Paukenschlag in Köpenick, oder wie man bei Union vermutlich sagt: „Jetzt wird’s langsam wirklich unangenehm.“ Nach einer Rückrunde zum Abgewöhnen und einem ernüchternden 1:3 in Heidenheim hat Union Berlin in der Nacht die Notbremse gezogen – Steffen Baumgart ist raus. Mit sofortiger Wirkung. Also wirklich sofort. Noch bevor man in Ruhe die Niederlage verdauen oder wenigstens die Sportschau fertig schauen konnte.
Der Klub teilte kurz vor Mitternacht mit, dass Baumgart sowie seine Co-Trainer Danilo de Souza und Kevin McKenna freigestellt wurden. Mit anderen Worten: Nicht nur der Chef musste gehen, gleich die ganze Service-Crew wurde mit entsorgt.
Baumgart, der Mann mit Kappe, Bart und Daueranspannung, hat es damit geschafft, sich innerhalb kürzester Zeit vom Hoffnungsträger zum Symbol einer Rückrunde zu entwickeln, bei der man sich in Berlin immer wieder fragte, ob das noch Fußball oder schon betreutes Abrutschen ist.
Die Bilanz liest sich jedenfalls wie ein Hilferuf:
Zwei Siege aus 14 Spielen seit der Winterpause.
Das ist ungefähr die Ausbeute, bei der selbst hartgesottene Vereinsbosse irgendwann aufhören, von „Geduld“ und „gemeinsamem Weg“ zu reden und stattdessen anfangen, nachts Pressemitteilungen zu tippen.
Geschäftsführer Horst Heldt formulierte es gewohnt freundlich, also ungefähr mit der Zärtlichkeit eines Abschleppwagens: Die Rückrunde sei „absolut enttäuschend“, der Tabellenstand dürfe nicht blenden, die Lage sei „bedrohlich“ und in der bisherigen Konstellation glaube man nicht mehr an eine Trendwende.
Übersetzt heißt das:
„Es reicht. Bevor wir uns noch tiefer reinreiten, schmeißen wir jetzt alles einmal kräftig um.“
Besonders hübsch an der Geschichte: Baumgart hatte erst im Januar verlängert.
Union hat also praktisch erst vor wenigen Wochen gesagt:
„Mit dir in die Zukunft!“
…nur um jetzt festzustellen:
„Die Zukunft war leider überraschend kurz.“
Nach dem Spiel in Heidenheim hatte Baumgart sogar noch selbstkritisch erklärt, er trage die Verantwortung. Ein ehrenwerter Satz, der im Fußball meistens bedeutet:
„Ich weiß auch, dass ich morgen früh wahrscheinlich nicht mehr Trainer bin.“
Und jetzt kommt der eigentliche Hammer:
Für den Saisonendspurt übernimmt Marie-Louise Eta.
Bisher U19-Trainerin, eigentlich ab Sommer für die Frauenmannschaft vorgesehen – und nun plötzlich Feuerwehrfrau für die Bundesliga-Herren.
Mit anderen Worten:
Union hat sich angeschaut, wie die Profis seit Wochen spielen, und sich gedacht:
„Wisst ihr was? Holen wir jemanden, der wenigstens noch weiß, wie man eine Mannschaft entwickelt.“
Eta übernimmt damit nicht nur eine brandgefährliche Mission im Abstiegskampf, sondern wird auch gleich zur ersten Chef-Trainerin der Bundesliga. Historisch, mutig, riskant – und für Union vermutlich die letzte Idee vor dem ganz großen Nervenflattern.
Sie selbst blieb professionell und sprach davon, dass der Klassenerhalt angesichts der engen Tabellenlage noch nicht gesichert sei und dass bei Union in solchen Situationen traditionell alle Kräfte gebündelt würden.
Was in diesem Fall wohl bedeutet:
„Bitte jetzt alle gleichzeitig rennen, kämpfen, grätschen und vor allem endlich Punkte holen.“
Der Schritt ist mutig.
Oder panisch.
Oder beides.
Denn Union steckt in dieser herrlich absurden Zone fest, in der man offiziell noch im Mittelfeld steht, sich aber emotional längst wie ein Tabellenletzter fühlt. Rein rechnerisch nicht abgestiegen, praktisch aber seit Wochen im Zustand einer schleichenden Selbstverunsicherung mit Stadionbier.
Ob Eta den Klassenerhalt wirklich retten kann? Schwer zu sagen.
Aber eines ist sicher: Schlechter als zuletzt darf man sich in Köpenick kaum noch verkaufen, ohne dass demnächst der Zeugwart die Pressekonferenz übernimmt.
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