Elyse Myers ist eine jener Internetfiguren, bei denen man nach wenigen Sekunden versteht, warum Millionen Menschen ihr zuhören. Sie spricht schnell, erzählt wild, springt von Pointe zu Pointe, klingt dabei wie eine Mischung aus Theaterbühne, Selbsthilfegruppe und bester Freundin nach zwei Gläsern Wein.
Auf TikTok folgen ihr mehr als sieben Millionen Menschen, bei Instagram fast vier Millionen. Viele kennen sie durch jenes virale Video, in dem sie von einem katastrophalen ersten Date erzählt – und davon, wie sie am Ende für einen Mann 100 Tacos bezahlt. Das Video wurde zig Millionen Mal geklickt und machte Myers zu einer der bekanntesten Geschichtenerzählerinnen der Plattform.
Doch hinter der quirlig-komischen Online-Persona steckt eine deutlich kompliziertere Geschichte.
Die Frau mit den 100 Tacos – und viel mehr dahinter
Die 32-Jährige stellte ihr neues Buch „That’s a Great Question, I’d Love to Tell You“ nun in Austin vor, rund um das Festival SXSW. Schon beim Gespräch wird schnell klar: Myers ist durch und durch ein „Theater Kid“, wie man in den USA sagt – expressiv, verspielt, laut, charmant überdreht.
Sie wollte ihr Hörbuch deshalb nicht einfach nur einlesen, sondern regelrecht performen. Das passt zu jemandem, der seit Jahren kleine Ausschnitte seines Lebens für ein Millionenpublikum in Szene setzt.
Nur: Im Buch geht es nicht nur um lustige Anekdoten.
Zwischen absurde Dates, peinliche Begegnungen und skurrile Lebensstationen mischen sich Themen, die mit Social-Media-Unterhaltung wenig zu tun haben:
- psychische Belastung,
- Überforderung,
- das Gefühl, ständig perfekt wirken zu müssen,
- eine späte Autismusdiagnose,
- und die schwere Herzerkrankung ihres kleinen Sohnes.
Warum sie plötzlich aus den sozialen Medien verschwand
Myers hatte sich für rund sechs Monate fast vollständig aus den sozialen Netzwerken zurückgezogen. Für viele Follower wirkte das damals überraschend – für sie selbst offenbar wie eine Notwendigkeit.
Der Grund: Ihr jüngster Sohn Oliver, heute zwei Jahre alt, wurde als Baby mit einem schweren Herzfehler diagnostiziert. Konkret stellten Ärzte ein großes Ventrikelseptumdefekt (VSD) fest, also ein Loch zwischen den Herzkammern, zusätzlich litt er an pulmonaler Hypertonie.
Für Myers und ihren Mann Jonas war das eine existenzielle Krise.
Sie beschreibt diese Zeit drastisch:
Jeden Tag habe sich angefühlt wie ein Leben mit dem Gedanken, das eigene Kind verlieren zu können.
Genau deshalb zog sie die Reißleine. Sie archivierte Inhalte, machte auf den meisten Plattformen Pause und schottete sich bewusst ab.
Ihr Gedanke:
Wer permanent mit einer solchen Angst lebt, kann nicht gleichzeitig noch „funktionieren“, Inhalte produzieren und das eigene Leid in Echtzeit ins Internet senden.
Sie habe sich, sagt sie, „überbelichtet“ gefühlt – also zu sehr ausgestellt.
Die neue Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatleben
Für Influencer ist das eine fast schon radikale Erkenntnis:
Nur weil man viel teilt, heißt das nicht, dass man alles teilen muss.
Myers sagt heute, sie habe Frieden damit geschlossen, dass bestimmte Teile ihres Lebens privat bleiben dürfen. Gerade in einer Branche, in der persönliche Offenheit oft zur Währung wird, klingt das fast wie ein stiller Akt der Selbstverteidigung.
In jener Phase wollte sie nur noch vier Stimmen in ihrem Leben hören:
- ihre eigene,
- die ihres Mannes,
- die ihrer Familie,
- und die der Ärzte.
Keine Kommentare. Keine Ratschläge von Fremden. Keine algorithmisch verstärkte Anteilnahme.
Autismus mit 30: die späte Diagnose – und die Trauer darüber
Hinzu kam eine weitere biografische Zäsur:
Mit 30 Jahren erhielt Elyse Myers die Diagnose, dass sie autistisch ist.
Für viele Erwachsene ist eine solche Diagnose ambivalent. Einerseits bringt sie Erleichterung, weil sie endlich erklärt, warum man sich lange „anders“ gefühlt hat. Andererseits bringt sie auch Trauer mit sich – über all die Jahre, in denen man sich ohne dieses Wissen durch die Welt bewegt hat.
Myers beschreibt genau dieses Gefühl:
Sie habe darum getrauert, dass sie es erst so spät herausgefunden habe.
Wie bei vielen spät diagnostizierten Erwachsenen habe sich der Weg dahin gezogen. Sie spricht davon, wie schwer es ihr fiel, in Gesprächen wirklich ehrlich zu antworten – auch, weil sie es gewohnt gewesen sei, zu maskieren, also soziale Erwartungen nachzuahmen und eigene Reaktionen zu verstecken.
Manchmal habe sie eine Frage beantwortet und erst Minuten später gemerkt, dass die Antwort eigentlich gar nicht wirklich sie selbst gewesen sei.
Das alte Gefühl: perfekt sein müssen
Ein zentrales Motiv in ihrem Buch ist der Wunsch, im Kontakt mit anderen immer die bestmögliche Version ihrer selbst abzuliefern.
Myers formuliert das fast schon brutal ehrlich:
Sie wollte, dass Menschen nach einer Begegnung mit ihr denken, das sei die beeindruckendste Interaktion ihres Lebens gewesen.
Sie wollte, sagt sie, „beim Menschsein gewinnen“.
Dieser Perfektionsdrang ist nicht nur komisch, wenn man ihn in einer Pointe verpackt. Er ist auch anstrengend, erschöpfend und oft ein Weg in die Selbstüberforderung.
Australien, Fluchtfantasien und die Erkenntnis: Man nimmt sich immer mit
In ihren späten Teenagerjahren und frühen Zwanzigern zog es Myers in die Welt – unter anderem nach Australien, später lebte sie auch in Kalifornien, Frankreich, Texas und Nebraska.
Wie bei vielen Menschen mit innerem Druck schwang dabei offenbar auch die Hoffnung mit, dass ein Ortswechsel etwas Grundsätzliches lösen könnte.
Die Erkenntnis kam dann an einem der schönsten Orte der Welt – mit Blick auf das Sydney Opera House.
Dort saß sie, in traumhafter Kulisse, und war trotzdem traurig.
Die nüchterne Einsicht:
Egal wie spektakulär die Aussicht ist – man kann sich selbst nicht davonlaufen.
Jonas, der Ehemann – und das Schwierige an guten Dingen
In Australien lernte sie auch ihren heutigen Mann Jonas kennen, der aus Kansas stammt. Sie beschreibt ihn als eines der besten Dinge, die ihr im Leben passiert seien.
Aber auch das erzählt sie nicht als kitschige Liebesgeschichte.
Gerade das Gute anzunehmen, sagt sie, sei für sie lange schwer gewesen.
Denn Rückblicke verklären vieles. Was im Nachhinein romantisch wirkt, war damals oft auch kompliziert, unsicher und geprägt von ihrer eigenen Schwierigkeit, etwas wirklich Schönes zuzulassen.
Das macht ihre Erzählweise interessanter als viele klassische Influencer-Biografien:
Weniger „Traumpaar“, mehr „Mensch mit Chaos und Glück im selben Paket“.
Heute geht es Oliver gut
Die vielleicht wichtigste Nachricht der Geschichte ist die beruhigendste:
Ihr Sohn Oliver hat die schwere Zeit offenbar gut überstanden.
Heute, sagt Myers, würde man ihm seine Vorgeschichte nicht ansehen. Er sei ein „wild dude“, ein wilder kleiner Kerl, cool, lebendig, voller Energie.
Nach Monaten zwischen Diagnose, Angst und medizinischen Entscheidungen klingt das fast wie ein Satz aus einer anderen Welt.
Und jetzt? Zurück zur Freude am Chaos
Nach der Pause versucht Elyse Myers inzwischen, wieder einen entspannteren Zugang zu ihrer Arbeit zu finden.
Nicht mehr nur posten, weil man liefern muss.
Nicht mehr nur erzählen, weil Millionen zusehen.
Sondern wieder Videos machen, weil es Spaß macht.
Sie nennt es selbst:
Sie wolle sich neu in die Kunst verlieben, einfach aus Freude Inhalte zu schaffen.
Ein schöner Satz – und vermutlich einer, der für viele Influencer schwieriger umzusetzen ist, als er klingt.
Fazit: Mehr als eine lustige Stimme aus dem Internet
Elyse Myers ist für viele die Frau mit der absurden Taco-Geschichte.
Doch hinter dem viralen Humor steckt eine viel komplexere Biografie:
- eine späte Autismusdiagnose,
- ein Leben mit starkem Anpassungsdruck,
- eine existenzielle Familienkrise,
- der bewusste Rückzug aus der Öffentlichkeit,
- und der Versuch, nach all dem wieder kreativ zu sein, ohne sich selbst zu verlieren.
Oder anders gesagt:
Das Internet liebt ihre Pointen. Aber die interessantere Geschichte ist, wie sie gelernt hat, dass nicht jede Wahrheit ein TikTok werden muss.
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