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Wenn die Maschine unsere Arbeit übernimmt – wovon leben wir dann?

qimono (CC0), Pixabay
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Künstliche Intelligenz verspricht uns eine Welt, in der Menschen immer weniger arbeiten müssen. Das klingt nach Freiheit. Doch unsere Gesellschaft hat ein kleines Problem: Wer nicht arbeitet, bekommt meistens auch kein Geld. Was geschieht also, wenn Maschinen tatsächlich immer größere Teile unserer Arbeit übernehmen?

Vielleicht werden Historiker eines Tages auf unsere Zeit zurückblicken und sich über eine merkwürdige Widersprüchlichkeit wundern.

Seit Jahrtausenden versucht der Mensch, sich Arbeit vom Hals zu schaffen.

Wir erfanden den Pflug, damit wir den Boden nicht mit den Händen aufbrechen mussten. Wir bauten Wasserräder, Dampfmaschinen und Motoren. Wir entwickelten Waschmaschinen, Mähdrescher, Taschenrechner und Computer.

Immer war die Hoffnung dieselbe:

Die Maschine soll uns Arbeit abnehmen.

Und jetzt, da Maschinen tatsächlich beginnen, uns nicht nur körperliche, sondern auch geistige Arbeit abzunehmen, bekommen wir plötzlich Angst.

Nicht unbedingt davor, dass die Maschine unsere Arbeit nicht erledigen könnte.

Sondern davor, dass sie es zu gut kann.

Das ist eines der großen Paradoxa unserer Zeit.

Wir haben über Jahrhunderte Maschinen entwickelt, damit Menschen weniger arbeiten müssen.

Und nun fürchten wir uns davor, dass Menschen tatsächlich weniger gebraucht werden könnten.

Warum?

Weil unsere Gesellschaft Arbeit und Einkommen so eng miteinander verbunden hat, dass die Befreiung von Arbeit plötzlich zur wirtschaftlichen Bedrohung werden kann.

Die entscheidende Frage des KI-Zeitalters lautet deshalb möglicherweise gar nicht:

Was kann künstliche Intelligenz?

Sie lautet:

Wovon leben Menschen, wenn künstliche Intelligenz einen immer größeren Teil dessen erledigt, wofür Menschen bisher bezahlt wurden?

Die Rechnung des ganz normalen Lebens

Philosophische Debatten über künstliche Intelligenz klingen häufig beeindruckend.

Es geht um Bewusstsein.

Singularität.

Superintelligenz.

Autonome Systeme.

Maschinelles Denken.

Aber Millionen Menschen beschäftigt eine wesentlich banalere Frage:

Wie bezahle ich nächsten Monat meine Miete?

Denn am Monatsende diskutiert der Vermieter nicht über die Singularität.

Er möchte seine Miete.

Der Supermarkt akzeptiert keine philosophische Abhandlung über Produktivitätsfortschritt.

Die Stromrechnung wird nicht kleiner, weil ein Algorithmus inzwischen die Arbeit erledigt, für die ein Mensch früher bezahlt wurde.

Menschen brauchen Geld.

Für Lebensmittel.

Für Wohnung.

Für Kleidung.

Für ihre Kinder.

Für Versicherungen.

Für Mobilität.

Für Pflege.

Für ein kleines Stück gesellschaftliche Teilhabe.

Und dieses Geld erhalten die meisten Menschen bislang dadurch, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen.

Genau diese Verbindung könnte durch künstliche Intelligenz ins Wanken geraten.

Wir verkaufen Lebenszeit

Im Kern ist unser heutiges Wirtschaftsmodell erstaunlich einfach.

Die meisten Menschen besitzen weder Fabriken noch große Aktienpakete, Rechenzentren oder Milliardenvermögen.

Was besitzen sie?

Ihre Arbeitskraft.

Und ihre Zeit.

Ein Mensch sagt einem Unternehmen im Grunde:

Ich gebe dir einen Teil meiner Lebenszeit. Dafür gibst du mir Geld.

Acht Stunden am Tag.

Fünf Tage in der Woche.

Vierzig oder fünfzig Jahre lang.

Das nennen wir Erwerbsleben.

Mit dem erhaltenen Geld kaufen wir uns anschließend jene Dinge, die wir zum Leben benötigen.

Dieses System funktioniert, solange Unternehmen menschliche Arbeitskraft benötigen.

Was aber geschieht, wenn Unternehmen für immer mehr Tätigkeiten keine Menschen mehr benötigen?

Dann entsteht ein Problem, das weit über Arbeitsmarktpolitik hinausgeht.

Denn plötzlich verliert ein großer Teil der Bevölkerung möglicherweise genau das Gut an wirtschaftlichem Wert, das er verkaufen kann:

seine Arbeitskraft.

Diesmal trifft Automatisierung nicht nur die Fabrikhalle

Technologischer Wandel hat schon immer Berufe verschwinden lassen.

Kutscher.

Schriftsetzer.

Telefonvermittlerinnen.

Laternenanzünder.

Bestimmte Fabrikarbeiter.

Gleichzeitig entstanden neue Tätigkeiten.

Deshalb lautet ein beruhigendes Argument:

Das war schon immer so.

Die KI wird alte Arbeitsplätze vernichten und neue schaffen.

Vielleicht stimmt das.

Aber darauf wetten sollten wir nicht blind.

Denn künstliche Intelligenz unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von vielen früheren Automatisierungswellen.

Sie greift nicht nur nach unseren Händen.

Sie greift nach Teilen unseres Denkens.

Plötzlich betrifft Automatisierung nicht mehr ausschließlich Fließbandarbeiter.

Sie betrifft Übersetzer.

Grafiker.

Programmierer.

Journalisten.

Sachbearbeiter.

Buchhalter.

Versicherungsmitarbeiter.

Marketingabteilungen.

Kundenservice.

Anwaltskanzleien.

Banken.

Steuerberatung.

Verwaltung.

Medizinische Diagnostik.

Architektur.

Unternehmensberatung.

Und selbst kreative Berufe.

Die Maschine fährt nicht mehr nur den Gabelstapler.

Sie schreibt inzwischen den Geschäftsbrief.

Ein Mensch gegen hundert digitale Kollegen

Das eigentliche Veränderungspotenzial liegt möglicherweise nicht darin, dass künstliche Intelligenz sämtliche Beschäftigten ersetzt.

Es reicht bereits, wenn sie ihre Produktivität massiv erhöht.

Stellen wir uns eine Firma vor, die heute hundert Menschen beschäftigt.

Mit leistungsfähigen KI-Systemen schaffen künftig vielleicht dreißig Menschen dieselbe Arbeit.

Das Unternehmen produziert weiterhin genauso viel.

Vielleicht sogar mehr.

Ökonomisch ist das ein Produktivitätsgewinn.

Für die siebzig Menschen, die ihre Arbeitsplätze verlieren, fühlt sich derselbe Produktivitätsgewinn allerdings vollkommen anders an.

Und damit gelangen wir zur wahrscheinlich wichtigsten ökonomischen Frage des KI-Zeitalters:

Wem gehört eigentlich der Produktivitätsgewinn?

Das Problem ist möglicherweise gar nicht die KI

Nehmen wir eine extreme Zukunft an.

Maschinen produzieren Lebensmittel.

Roboter bauen Häuser.

Autonome Fahrzeuge transportieren Waren.

KI entwickelt Software.

Algorithmen erledigen Buchhaltung.

Maschinen reinigen Straßen.

Roboter pflegen Grünanlagen.

KI diagnostiziert Krankheiten.

Automatisierte Fabriken produzieren Kleidung, Möbel und Haushaltsgeräte.

Eigentlich müsste das eine fantastische Welt sein.

Die Menschheit hätte einen uralten Traum erreicht:

Wir könnten sehr viel produzieren und müssten dafür sehr wenig arbeiten.

Das müsste Wohlstand bedeuten.

Freiheit.

Zeit.

Warum könnte daraus trotzdem eine soziale Katastrophe werden?

Weil die entscheidende Frage nicht lautet, wie viel produziert wird.

Sie lautet:

Wem gehören die Maschinen, die produzieren?

Wenn wenige Menschen die KI-Systeme, Rechenzentren, Roboter, Plattformen und Unternehmen besitzen und Milliarden andere Menschen lediglich ihre Arbeitskraft besitzen, könnte ein absurdes Ergebnis entstehen:

Die Gesellschaft wäre produktiver als jemals zuvor.

Und trotzdem könnten Millionen Menschen ärmer werden.

Nicht weil zu wenig vorhanden wäre.

Sondern weil sie keinen Anspruch auf einen ausreichenden Anteil daran hätten.

Das wäre kein technologisches Problem.

Es wäre ein Verteilungsproblem.

Wenn niemand mehr Lohn bekommt – wer kauft dann die Produkte?

Hier entsteht außerdem ein Problem für den Kapitalismus selbst.

Unternehmen automatisieren, um Kosten zu senken.

Der größte Kostenblock vieler Unternehmen sind Mitarbeiter.

Also erscheint es betriebswirtschaftlich logisch, menschliche Arbeit durch Maschinen zu ersetzen.

Doch Mitarbeiter haben eine interessante Nebenfunktion.

Sie sind gleichzeitig Verbraucher.

Der Arbeitnehmer einer Firma kauft das Auto einer anderen.

Die Verkäuferin bezahlt ihre Wohnung.

Der Programmierer geht ins Restaurant.

Der Buchhalter kauft Schuhe.

Die Krankenschwester fährt in den Urlaub.

Das Einkommen des einen Menschen wird zum Umsatz eines anderen Unternehmens.

Wenn Unternehmen nun im großen Stil Arbeit automatisieren und dadurch Löhne verschwinden, entsteht irgendwann eine merkwürdige Frage:

Wer kauft eigentlich all die Produkte, die unsere fantastischen Maschinen herstellen?

Eine Wirtschaft braucht nicht nur Produktion.

Sie braucht Nachfrage.

Eine vollautomatische Fabrik, die eine Million Smartphones produziert, hat wenig davon, wenn niemand genügend Geld besitzt, sie zu kaufen.

Deshalb könnte eine extreme Automatisierung ausgerechnet das System destabilisieren, das sie besonders effizient machen sollte.

Vielleicht müssen wir Arbeit und Einkommen teilweise entkoppeln

Das führt zu einer Vorstellung, die heute für manche Menschen noch radikal klingt:

Vielleicht müssen Einkommen und klassische Erwerbsarbeit künftig teilweise voneinander getrennt werden.

Nicht vollständig.

Aber stärker als heute.

Denn wenn Maschinen einen wachsenden Anteil der gesellschaftlichen Wertschöpfung übernehmen, stellt sich die Frage, ob Menschen weiterhin ausschließlich über Erwerbsarbeit an dieser Wertschöpfung beteiligt werden können.

Hier beginnt die Debatte über Grundeinkommen.

Negative Einkommensteuer.

Bürgergeldmodelle.

Sozialdividenden.

Mitarbeiterbeteiligungen.

Kapitalbeteiligungen breiter Bevölkerungsschichten.

Öffentliche Beteiligung an KI-Infrastruktur.

Oder eine sogenannte Roboter- beziehungsweise Automatisierungsdividende.

Über die konkrete Konstruktion kann und muss man streiten.

Die grundlegende Frage lässt sich jedoch kaum vermeiden:

Wenn Maschinen einen immer größeren Anteil unseres Wohlstands produzieren, wie gelangt dieser Wohlstand zu Menschen, deren Arbeitskraft dafür immer weniger benötigt wird?

Vielleicht müssen wir alle Kapitalisten werden

Eine andere Antwort könnte lauten:

Wenn Arbeit als Einkommensquelle an Bedeutung verliert, muss Eigentum als Einkommensquelle breiter verteilt werden.

Heute verdienen viele wohlhabende Menschen ihr Geld nicht hauptsächlich dadurch, dass sie acht Stunden täglich arbeiten.

Sie besitzen Vermögen.

Aktien.

Unternehmensanteile.

Immobilien.

Patente.

Kapital.

Ihr Vermögen arbeitet gewissermaßen für sie.

Wenn KI menschliche Arbeit zunehmend ersetzt, könnte genau darin eine langfristige gesellschaftliche Aufgabe liegen:

Nicht nur wenige Menschen sollten Eigentümer der Maschinenökonomie sein.

Sehr viele Menschen müssten daran beteiligt werden.

Denkbar wären beispielsweise staatlich oder gesellschaftlich organisierte Fonds, in denen Bürger indirekt Anteile an produktiven Unternehmen und KI-Infrastruktur besitzen.

Dann würde Produktivitätswachstum nicht ausschließlich über Löhne verteilt.

Menschen erhielten zusätzlich eine Art gesellschaftliche Kapitalrendite.

Das wäre keine Abschaffung der Marktwirtschaft.

Es könnte vielmehr eine Anpassung der Marktwirtschaft an eine Welt sein, in der menschliche Arbeit nicht mehr der einzige zentrale Produktionsfaktor ist.

Was bleibt dem Menschen?

Doch vielleicht unterschätzen wir uns selbst.

Denn Menschen bestehen nicht ausschließlich aus Produktivität.

Eine Mutter, die nachts neben dem Bett ihres kranken Kindes sitzt, erwirtschaftet in diesem Moment kein Bruttoinlandsprodukt.

Und trotzdem tut sie etwas unendlich Wertvolles.

Ein Sohn, der seinen dementen Vater besucht.

Eine Nachbarin, die einer alten Frau Einkäufe bringt.

Ein Trainer, der Kindern Fußball beibringt.

Ein Ehrenamtlicher bei der Feuerwehr.

Eine Freundin, die einem verzweifelten Menschen zwei Stunden zuhört.

Ein Großvater, der seinem Enkel Geschichten erzählt.

Unsere ökonomische Statistik hat eine seltsame Schwäche:

Sie verwechselt häufig Preis mit Wert.

Was keinen Marktpreis besitzt, erscheint wirtschaftlich schnell wertlos.

Aber menschliche Gesellschaften leben gerade von Dingen, die sich schlecht automatisieren und noch schlechter in Euro messen lassen.

Vertrauen.

Zuneigung.

Verantwortung.

Erziehung.

Fürsorge.

Gemeinschaft.

Humor.

Moral.

Freundschaft.

Mut.

Vielleicht zwingt uns KI deshalb irgendwann dazu, eine sehr alte Frage neu zu stellen:

Was ist eigentlich Arbeit?

Warum arbeiten wir überhaupt?

Natürlich arbeiten wir, um Geld zu verdienen.

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

Arbeit gibt Menschen häufig Struktur.

Anerkennung.

Identität.

Gemeinschaft.

Das Gefühl, gebraucht zu werden.

Wer jemanden kennenlernt, fragt häufig schon nach wenigen Minuten:

„Was machst du beruflich?“

Wir fragen selten:

„Was für ein Mensch bist du?“

Unser Beruf ist zu einem Teil unserer Identität geworden.

Deshalb wäre eine Gesellschaft ohne ausreichende Erwerbsarbeit nicht automatisch ein Paradies.

Selbst wenn jeder finanziell abgesichert wäre, bliebe eine zweite große Aufgabe:

Menschen brauchen das Gefühl, etwas beitragen zu können.

Vielleicht ist die größte Herausforderung der KI deshalb nicht die Finanzierung unseres Lebens.

Vielleicht ist es die Frage nach dem Sinn.

Der Mensch darf nicht zum überflüssigen Produktionsfaktor werden

Die gefährlichste Vorstellung wäre eine Gesellschaft, die Menschen ausschließlich nach ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit beurteilt.

Dann würde KI tatsächlich Millionen Menschen „überflüssig“ machen.

Aber ein Mensch ist kein Produktionsfaktor.

Er ist Vater.

Mutter.

Tochter.

Sohn.

Freund.

Nachbar.

Bürger.

Liebender.

Träumender.

Sterblicher.

Die Wirtschaft sollte dem Menschen dienen.

Nicht der Mensch der Wirtschaft.

Dieser Satz klingt banal.

Im Zeitalter künstlicher Intelligenz könnte er revolutionär werden.

Vielleicht arbeiten wir künftig weniger

Eine weitere Möglichkeit wird erstaunlich selten diskutiert.

Was wäre, wenn Produktivitätsfortschritt tatsächlich dazu führt, dass wir weniger arbeiten?

Nicht zwanzig Prozent der Menschen gar nicht mehr und die anderen sechzig Stunden pro Woche.

Sondern alle weniger.

Vier Tage.

Vielleicht irgendwann drei.

Wenn KI einen Menschen doppelt so produktiv macht, besteht theoretisch nicht nur die Möglichkeit, doppelt so viel zu produzieren.

Wir könnten auch dasselbe produzieren und einen Teil der gewonnenen Zeit behalten.

Zeit wäre dann eine Produktivitätsdividende.

Das wäre eigentlich die logische Vollendung des technologischen Fortschritts.

Denn warum entwickeln wir Maschinen, wenn nicht, um menschliche Lebenszeit zurückzugewinnen?

Aber wer bezahlt die gewonnene Freiheit?

Hier kehren wir zur unangenehmen Ausgangsfrage zurück.

Arbeitszeitverkürzung funktioniert nur, wenn Einkommen nicht im gleichen Verhältnis sinkt.

Und dafür muss der Produktivitätsgewinn verteilt werden.

Genau deshalb ist die Diskussion über KI letztlich eine Diskussion über Eigentum.

Steuern.

Sozialversicherung.

Unternehmensgewinne.

Arbeitszeit.

Kapitalbeteiligung.

Bildung.

Und gesellschaftliche Macht.

Nicht die KI entscheidet darüber, ob ihre Produktivität uns mehr Freizeit oder mehr Arbeitslosigkeit bringt.

Das entscheiden Menschen.

Was können wir persönlich noch tun?

Für den Einzelnen wäre es wahrscheinlich falsch, auf einen Beruf zu setzen, von dem wir behaupten, er sei garantiert „KI-sicher“.

Niemand kennt diese Liste.

Sinnvoller ist eine andere Strategie.

Wir müssen lernen, mit der Maschine zu arbeiten, bevor wir gegen die Maschine arbeiten müssen.

Der Journalist, der KI sinnvoll für Recherche, Datenanalyse und Strukturierung nutzt, kann leistungsfähiger werden.

Der Handwerker, der Planung, Angebotserstellung und Verwaltung automatisiert, gewinnt Zeit für seine eigentliche Arbeit.

Der Arzt kann Dokumentationsaufwand reduzieren.

Der Rechtsanwalt kann große Dokumentenmengen schneller analysieren.

Der Unternehmer kann Routineprozesse automatisieren.

Der Lehrer kann Materialien individualisieren.

KI muss nicht zwangsläufig Mensch gegen Maschine bedeuten.

Sehr häufig wird es zunächst heißen:

Mensch mit KI gegen Mensch ohne KI.

Deshalb ist digitale Bildung keine technische Spielerei mehr.

Sie wird zu einer sozialen Frage.

Wir müssen wieder lernen, Dinge zu können, die außerhalb des Bildschirms existieren

Interessanterweise könnte das KI-Zeitalter gleichzeitig eine Renaissance sehr menschlicher und praktischer Fähigkeiten auslösen.

Handwerk.

Pflege.

Erziehung.

Gastronomie.

Reparatur.

Installation.

Bau.

Persönliche Dienstleistungen.

Soziale Arbeit.

Führung.

Verhandlung.

Unternehmertum.

Überall dort, wo die reale Welt unordentlich, körperlich, emotional und unvorhersehbar ist, bleibt der Mensch vorerst erstaunlich konkurrenzfähig.

Vielleicht bekommt der Satz „Handwerk hat goldenen Boden“ im Zeitalter generativer KI eine völlig neue Bedeutung.

Bildung muss sich verändern

Unser Bildungssystem wurde für eine Welt gebaut, in der Wissen knapp war.

Der Lehrer wusste etwas.

Das Buch enthielt etwas.

Der Schüler sollte es lernen.

Nun trägt praktisch jeder Mensch eine Maschine bei sich, die innerhalb von Sekunden gewaltige Wissensmengen erschließen kann.

Auswendiglernen verschwindet nicht vollständig.

Aber andere Fähigkeiten werden wichtiger.

Gute Fragen stellen.

Informationen überprüfen.

Quellen bewerten.

Zusammenhänge erkennen.

Entscheidungen treffen.

Verantwortung übernehmen.

Kreativ kombinieren.

Mit Menschen kommunizieren.

Unsicherheit aushalten.

Und vor allem:

Urteilen können.

Denn wenn Maschinen Antworten produzieren, wird die Fähigkeit, gute von schlechten Antworten zu unterscheiden, wertvoller.

Die politische Frage hinter der technischen Revolution

Es wäre bequem zu behaupten, der Markt werde das alles irgendwie regeln.

Vielleicht tut er es.

Vielleicht aber auch nicht.

Die industrielle Revolution hat enorme Wohlstandsgewinne geschaffen.

Sie produzierte gleichzeitig Kinderarbeit, Elendsviertel und extreme Arbeitsbedingungen.

Erst gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen führten zu Arbeitsschutz, Sozialversicherung, Tarifrechten, Rentensystemen und Begrenzungen der Arbeitszeit.

Technischer Fortschritt erzeugt nicht automatisch sozialen Fortschritt.

Er schafft Möglichkeiten.

Was daraus entsteht, ist eine gesellschaftliche Entscheidung.

Dasselbe gilt für KI.

Wir müssen jetzt über die Verteilung reden – nicht erst nach der Massenarbeitslosigkeit

Der schlechteste Zeitpunkt, über ein neues Sozial- und Wirtschaftsmodell nachzudenken, wäre der Moment, in dem Millionen Menschen bereits ihre Einkommen verloren haben.

Deshalb gehört die Frage heute auf den Tisch.

Was passiert mit Sozialversicherungssystemen, wenn weniger Lohnarbeit existiert?

Wie finanzieren wir Renten, wenn Beiträge überwiegend auf Arbeit erhoben werden, Wertschöpfung aber zunehmend durch Kapital und Maschinen entsteht?

Soll Arbeit steuerlich weiterhin stärker belastet werden als manche Kapitalerträge?

Wie beteiligen wir Bürger am Produktivitätsgewinn der KI?

Wie verhindern wir extreme Eigentumskonzentration?

Wie ermöglichen wir Weiterbildung in jedem Lebensalter?

Wie verteilen wir Arbeitszeit?

Und wie sichern wir Menschen ein würdiges Leben, wenn ihre Arbeitskraft zeitweise oder dauerhaft nicht nachgefragt wird?

Das sind keine Fragen für das Jahr 2050.

Sie beginnen jetzt.

Vielleicht steht uns etwas Großartiges bevor

Bei all den Risiken sollten wir eines nicht vergessen.

Eine Welt mit wesentlich weniger notwendiger Arbeit wäre aus Sicht fast aller früheren Generationen vermutlich ein Traum gewesen.

Menschen könnten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Kranke Angehörige pflegen.

Musik machen.

Sport treiben.

Reisen.

Lernen.

Forschen.

Sich engagieren.

Unternehmen gründen.

Freunde treffen.

Gärten anlegen.

Bücher schreiben.

Oder einfach einmal nichts tun.

Die Vorstellung, dass ein Mensch acht Stunden täglich arbeiten muss, damit sein Leben gesellschaftlich legitim erscheint, ist kein Naturgesetz.

Sie ist eine historische Konstruktion.

Vielleicht gibt uns KI tatsächlich die Möglichkeit, sie zu verändern.

Oder etwas sehr Düsteres

Es gibt allerdings auch die andere Zukunft.

Wenige Unternehmen besitzen die leistungsfähigsten KI-Systeme.

Wenige Menschen besitzen diese Unternehmen.

Produktivität und Gewinne explodieren.

Gleichzeitig verlieren große Teile der Bevölkerung ihre wirtschaftliche Verhandlungsmacht.

Eine kleine Eigentümerklasse besitzt Maschinen, Daten und Infrastruktur.

Eine große Mehrheit ist von Transfers abhängig und besitzt kaum eigenes produktives Vermögen.

Technologisch wäre diese Gesellschaft unglaublich fortschrittlich.

Sozial könnte sie erstaunlich feudal wirken.

Auch diese Zukunft ist möglich.

Nicht weil KI sie zwingend erzeugt.

Sondern weil Menschen Eigentums- und Machtstrukturen so gestalten könnten.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Was wird KI mit uns machen?

Vielleicht stellen wir seit Jahren die falsche Frage.

Wir fragen:

Was wird künstliche Intelligenz mit unserer Gesellschaft machen?

Als wäre KI eine Naturkatastrophe.

Ein Meteorit.

Etwas, das einfach über uns kommt.

Aber künstliche Intelligenz besitzt keine Gesellschaftsordnung.

Sie schreibt keine Steuergesetze.

Sie bestimmt keine Eigentumsrechte.

Sie legt keine Arbeitszeiten fest.

Sie entscheidet nicht über Renten.

Sie verteilt keine Unternehmensanteile.

Sie legt nicht fest, wem der Produktivitätsgewinn gehört.

Das tun wir.

Deshalb lautet die bessere Frage:

Was werden wir mit einer Gesellschaft machen, in der Maschinen immer mehr Arbeit übernehmen können?

Die vielleicht größte Chance seit Beginn der Industrialisierung

Vielleicht befinden wir uns tatsächlich an einer historischen Weggabelung.

Der eine Weg führt in eine Gesellschaft, in der künstliche Intelligenz Menschen ökonomisch entwertet.

Der andere führt in eine Gesellschaft, in der sie Menschen von einem Teil der notwendigen Arbeit befreit.

Technisch können beide Welten auf denselben Algorithmen beruhen.

Der Unterschied liegt nicht im Computer.

Er liegt in unseren Entscheidungen.

Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung deshalb darin, endlich zu verstehen, dass Arbeit nicht dasselbe ist wie menschlicher Wert.

Ein Mensch besitzt Würde, auch wenn ein Algorithmus seine Tabellen schneller ausfüllt.

Ein Mensch besitzt Wert, auch wenn ein Roboter sein Produkt günstiger herstellt.

Und eine Gesellschaft besitzt genügend Wohlstand nicht erst dann, wenn jeder vierzig Stunden arbeitet.

Sie besitzt genügend Wohlstand, wenn sie genügend Güter und Dienstleistungen hervorbringen kann, damit Menschen vernünftig leben können.

Wenn Maschinen uns dabei helfen, diese Güter mit immer weniger menschlicher Arbeit herzustellen, haben wir zunächst einmal etwas Unglaubliches erreicht.

Wir haben Arbeit gespart.

Die Tragödie würde erst beginnen, wenn wir daraus Armut machen.

Schluss: Die Maschine nimmt uns vielleicht die Arbeit – aber sie darf uns nicht das Leben nehmen

Unsere Großeltern arbeiteten, damit ihre Kinder es einmal besser haben sollten.

Unsere Eltern arbeiteten, damit wir Möglichkeiten bekommen, die sie selbst nicht hatten.

Und wir entwickeln Maschinen, die unseren Kindern vielleicht einen großen Teil der Arbeit abnehmen können.

Das sollte eigentlich eine Erfolgsgeschichte sein.

Doch dafür müssen wir eine gesellschaftliche Gleichung lösen, die schwieriger sein könnte als viele technische Probleme der künstlichen Intelligenz:

Wie verteilen wir Wohlstand in einer Welt, in der menschliche Arbeit nicht mehr zwingend die wichtigste Quelle dieses Wohlstands ist?

Vielleicht werden Menschen auch in hundert Jahren arbeiten.

Aber möglicherweise weniger.

Anders.

Freier.

Kreativer.

Menschlicher.

Vielleicht wird Arbeit wieder stärker das sein, was wir tun wollen, und weniger das, was wir tun müssen, um am Monatsende nicht unsere Wohnung zu verlieren.

Das wäre keine Niederlage des Menschen gegen die Maschine.

Es wäre vielleicht der größte Sieg, den Maschinen uns jemals ermöglicht haben.

Aber dieser Sieg fällt uns nicht automatisch in den Schoß.

Wir müssen ihn politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich gestalten.

Denn am Ende entscheidet nicht die künstliche Intelligenz darüber, ob unsere Kinder in einer Welt des Überflusses oder der Existenzangst leben.

Das entscheiden immer noch wir.

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