Startseite Allgemeines „Unverschämt“, „irre“, „ein Opfer“: Wie explodierende Spritpreise den Alltag in den USA verändern
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„Unverschämt“, „irre“, „ein Opfer“: Wie explodierende Spritpreise den Alltag in den USA verändern

652234 (CC0), Pixabay
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Die Zahl steht in roter Leuchtschrift an Tankstellen zwischen New York und Kalifornien, Florida und New Jersey. Und sie hat in den USA gerade eine Wirkung, die weit über bloßen Ärger an der Zapfsäule hinausgeht.

Vier Dollar pro Gallone.
Im nationalen Durchschnitt.

Für deutsche Verhältnisse klingt das zunächst nicht dramatisch. Für die USA ist es ein politischer und kultureller Alarmwert. Autofahren ist dort kein Luxus, sondern Lebensgrundlage. Wer arbeitet, pendelt oft. Wer Kinder hat, fährt. Wer auf dem Land lebt, fährt sowieso. Und wer sich die falsche Regierung gewählt glaubt, schimpft an der Zapfsäule zuerst – und am Wahltag später.

Nun also liegt der landesweite Durchschnittspreis laut dem Preisdienst GasBuddy bei 4 Dollar pro Gallone – so hoch wie zuletzt im August 2022. Noch bemerkenswerter ist jedoch nicht nur das Niveau, sondern die Geschwindigkeit:
Binnen eines Monats stieg der Preis demnach um 1,05 Dollar – der größte jemals von GasBuddy registrierte Monatsanstieg.

Der Auslöser: der Krieg mit Iran nach dem von Präsident Donald Trump angeordneten Angriff Ende Februar.

Ein Preisschock mit politischer Sprengkraft

Trump war 2024 mit einem zentralen Versprechen in den Wahlkampf gezogen:
Die Lebenshaltungskosten runter, vor allem Energie. Benzin für 2 Dollar pro Gallone, so lautete die Botschaft, die in vielen Teilen Amerikas fast stärker wirkte als jede außenpolitische Vision.

Nun ist das Gegenteil eingetreten.

Seit dem Angriff auf Iran am 28. Februar steigen die Preise für:

  • Benzin,
  • Diesel,
  • Kerosin,
  • und damit indirekt auch für Transport, Dienstleistungen und Konsum.

Trump hatte stets argumentiert, die USA müssten mehr eigenes Öl und Gas fördern, um sich von internationalen Krisen unabhängiger zu machen. Die Wirklichkeit des globalen Ölmarkts holt dieses Narrativ nun ein:
Selbst der größte Ölproduzent der Welt kann sich nicht von geopolitischen Schocks im Persischen Golf entkoppeln.

Für viele Amerikaner ist das kein Wirtschaftsthema – sondern Alltag

Was in ökonomischen Analysen nach Rohstoffpreis, Lieferkette und geopolitischem Risiko klingt, heißt für Millionen Menschen schlicht:

  • teurer zur Arbeit kommen,
  • weniger Gewinn im Kleinbetrieb,
  • weniger Reisen,
  • weniger Restaurantbesuche,
  • weniger spontane Besuche bei Familie und Freunden.

Oder, wie eine Frau in Orlando sagt:
„Das ist unverschämt.“

USA TODAY hat Autofahrer in mehreren Bundesstaaten befragt. Das Ergebnis ist ein Stimmungsbild aus Frust, Resignation und politischer Ernüchterung.

Der Investment-Mitarbeiter aus Virginia: Vielleicht doch lieber Metro

Amit Verma, 30, aus Arlington im Bundesstaat Virginia, zahlte am 31. März 70 Dollar, um seinen Audi S7 vollzutanken. Für den Weg zur Arbeit nach Bethesda in Maryland braucht er mit dem Auto rund 35 Minuten.

Die Metro wäre etwa 15 Minuten langsamer – bislang also unattraktiv.
Jetzt rechnet er neu.

Wenn die Preise hoch bleiben, sagt er, werde er wohl häufiger auf den Nahverkehr umsteigen. Er sieht in dem Preisschub ein Problem, das die Regierung sich selbst eingebrockt habe – unnötig, wie er findet.

Ein Satz, der in den USA derzeit oft fällt:
Die Inflation war ohnehin schon zermürbend. Jetzt kommt auch noch der Sprit dazu.

Der Landschaftsgärtner aus Kalifornien: 800 Dollar Gewinn weg

Für Doug Guster, 71, Landschaftsgärtner aus Sacramento, ist der Preisanstieg nicht nur lästig, sondern existenziell.

Sein Arbeitsfahrzeug kostet inzwischen fast 100 Dollar pro Tankfüllung. Dazu kommen:

  • Laubbläser,
  • Rasenmäher,
  • Trimmer,

alles Geräte, die ebenfalls Kraftstoff brauchen.

Guster sagt, die gestiegenen Preise hätten ihm bereits mehr als 800 Dollar Gewinn gekostet. Weil er seine Preise anheben musste, verlor er in den vergangenen Wochen nach eigener Aussage bereits fünf bis sechs Kunden.

Das ist die stille Härte hoher Energiepreise:
Nicht nur der Tank wird teurer. Die Kundschaft wird knapper.

Der Trump-Wähler am Mietwagen: „Ich bin nicht glücklich“

Besonders heikel für das Weiße Haus sind Stimmen wie die von Michael Bates, einem Life Coach aus Texas.

Er stand nahe dem Flughafen Denver an einer Tankstelle, um seinen gemieteten Jeep Wrangler zurückzugeben. Der Sprit dort: 3,69 Dollar pro Gallone. Bates sagt offen, er habe Trump 2024 auch deshalb gewählt, weil er sich niedrigere Preise versprochen habe.

Nun sagt er:

„Ich bin nicht sehr glücklich darüber, wie er das alles führt – und ich habe den Kerl gewählt.“

Solche Sätze sind für Politiker gefährlicher als wütende Gegner.
Denn sie kommen von enttäuschten Anhängern.

Bates hofft sogar ausdrücklich, dass der Druck an der Zapfsäule Trump dazu zwingt, im Iran-Krieg umzusteuern.

Natürlich gibt es auch die Loyalen

Nicht alle reagieren so.

Tim Southern, 60, aus Virginia, zahlte an einer Wawa-Tankstelle in Charlottesville 3,99 Dollar pro Gallone – und verteidigt Trump trotzdem.

Wenn es bedeute, ein wenig mehr für Benzin auszugeben, um Menschen in anderen Ländern zu „befreien“, dann sei das eben ein kleines Opfer, sagt er.

Solche Stimmen gibt es – aber sie sind offenbar in der Minderheit.

USA TODAY beschreibt sie ausdrücklich als Ausnahme.

Die Mehrheit reagiert wie immer bei 4 Dollar: Sie fährt weniger

Der regionale AAA-Sprecher Skyler McKinley sagt, 4 Dollar pro Gallone seien in den USA eine psychologische Schwelle. Ab diesem Punkt ändern viele Amerikaner ihr Verhalten sofort.

Schon 2022 zeigte eine AAA-Umfrage:

  • 64 Prozent reagierten unmittelbar auf hohe Spritpreise,
  • indem sie weniger fuhren,
  • Fahrten kombinierten,
  • oder bei Shopping und Restaurantbesuchen sparten.

Mit anderen Worten:
Hohe Spritpreise sind nicht nur ein Mobilitätsproblem, sondern ein Konsumproblem.

Und genau deshalb politisch so brisant.

Die Mutter auf dem Weg nach Disney: Hybrid statt Frust

Tasha Hill, 36, war mit vier Familienmitgliedern auf einem 700-Meilen-Trip die Ostküste hinunter unterwegs, Richtung Orlando. Ziel: Disney und Universal.

Sie mietete bewusst einen Hybrid-Toyota Camry, weil Mitarbeiter der Autovermietung ihr gesagt hatten, das spare bares Geld. Auf der Strecke durch die Carolinas und Georgia hatte sie noch Preise unter 4 Dollar gesehen.

Dann kam Orlando: 4,29 Dollar pro Gallone.

Ihre Reaktion an der Zapfsäule:
„Das ist unverschämt.“

Zumindest fühlte sich die Entscheidung für den Hybrid in diesem Moment wie ein kleiner Sieg an.

Die Großmutter in New Jersey: Weniger Extras, weniger Restaurant

Kim Reckeweg aus New Jersey tankte 10 Dollar in ihren Honda Civic, während ihr vierjähriger Enkel auf dem Rücksitz saß. Sie war fast erleichtert, nur 3,99 Dollar pro Gallone zu zahlen – wenige Kilometer zuvor hatte sie 4,19 Dollar gesehen.

Reckeweg holt täglich ihren Enkel ab, fährt ihn zu sich nach Hause und betreut zusätzlich zwei weitere Enkelkinder. Der Weg: etwa 15 Meilen.

Die Folge der höheren Preise sei klar, sagt sie:
Was früher für kleine Extras blieb, etwa mal essen gehen, verschwindet jetzt im Tank.

New York: Über 6 Dollar – und keine Wahl

In Manhattan lagen die Preise mancherorts sogar bei über 6 Dollar pro Gallone. An einer Mobil-Tankstelle nahe dem Times Square kostete der Sprit 6,09 Dollar.

Für Mamadou Kone, 61, Taxifahrer und Vater von fünf Kindern, ist das kein theoretischer Aufreger, sondern Zwang.

Er fährt einen Hybrid-Toyota RAV4 – das hilft.
Aber aufhören zu fahren kann er nicht.

Sein Satz ist so schlicht wie präzise:

„Ich bin Fahrer, ich habe keine Wahl.“

In New York bedeutet hohe Energieinflation für viele schlicht:
arbeiten – nur teurer.

Wer flexibel ist, weicht aus – wer es nicht ist, zahlt

Ein besonders wichtiger Punkt in der Debatte:
Diejenigen, die hohe Spritpreise am ehesten verkraften könnten, können ihnen oft auch am leichtesten ausweichen.

  • Büroarbeiter im Homeoffice? Können Fahrten reduzieren.
  • Gutverdiener in Städten? Nehmen Metro, Zug oder E-Scooter.
  • Menschen mit Firmenwagen? Bekommen Sprit erstattet.

Diejenigen, die am härtesten getroffen werden, sind oft:

  • Niedriglohnpendler,
  • Handwerker,
  • Dienstleister,
  • Pflegende,
  • Kleinunternehmer,
  • Menschen mit Präsenzjobs.

McKinley von AAA nennt das offen das Kernproblem für die Politik.

Die Hundesitterin aus Virginia: Jetzt wird’s eng

Tatiana Garcia, 23, betreibt in Virginia ein Hundebetreuungs- und Gassi-Service-Geschäft. Sie fährt mit ihrem BMW oft bis zu 35 Meilen pro Tag zu Kunden.

Ihre Gewinnmarge schrumpft.
Weit entfernte Kunden lässt sie inzwischen häufiger von anderen Tierbetreuern übernehmen, damit sie selbst weniger fahren muss. Sogar kleine Extras wie zusätzliche Leckerlis für die Tiere könne sie sich kaum noch leisten.

Bald will sie ihre Preise erhöhen – zum ersten Mal seit Gründung ihres Geschäfts vor zwei Jahren.

Am 31. März zahlte sie 72 Dollar für rund 16 Gallonen Premiumbenzin.

Während die Zapfsäule über 70 Dollar kletterte, dachte sie laut darüber nach, einen Tesla zu kaufen.

Der Nebeneffekt: Zug, Fahrrad, E-Skateboard

Nicht nur Autos verändern sich, auch Verhaltensmuster.

Beispiele aus der Reportage:

  • Ein Mann in Philadelphia fährt nun häufiger mit dem Zug
  • Ein anderer lässt sein Fahrrad reparieren, um öfter zu radeln
  • Ein Arbeiter in Manhattan kommt mit dem elektrischen Skateboard zur Arbeit
  • Andere denken über Hybride oder E-Autos nach

Es ist die alte Logik des Preisschocks:
Wenn Tanken wehtut, werden plötzlich auch Alternativen interessant, die vorher lästig wirkten.

Trump schweigt lieber über den Preis

Bemerkenswert ist, dass Trump zwar in seiner Februar-Rede noch stolz auf niedrige Spritpreise verwies – seit dem massiven Anstieg aber auffällig zurückhaltend ist.

Die Regierung versucht stattdessen gegenzusteuern:

  • Die EPA hat eine temporäre Ausnahmeregelung beschlossen,
  • ab 1. Mai darf landesweit mehr Ethanol (bis zu 15 Prozent) dem Benzin beigemischt werden,
  • das könnte die Preise kurzfristig leicht senken.

Allerdings gilt das nur vorübergehend und ist eher ein Notpflaster als eine strukturelle Lösung.

Noch nicht Rekord – aber politisch gefährlich genug

Historisch betrachtet sind die Preise noch unter dem absoluten Höchststand.
Der nationale Rekord stammt vom 14. Juni 2022, als der Durchschnitt bei 5,01 Dollar pro Gallone lag.

Aber Politik funktioniert selten historisch – sondern emotional.

Und in dieser Hinsicht ist die Lage heikel:

  • Der Preissprung kam schnell
  • Er trifft breite Bevölkerungsschichten
  • Er steht in direktem Zusammenhang mit einem Krieg
  • Und er widerspricht Trumps zentralem Wahlversprechen

Fazit: In Amerika entscheidet die Zapfsäule mit

In Europa werden hohe Energiepreise als wirtschaftliches Problem diskutiert.
In den USA sind sie zusätzlich ein kultureller Ausnahmezustand.

Weil das Auto dort oft keine Option ist, sondern Voraussetzung für Arbeit, Familie und Alltag.
Weil jede Tankfüllung unmittelbar spürbar ist.
Und weil viele Wähler Benzinpreise als moralischen Seismografen der Regierung betrachten.

Die Folge:
Amerikaner fahren weniger, rechnen härter, streichen Freizeit, erhöhen Preise in ihren Kleinbetrieben – oder fluchen einfach an der Zapfsäule.

Oder, um es mit dem Taxifahrer aus Manhattan zu sagen:

„Wir zahlen gerade den Preis.“

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