie auch eine Mail von dem Absender bekommen, das etwas mit...

Allgemeines

FC Viktoria 1889 Berlin Fußball GmbH-Insolvenz

3602 IN 3175/26 | In dem Verfahren über den Antrag auf Eröffnung...