Die Fußball-Weltmeisterschaft begeistert Milliarden Menschen rund um den Globus. Doch ausgerechnet die bevölkerungsreichsten Staaten der Erde spielen auf der größten Bühne des Weltfußballs häufig keine Rolle. Von den zehn Ländern mit der höchsten Einwohnerzahl sind bei der aktuellen Weltmeisterschaft lediglich die USA und Brasilien vertreten. Die Gründe dafür reichen weit über die reine Bevölkerungszahl hinaus.
Millionen Fans – aber keine Nationalmannschaft
In Bangladesch verfolgen Tausende Fans die Spiele bei öffentlichen Übertragungen. Viele tragen das himmelblau-weiße Trikot Argentiniens und feiern Lionel Messi, obwohl ihre eigene Nationalmannschaft noch nie an einer Weltmeisterschaft teilgenommen hat. Ähnliche Bilder sind aus Indien und Indonesien bekannt, wo internationale Topstars längst zu den Idolen der Fußballfans geworden sind.
Für viele Anhänger ist das Anfeuern einer ausländischen Mannschaft die einzige Möglichkeit, die Faszination einer WM aktiv mitzuerleben.
Bevölkerung allein reicht nicht aus
Auf den ersten Blick scheint es logisch, dass große Länder über ein enormes Potenzial an Talenten verfügen müssten. Tatsächlich stammen fast alle bisherigen Weltmeister aus Staaten mit vergleichsweise großen Bevölkerungen. Doch Experten weisen darauf hin, dass die Einwohnerzahl nur ein Faktor unter vielen ist.
Entscheidend seien vor allem eine leistungsfähige Infrastruktur, professionelle Nachwuchsförderung, ausreichend finanzielle Mittel und jahrzehntelange Erfahrung im Spitzenfußball. Erfolgreiche Fußballnationen verfügen meist über gut organisierte Ligensysteme, moderne Trainingszentren und eine lange Fußballtradition.
Erfahrung als entscheidender Vorteil
Viele heutige Fußballgroßmächte entwickelten ihre Strukturen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Länder wie Brasilien, Argentinien, Deutschland oder Italien konnten über Generationen Wissen, Ausbildungssysteme und Spielphilosophien aufbauen.
Jüngere Fußballnationen oder Staaten, in denen sich der Sport erst später etablierte, müssen diesen Rückstand erst aufholen. Dennoch gibt es Beispiele für erfolgreiche Entwicklungen. Marokko erreichte 2022 als erstes afrikanisches Land das Halbfinale einer Weltmeisterschaft, Südkorea schaffte bereits 2002 den Sprung unter die besten vier Mannschaften.
Fehlende Infrastruktur bremst viele Länder aus
In zahlreichen bevölkerungsreichen Staaten fehlt es weiterhin an professionellen Rahmenbedingungen. Äthiopien kämpft beispielsweise mit einem gravierenden Mangel an geeigneten Stadien. Teile der Profiliga müssen ihre Spiele auf nur wenigen zugelassenen Sportanlagen austragen. Selbst die Nationalmannschaft weicht für Heimspiele regelmäßig ins Ausland aus.
Auch in Bangladesch und Pakistan fehlen langfristige Investitionen in Nachwuchsarbeit, Trainerausbildung und moderne Sportanlagen. Pakistan wurde zudem mehrfach von der FIFA suspendiert, nachdem es zu politischen Konflikten innerhalb des Fußballverbandes gekommen war.
Ist Cricket wirklich das Problem?
In Südasien wird häufig argumentiert, dass die enorme Popularität des Cricket den Fußball ausbremse. Vor allem in Indien zieht die milliardenschwere Profiliga IPL viele Talente an. Eltern sehen dort oft bessere Karriere- und Verdienstmöglichkeiten für ihre Kinder.
Nicht alle Experten teilen diese Einschätzung. Schließlich zeigen Australien und Neuseeland, dass erfolgreiche Cricket-Nationen durchaus gleichzeitig konkurrenzfähige Fußballmannschaften entwickeln können. Entscheidend seien vielmehr professionelle Strukturen und eine langfristige Strategie.
Chinas ungelöstes Fußball-Rätsel
Besonders überraschend bleibt die Entwicklung Chinas. Obwohl das Land im olympischen Sport zu den erfolgreichsten Nationen der Welt gehört und seit Jahren Milliarden in den Fußball investiert, gelang bislang keine nachhaltige Verbesserung.
Experten sehen die Ursachen unter anderem in einer starken staatlichen Einflussnahme auf sportliche Entscheidungen. Trotz großer Investitionen und zahlreicher internationaler Stars in der chinesischen Liga konnte sich die Nationalmannschaft seit ihrer einzigen WM-Teilnahme 2002 nicht mehr für eine Endrunde qualifizieren.
Indonesien setzt auf Spieler aus Europa
Indonesien stand bei der Qualifikation zur WM 2026 kurz vor einer Sensation. Einen wesentlichen Anteil daran hatten allerdings zahlreiche Spieler mit indonesischen Wurzeln, die in Europa geboren und ausgebildet wurden. Die Strategie zeigt kurzfristige Erfolge, verdeutlicht aber zugleich die Herausforderungen beim Aufbau einer leistungsfähigen Nachwuchsförderung im eigenen Land.
Fußball bleibt ein Traum
Für viele Millionen Fußballfans in Ländern wie Indien, Bangladesch, Pakistan oder Äthiopien bleibt die Teilnahme ihrer Nationalmannschaften an einer Weltmeisterschaft vorerst ein fernes Ziel.
Der Begeisterung für den Sport tut dies jedoch keinen Abbruch. Stadien, Fanmeilen und Public-Viewing-Veranstaltungen zeigen, dass die Fußball-WM auch dort ein gesellschaftliches Großereignis ist – selbst wenn die eigene Mannschaft nur Zuschauer bleibt. Für viele Fans zählt am Ende vor allem eines: Teil des größten Fußballfestes der Welt zu sein.
Kommentar hinterlassen