Die FIFA denkt über eine Weltmeisterschaft mit 64 Mannschaften nach. Endlich, möchte man sagen. Denn wenn ohnehin fast jeder teilnehmen darf, könnte man das Turnier konsequenterweise gleich jährlich austragen. Italien hätte häufiger Gelegenheit, sich zu qualifizieren, und Deutschland könnte so lange neue Anläufe nehmen, bis es wieder einmal für das Achtelfinale reicht.
Der Weltfußballverband FIFA prüft, ob die Weltmeisterschaft 2030 mit 64 Mannschaften ausgetragen werden könnte. Laut einem Papier, das der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt, soll eine Agentur untersuchen, welche Folgen eine weitere Vergrößerung des Teilnehmerfeldes hätte.
Geprüft werden soll unter anderem, ob das Turnier dadurch gestärkt oder möglicherweise verwässert würde.
Eine durchaus schwierige Frage.
Denn selbstverständlich könnte eine Weltmeisterschaft mit fast einem Drittel aller FIFA-Mitgliedsverbände an sportlicher Exklusivität verlieren. Andererseits ließen sich deutlich mehr Spiele, Fernsehrechte, Werbepakete, Hospitality-Angebote und Eintrittskarten verkaufen.
Und am Ende geht es im modernen Weltfußball bekanntlich ausschließlich um die sportliche Qualität.
64 Mannschaften – warum eigentlich so bescheiden?
Die WM 2026 wird bereits mit 48 Teams ausgetragen. Für 2030 könnten nun weitere 16 Mannschaften dazukommen.
Warum die FIFA ausgerechnet bei 64 aufhören sollte, bleibt allerdings unklar.
Mit 96 Teilnehmern ließe sich die Vorrunde vermutlich auf mehrere Monate ausdehnen. Bei 128 Teams müsste sich fast niemand mehr mit einer lästigen Qualifikation beschäftigen. Und bei einer Weltmeisterschaft mit sämtlichen Mitgliedsverbänden wäre endlich garantiert, dass wirklich kein relevanter Fernsehmarkt ausgeschlossen bleibt.
Das hätte auch große sportliche Vorteile.
Italien müsste sich nicht mehr mit unangenehmen Play-off-Spielen beschäftigen. Deutschland bekäme genügend Vorrundenbegegnungen, um vielleicht irgendwann doch noch einen Weg in die K.-o.-Phase zu finden. Und kleinere Fußballnationen könnten ihre Teilnahme bereits feiern, bevor sie gegen einen Titelfavoriten mit einem Ergebnis nach Hause geschickt werden, das normalerweise eher aus dem Handball bekannt ist.
Studie soll klären, ob mehr Geld nachhaltig mehr Geld bringt
Die geplante Untersuchung soll laut Reuters bis zum 11. September abgeschlossen werden.
„Die abschließende Empfehlung sollte nicht nur aufzeigen, ob ein Turnier mit 64 Mannschaften einen Mehrwert generieren kann, sondern auch, ob dieser Mehrwert nachhaltig ist“, heißt es demnach in dem Papier.
Mit „Mehrwert“ dürfte natürlich die internationale Entwicklung des Fußballs gemeint sein.
Keinesfalls gemeint sein können zusätzliche Einnahmen aus Übertragungsrechten, Sponsoring, Ticketverkäufen und noch mehr Spielen. Solche Gedanken wären angesichts der traditionsreichen Selbstlosigkeit internationaler Sportverbände völlig abwegig.
Die zentrale wissenschaftliche Frage lautet also: Kann die FIFA durch eine größere Weltmeisterschaft langfristig mehr verdienen, ohne dass zu viele Zuschauer bemerken, dass ein aufgeblähtes Turnier möglicherweise sportlich etwas weniger reizvoll wird?
Für diese Erkenntnis braucht es offenbar eine externe Agentur.
Ein Turnier auf drei Kontinenten war erst der Anfang
Die Weltmeisterschaft 2030 wird bereits ein organisatorisches Kunstwerk.
Spanien, Portugal und Marokko sind die Hauptgastgeber. Zusätzlich sollen drei Begegnungen in Argentinien, Paraguay und Uruguay stattfinden. Damit wird die WM auf drei Kontinenten ausgetragen.
Uruguay war 1930 Gastgeber der ersten Weltmeisterschaft. Hundert Jahre später darf das Land deshalb wieder eine Partie veranstalten – oder vielmehr Teil einer globalen Jubiläumsreise sein, die zeigt, dass kurze Wege und einfache Turnierstrukturen inzwischen offenbar überbewertet werden.
Mit 64 Mannschaften ließe sich dieses Konzept noch eleganter gestalten.
Vielleicht könnten zusätzliche Gruppen in Australien, Japan, Kanada oder auf einer künstlichen Insel im Persischen Golf spielen. Die Teams würden dann zwar mehr Zeit im Flugzeug als auf dem Trainingsplatz verbringen, aber immerhin wäre die Weltmeisterschaft ihrem Namen geografisch vollumfänglich gerecht geworden.
Südamerika will mehr Teilnehmer
Der südamerikanische Kontinentalverband CONMEBOL setzt sich bereits für eine WM mit 64 Mannschaften ein.
Das ist nachvollziehbar. Mehr Teilnehmer bedeuten mehr Startplätze, mehr Spiele und mehr nationale Verbände, die sich über die FIFA freuen dürfen.
Außerdem ließe sich das Risiko reduzieren, dass ein traditionell bedeutendes Fußballland tatsächlich zu Hause bleiben muss. Qualifikationen sind schließlich spannend, bergen aber einen entscheidenden Nachteil: Manchmal scheitert jemand.
Das kann niemand wollen.
Besonders nicht Sponsoren, Fernsehsender und Funktionäre, die bereits mit den großen Namen geplant haben.
Verwässerung des Wettbewerbs? Sicher nur ein Detail
Kritiker könnten einwenden, dass eine Weltmeisterschaft von ihrer sportlichen Exklusivität lebt.
Wenn fast jeder teilnehmen darf, verliert die Qualifikation an Bedeutung. Wenn zahlreiche sportlich sehr unterschiedlich starke Teams aufeinandertreffen, drohen einseitige Spiele. Und wenn das Turnier immer größer wird, könnte irgendwann sogar der Überblick verloren gehen.
Doch solche Einwände stammen vermutlich von Menschen, die noch immer glauben, eine WM müsse in erster Linie ein Fußballturnier sein.
Die FIFA denkt größer.
Eine moderne Weltmeisterschaft ist ein globales Medienprodukt, ein diplomatischer Gipfel, eine Sponsorenplattform, ein touristisches Großprojekt und gelegentlich auch ein sportlicher Wettbewerb.
Je mehr Mannschaften teilnehmen, desto mehr Länder können sich emotional und wirtschaftlich beteiligen. Dass dadurch möglicherweise der sportliche Wert einzelner Vorrundenspiele sinkt, ist lediglich der Preis für maximale globale Inklusion – und maximale globale Vermarktung.
Warum also nicht jedes Jahr?
Wenn eine WM mit 64 Teams einen nachhaltigen Mehrwert verspricht, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Warum findet sie nur alle vier Jahre statt?
Ein jährliches Turnier hätte zahlreiche Vorteile.
Italien bekäme regelmäßig Gelegenheit, wieder einmal bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Deutschland könnte nach jedem Vorrundenaus sofort mit der Vorbereitung auf das nächste Turnier beginnen. Die FIFA müsste ihre Sponsoren nicht mehr jahrelang warten lassen. Und Fans könnten ihre Urlaubsplanung dauerhaft an den Spielplan des Weltverbandes anpassen.
Dazwischen ließen sich Europameisterschaften, Nations-League-Endrunden, Klub-Weltmeisterschaften, Supercups und weitere Wettbewerbe veranstalten.
Fußballfreie Wochen wären damit endgültig beseitigt.
Die nächste Erweiterung kommt bestimmt
Noch ist die WM mit 64 Teams nicht beschlossen. Zunächst soll geprüft, gerechnet und anschließend vermutlich festgestellt werden, dass mehr Teilnehmer überraschenderweise mehr Einnahmemöglichkeiten schaffen.
Ob der Wettbewerb dabei verwässert wird, dürfte am Ende eine Frage der Definition sein.
Möglicherweise sinkt die durchschnittliche sportliche Qualität. Möglicherweise wird die Vorrunde länger und unübersichtlicher. Möglicherweise verliert die Qualifikation ihren Reiz.
Dafür dürfen mehr Länder mitspielen, mehr Sender übertragen und mehr Sponsoren bezahlen.
Und sollte Deutschland erneut in der Vorrunde ausscheiden, bleibt immerhin ein Trost:
Bei einer jährlichen Weltmeisterschaft wäre der nächste Versuch nie weit entfernt.
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