Man muss in Deutschland einfach auch mal gönnen können.
Vor allem dann, wenn jemand nach einer kleinen politischen Turbulenz, einer charmanten Fördermittel-Affäre und dem freundlichen Hinweis des Landesrechnungshofs auf „korruptionsgefährdete Strukturen“ nicht etwa in der Versenkung verschwindet – sondern gleich wieder geschniegelt auf der Bühne steht.
Diesmal nicht im Ministerium.
Diesmal als Chef der sächsischen Tafeln.
Herzlichen Glückwunsch an Sebastian Vogel.
Vom Staatssekretär zum Tafel-Chef – Karriere mit eingebautem Bumerang
Sebastian Vogel, einst SPD-Staatssekretär im sächsischen Sozialministerium, musste 2023 seinen Hut nehmen.
Nicht etwa, weil alles besonders toll lief, sondern weil der Landesrechnungshof bei Fördermitteln gewisse… nennen wir es… auffällig familiäre Kuschelzonen entdeckte.
Damals war von „korruptionsgefährdeten Strukturen“ die Rede.
Das klingt in Behörden ungefähr so harmlos wie:
„Es gab leichte atmosphärische Unregelmäßigkeiten beim Geldfluss.“
Unter anderem ging es um Zahlungen an einen Verein, der von seiner Lebensgefährtin geführt wurde.
Aber gut:
Liebe geht bekanntlich durch den Magen – und manchmal offenbar auch durch Förderbescheide.
Und jetzt? Jetzt sitzt er bei den Tafeln. Ausgerechnet dort.
Seit Januar ist Vogel nun ehrenamtlicher Chef der sächsischen Tafeln.
Also jener Organisation, die – rein zufällig natürlich – regelmäßig staatliche Zuschüsse bekommt.
Und aus welchem Haushalt kommen da jährlich rund 400.000 Euro?
Na?
Richtig:
Aus dem Haushalt jenes Sozialministeriums, in dem Herr Vogel einst Staatssekretär war.
Das ist ungefähr so, als würde ein ehemaliger Schiedsrichter nach einem Wettskandal plötzlich Vereinspräsident werden und sagen:
„Keine Sorge, ich kenne nur zufällig alle Beteiligten.“
Formal alles sauber. Politisch riecht’s trotzdem interessant.
Ganz wichtig:
Ein formaler Verstoß liegt aktuell offenbar nicht vor.
Und das Ministerium betont natürlich, dass alles sauber, transparent, dokumentiert, prüfsicher, matrixgestützt, datenschutzkonform und vermutlich auch klimaneutral abläuft.
Es gibt:
- Förderrichtlinien
- objektive Kriterien
- Bewertungsmatrizen
- Anti-Korruptionsvorschriften
- Datenschutzregeln
- Hinweisgebersysteme
Also kurz gesagt:
Wenn etwas schieflaufen würde, gäbe es mindestens 17 Formulare dazu.
Nur das eigentliche Problem bleibt trotzdem:
Der Eindruck.
Und der Eindruck lautet nun einmal:
Da sitzt ein Ex-Staatssekretär, der wegen heikler Fördermittel-Nähe gehen musste, plötzlich an der Spitze einer Organisation, die genau auf diese Fördermittel angewiesen ist – ausgerechnet aus seinem früheren Haus.
Aber keine Sorge:
Das ist bestimmt einfach nur eine dieser unglücklichen Konstellationen, von denen in Deutschland immer alle völlig überrascht sind.
Vertrauen ist gut, Vitamin B ist besser
Die Tafeln leben vom Vertrauen.
Von Spenden.
Von Ehrenamt.
Von Glaubwürdigkeit.
Und genau deshalb ist diese Personalie so charmant wie ein Steuerprüfer im Casino.
Denn selbst wenn formal alles korrekt ist, bleibt die Frage:
Wie unabhängig wirkt eine Mittelvergabe, wenn ein ehemaliger Spitzenbeamter plötzlich auf der Empfängerseite sitzt – inklusive bester Kenntnis der Abläufe, Ansprechpartner und Kaffeemaschinenstandorte?
Anders formuliert:
Vitamin B ist in Deutschland kein Problem.
Problematisch ist nur, wenn andere es sehen.
Das Ministerium ist „nicht glücklich“ – aber natürlich ganz entspannt
Laut Berichten soll man im Sozialministerium über diese Personalie bis in die Hausspitze hinein „nicht glücklich“ sein.
Was in Verwaltungssprache ungefähr bedeutet:
„Wir finden das maximal unerquicklich, aber bitte schreiben Sie das nicht so.“
Offiziell gibt man sich erwartbar nüchtern:
- Die Wahl des Tafel-Vorstands sei Sache der Mitgliederversammlung
- Die Fördermittelvergabe erfolge über die SAB
- Alles sei transparent und objektiv
Ja klar.
Und der Fuchs kontrolliert nur rein ehrenamtlich den Hühnerstall, weil er so ein großes Herz für Geflügel hat.
Politisch sensibel? Das ist noch nett formuliert.
Nach der Affäre von 2023 steht das Ministerium eigentlich unter besonderer Beobachtung, wenn es um Transparenz, Compliance und saubere Trennung von Politik und Fördergeld geht.
Und dann kommt genau diese Personalie um die Ecke.
Das ist nicht einfach nur „sensibel“.
Das ist politisch ungefähr so elegant wie ein Benzinkanister auf dem Grillfest.
Fazit
Natürlich darf Sebastian Vogel sich engagieren.
Natürlich dürfen die Tafeln ihren Vorstand selbst wählen.
Natürlich kann alles formal sauber sein.
Aber:
Wer wegen problematischer Nähe bei Fördermitteln aus dem Ministerium fliegt und kurz darauf an die Spitze einer Organisation rückt, die eben aus diesem System Geld erhält, sollte sich nicht wundern, wenn Menschen Fragen stellen.
Denn manchmal ist es eben nicht der Skandal selbst, der Vertrauen zerstört.
Sondern die Dreistigkeit, mit der man später so tut, als sei das alles völlig normal.
Oder ganz einfach:
Vitamin B schadet nur dem, der es nicht hat.
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