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Typisch deutsch: Rackwitz ist überall-jeder will Duschen ohne Nass zu werden-das KI Rechenzetrum

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Deutschland möchte digitaler werden. Deutschland möchte mehr Zukunftstechnologien. Deutschland möchte neue Unternehmen, neue Arbeitsplätze, höhere Steuereinnahmen und weniger Abhängigkeit von alten Industrien.

Und sobald jemand tatsächlich kommt und Milliarden investieren will, lautet die erste Frage:

Wie können wir das verhindern?

Willkommen in Rackwitz.

Nördlich von Leipzig könnte eines der größten Rechenzentren Deutschlands entstehen. Vier bis sechs Milliarden Euro Investitionsvolumen stehen im Raum, bis zu 150 dauerhafte Arbeitsplätze, eine Ansiedlung aus einer Zukunftsbranche – und das ausgerechnet in einer Gemeinde, die nach Angaben ihres Bürgermeisters mit 11,7 Millionen Euro verschuldet ist und ihre wirtschaftliche Basis dringend verbreitern möchte.

Man könnte meinen, dort würden die Sektkorken knallen.

Stattdessen formiert sich Widerstand.

Eine Bürgerinitiative möchte einen Bürgerentscheid. Diskutiert werden Stromverbrauch, Wasserverbrauch, Lärm, Umweltschutz und Abwärme. All das sind berechtigte Fragen. Natürlich muss ein Rechenzentrum dieser Größenordnung sauber geplant werden. Natürlich müssen Belastungen geprüft werden. Und selbstverständlich haben Anwohner das Recht, wissen zu wollen, was ihnen vor die Haustür gebaut werden soll.

Nur gibt es einen feinen Unterschied zwischen kritisch prüfen und vorsorglich verhindern.

Und genau hier beginnt das sehr deutsche Problem.

Noch liegen Gutachten gar nicht vollständig vor. Das Verfahren befindet sich in einer frühen Phase. Selbst der Bürgermeister sagt sinngemäß: Schauen wir uns erst einmal die Fakten an.

Eigentlich ein bemerkenswert vernünftiger Vorschlag.

Doch offenbar wird schon darüber nachgedacht, die Grundsatzfrage gleich dem Bürgerentscheid zu übergeben.

Warum erst Gutachten abwarten, wenn man schon vorher dagegen sein kann?

Wie verhindere ich erfolgreich neue Arbeitsplätze?

Man muss sich die Dimension einmal vor Augen führen.

Da möchte jemand Milliarden investieren. Nicht in irgendeine Lagerhalle, sondern in digitale Infrastruktur – genau jene Infrastruktur, bei der Deutschland seit Jahren darüber klagt, international hinterherzulaufen.

Rechenzentren sind die Fabriken des digitalen Zeitalters. Cloud-Dienste, künstliche Intelligenz, Unternehmenssoftware, Forschung, digitale Verwaltung – all das braucht Rechenleistung.

Wir wollen KI.

Wir wollen Digitalisierung.

Wir wollen europäische Datensouveränität.

Wir wollen weniger Abhängigkeit von amerikanischen und asiatischen Technologiekonzernen.

Nur bitte nicht bei uns im Ort.

Das Kraftwerk nicht.

Die Stromleitung nicht.

Die Windräder nicht.

Das Industriegebiet nicht.

Das Rechenzentrum auch nicht.

Und irgendwann wundern wir uns, warum die Investition in einem anderen Land stattfindet.

150 Arbeitsplätze sind nicht alles – aber eben auch nicht nichts

Natürlich wird man ein Rechenzentrum nicht allein mit 150 Arbeitsplätzen schönreden können. Bei einem Investitionsvolumen von mehreren Milliarden Euro klingt diese Zahl zunächst überschaubar.

Aber die Debatte endet eben nicht beim Pförtner und beim Servertechniker.

Solche Ansiedlungen bedeuten Aufträge für Bauunternehmen, Handwerker, Sicherheitsdienste, Wartungsfirmen, Energieversorger und zahlreiche weitere Dienstleister. Sie können Infrastrukturinvestitionen nach sich ziehen und für eine Kommune langfristig wirtschaftliche Bedeutung entwickeln.

Vor allem aber wäre eine solche Ansiedlung genau das, was Rackwitz nach Darstellung seines Bürgermeisters braucht: Diversifizierung.

Die Gemeinde ist stark von energieintensiven Unternehmen und der Automobilindustrie abhängig. Gleichzeitig sitzt sie auf einem Schuldenberg von 11,7 Millionen Euro.

Da erscheint es zumindest diskutabel, ob die beste wirtschaftspolitische Strategie lautet:

Bitte möglichst alles so lassen, wie es ist.

Das Totschlagargument „Landleben“

Besonders interessant ist der Blick in die Nachbargemeinde Wiedemar. Dort verhinderte ein Bürgerentscheid bereits ein Industrievorsorgegebiet. Der damalige Leitspruch lautete:

„Landleben statt Industriegebiet.“

Das klingt wunderbar.

Fast nach Sonntagsspaziergang, Streuobstwiese und Vogelgezwitscher.

Nur muss man irgendwann die unbequeme Frage stellen: Wer bezahlt eigentlich dieses schöne Landleben?

Straßen, Schulen, Kitas, Feuerwehr, Sportplätze, öffentliche Gebäude und soziale Angebote finanzieren sich nicht durch Aussicht ins Grüne.

Kommunen brauchen Einnahmen.

Menschen brauchen Arbeitsplätze.

Und ein Land braucht Unternehmen, die investieren.

Wer jede wirtschaftliche Entwicklung mit dem Argument ablehnt, sie passe nicht zum bisherigen Charakter des Ortes, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann auch die junge Generation sagt: Dann gehe ich eben dorthin, wo etwas passiert.

Beteiligung ja – Verhinderung als Grundhaltung nein

Damit kein Missverständnis entsteht: Bürgerbeteiligung ist richtig.

Ein Projekt mit 500 Megawatt Anschlussleistung muss genau geprüft werden. Fragen zum Stromnetz, zur Wasserversorgung, zu Lärm, Abwärme und Umweltbelastungen gehören auf den Tisch. Der Investor muss überzeugende Antworten liefern.

Aber genau deshalb hat Rackwitz derzeit eigentlich die richtige Situation:

Es gibt ein Planungsverfahren.

Es gibt Bürgerbeteiligung.

Es gibt Gutachten.

Es gibt Stellungnahmemöglichkeiten.

Und es gibt einen Gemeinderat, dessen Mitglieder gewählt wurden, um Entscheidungen für die Gemeinde zu treffen.

Warum also schon jetzt die große Stopptaste vorbereiten?

Vielleicht wäre es zur Abwechslung einmal möglich, ein großes Projekt nicht unter der Überschrift zu diskutieren:

„Wie verhindern wir das?“

Sondern:

„Wie machen wir es so, dass unsere Gemeinde möglichst stark davon profitiert?“

Das wäre tatsächlich Fortschritt.

Rackwitz ist überall

Das eigentliche Problem ist deshalb größer als ein Dorf bei Leipzig.

Rackwitz ist überall.

Es zeigt sich beim Wohnungsbau. Bei Bahnstrecken. Bei Stromleitungen. Bei Windrädern. Bei Fabriken. Bei Gewerbegebieten. Bei Rechenzentren.

Deutschland möchte Veränderung – solange sich nichts verändert.

Wir wollen Wachstum, aber keine Baustellen.

Wir wollen Digitalisierung, aber keine Rechenzentren.

Wir wollen Energiewende, aber keine Leitungen.

Wir wollen neue Jobs, aber bitte ohne neue Gewerbeflächen.

Wir wollen höhere Steuereinnahmen, aber Unternehmen sollten möglichst geräuschlos irgendwo auftauchen, ohne Platz zu benötigen, Strom zu verbrauchen oder irgendjemanden zu stören.

So funktioniert Wirtschaft leider nicht.

Vielleicht stellt sich deshalb in Rackwitz nicht nur die Frage, ob ein Rechenzentrum gebaut werden soll.

Vielleicht stellt sich dort exemplarisch eine viel grundsätzlichere:

Will Deutschland eigentlich noch wachsen – oder wollen wir künftig hauptsächlich darüber abstimmen, warum etwas nicht gebaut werden darf?

Die offenen Fragen zum Projekt müssen geklärt werden.

Aber erst die Fakten prüfen und dann entscheiden wäre vielleicht einmal eine ganz moderne Idee.

Fast schon technischer Fortschritt.

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