In China reicht es heute offenbar nicht mehr, Millionen Fans zu haben. Man muss auch die Gnade der sozialen Netzwerke besitzen. Andernfalls kann selbst eine ausverkaufte Konzerttour schneller enden, als der Vorhang aufgeht.
Genau das erlebt derzeit die bekannte Fernsehmoderatorin Xie Na. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gehört sie zu den bekanntesten Gesichtern des chinesischen Fernsehens. Als sie sich nun endlich ihren lang gehegten Traum erfüllen und als Sängerin auf große Tournee gehen wollte, bekam sie statt Applaus einen digitalen Shitstorm – mit handfesten Folgen.
Ausverkauft – und trotzdem abgesagt
Dabei begann alles vielversprechend.
Als Xie Na im Frühjahr ihre ersten Solokonzerte ankündigte, waren die Eintrittskarten innerhalb weniger Minuten vergriffen. Selbst die Moderatorin zeigte sich überrascht und schrieb in den sozialen Medien, ihre Hände würden vor Aufregung zittern.
Die ersten Auftritte in Chengdu verliefen erfolgreich. Fans feierten ihre Show, zahlreiche prominente Freunde standen mit ihr auf der Bühne, und Xie war anschließend derart euphorisch, dass sie sich selbst scherzhaft als mögliche „Pop-Queen“ bezeichnete.
Ein wenig Selbstbewusstsein kann allerdings gefährlich werden – besonders im chinesischen Internet.
Das Netz sang plötzlich schief
Kaum kündigte Xie eine landesweite Tournee an, kippte die Stimmung.
Immer mehr Nutzer machten sich über ihre Gesangskünste lustig. Andere warfen ihr vor, lediglich von ihrer Berühmtheit und den prominenten Gastauftritten ihrer Freunde zu leben. Wieder andere vermuteten schlicht eine clevere Methode, möglichst viel Geld mit ihrer Popularität zu verdienen.
Die Kritik steigerte sich schnell von spöttischen Kommentaren zu regelrechten Kampagnen. Manche Internetnutzer erklärten sogar, sie hätten Behörden eingeschaltet, weil angeblich Genehmigungen für die Konzerte fehlen würden. Ein anderer forderte Xie Nas Ehemann – selbst erfolgreicher Sänger – öffentlich auf, seine Frau doch bitte von weiteren Konzertplänen abzuhalten.
Als sich der Staat einmischt
Spätestens als sich staatliche Medien einschalteten, war klar, dass aus einem Internetwitz eine ernste Angelegenheit geworden war.
Ein Parteimagazin warf Xie indirekt vor, weniger ihre musikalischen Träume als vielmehr ihre Einnahmen steigern zu wollen. Kurz darauf legte auch die staatliche „Volkszeitung“ nach und kritisierte eine nicht namentlich genannte Moderatorin, die zwar große Bekanntheit genieße, aber über keine nennenswerten musikalischen Werke verfüge.
Die Botschaft war eindeutig: Popularität ersetzt keine künstlerische Qualität.
Der Rückzug
Am Ende knickten selbst die Veranstalter ein.
Das für Peking geplante Konzert wurde kurzfristig abgesagt, bereits verkaufte Eintrittskarten werden erstattet. Offiziell blieb offen, ob Behörden Druck ausgeübt hatten oder ob die Organisatoren angesichts der aufgeheizten Stimmung freiwillig die Reißleine zogen.
Xie Na selbst schweigt bislang.
Mehr als nur schlechte Gesangskünste
Der Fall zeigt jedoch weit mehr als nur die Frage, ob jemand gut oder schlecht singt.
Beobachter sehen darin ein Ventil für den wachsenden Frust vieler junger Chinesen. Während hohe Jugendarbeitslosigkeit, wirtschaftliche Unsicherheit und steigender Leistungsdruck den Alltag prägen, erscheinen prominente Persönlichkeiten vielen als Menschen, die scheinbar mühelos enorme Summen verdienen.
Die Kritik richtet sich deshalb häufig weniger gegen einzelne Stars als gegen das Gefühl sozialer Ungerechtigkeit.
Prominente als Blitzableiter
In China haben sich Schauspieler, Sänger und Influencer längst zu Projektionsflächen gesellschaftlicher Unzufriedenheit entwickelt.
Mal geht es um angebliche Vetternwirtschaft, mal um luxuriösen Schmuck oder teure Kleidung, diesmal eben um eine Konzerttournee.
Für viele Internetnutzer sind Prominente ein vergleichsweise ungefährliches Ziel. Über Stars zu schimpfen gilt als deutlich unproblematischer, als grundsätzliche Kritik an politischen oder gesellschaftlichen Strukturen zu üben.
Zwischen Geschmack und öffentlichem Tribunal
Interessanterweise regte sich im Netz auch Widerspruch gegen den digitalen Pranger.
„Wenn euch ihre Musik nicht gefällt, dann kauft eben keine Karte“, schrieb ein Nutzer. Ein anderer brachte die Debatte auf den Punkt: „Wenn sie schlecht singt, sollte der Markt darüber entscheiden – nicht ein öffentlicher Demütigungsmarathon.“
Genau darin liegt vielleicht die eigentliche Geschichte.
Nicht Xie Na verlor ihren Traum von der Konzerttournee. Vielmehr zeigt der Fall, wie schnell in Zeiten sozialer Medien aus einem simplen Geschmacksurteil ein öffentliches Tribunal werden kann – und wie schmal inzwischen die Grenze zwischen Kritik, Empörung und faktischem Berufsverbot geworden ist.
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