Donald Trump klingt in diesen Tagen wie ein Mann, der nach einem Brand den Feuerlöscher wegwirft und erklärt, der Rauch sei nun das Problem der Nachbarn.
Nach Wochen martialischer Drohungen, Luftangriffen und markigen Ansagen deutet vieles darauf hin, dass der US-Präsident seinen Krieg gegen Iran politisch möglichst schnell beenden will – selbst dann, wenn die strategischen Folgen ungelöst bleiben. Und genau das könnte teuer werden. Nicht nur für Amerika, sondern für Europa, Asien und letztlich die gesamte Weltwirtschaft.
Denn während Trump bereits das Ende der Mission ausruft, bleibt die entscheidende Frage offen: Wer kontrolliert danach die Straße von Hormus?
„Holt euch euer eigenes Öl“
Trump formulierte es auf seine übliche Weise: grob, trotzig, maximal egozentrisch.
„Go get your own oil“, schrieb er auf Truth Social – eine Botschaft an Verbündete, die sich an seinem Krieg nicht beteiligen wollten oder konnten.
Wenig später legte er nach: Die USA könnten „innerhalb von zwei bis drei Wochen“ mit dem Krieg fertig sein. Was in der Straße von Hormus passiere, gehe Amerika dann nichts mehr an.
Das ist mehr als nur eine Provokation. Es ist eine geopolitische Drohung mit Ansage.
Denn sollte der Krieg enden, während Iran die faktische Kontrolle über die Straße von Hormus behält, hätte Teheran trotz massiver Verluste einen strategischen Erfolg erzielt. Die Islamische Republik könnte sich als Sieger inszenieren – nicht, weil sie militärisch gewonnen hätte, sondern weil sie die Weltwirtschaft weiter am empfindlichsten Punkt in Geiselhaft hält.
Der Flaschenhals der Weltwirtschaft
Die Straße von Hormus ist kein regionales Randproblem, sondern eine der zentralen Arterien des globalen Energiesystems. Ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und Gaslieferungen passiert diese Meerenge am Ausgang des Persischen Golfs.
Wenn dort Tanker gestoppt, verzögert oder nur gegen faktische „Durchfahrtspreise“ geduldet werden, steigen:
- Versicherungsprämien
- Transportkosten
- Ölpreise
- Dieselpreise
- Kerosinkosten
- und am Ende: die Inflationsraten
Trump kann in Washington noch so oft erklären, Amerika sei selbst großer Ölproduzent. Der Ölmarkt ist global. Was in Hormus passiert, landet zeitversetzt an Tankstellen in Texas, an Heizungen in Deutschland und in Produktionskosten in Asien.
Oder einfacher gesagt:
Wenn Hormus hustet, bekommt die Weltwirtschaft Fieber.
Mission accomplished – ohne Aufräumen
In Washington wird inzwischen erkennbar an einer neuen Sprachregelung gearbeitet. Die Regierung sucht nach einer Erzählung, die es Trump erlaubt, den Krieg als Erfolg zu verkaufen, ohne die gefährlichsten Folgen tatsächlich zu beseitigen.
Verteidigungsminister Pete Hegseth sprach sogar von „regime change“ in Iran – obwohl das Land weiterhin von genau jener repressiven islamistischen Führung dominiert wird, die Washington angeblich schwächen wollte. Das klingt weniger nach Realität als nach politischem Tarnspray.
Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass das Weiße Haus vor einem Dilemma steht:
- Ein echtes militärisches Öffnen der Straße von Hormus wäre riskant, teuer und verlustreich.
- Ein Abbruch ohne Öffnung wäre strategisch peinlich.
- Also bleibt nur Trumps Spezialdisziplin:
Niederlagen so lange umlabeln, bis sie auf Truth Social wie Siege aussehen.
Amerika First, Europa zuletzt
Für Europas Regierungen ist das eine unerquicklich vertraute Lektion. Trump führt Krieg, ohne seine Verbündeten einzubinden. Dann beschimpft er sie, weil sie nicht begeistert applaudieren. Und am Ende sollen sie bitteschön die Rechnung übernehmen.
Viele US-Partner hatten sich dem Krieg von Beginn an verweigert:
- weil sie nicht vorab informiert wurden,
- weil sie den Einsatz völkerrechtlich für problematisch hielten,
- und weil sie politisch schlicht nicht bereit waren, sich in einen weiteren Nahostkrieg hineinziehen zu lassen.
Einige, wie Großbritannien, verweigerten zunächst offensive Nutzungen von Basen.
Andere, wie Spanien, gingen deutlich weiter und schränkten militärische Unterstützung stärker ein.
Trump reagierte erwartbar: mit Wut, Drohungen und dem üblichen Vorwurf, Europa lebe auf Kosten amerikanischer Sicherheit.
Das Problem: In einem Punkt hat er unfreiwillig recht – allerdings anders, als er meint.
Denn Europas Sicherheitsarchitektur ist tatsächlich zu abhängig von den USA. Nur zeigt der Iran-Krieg vor allem, wie gefährlich diese Abhängigkeit inzwischen geworden ist, wenn im Weißen Haus ein Präsident sitzt, der Bündnisse wie Abo-Modelle behandelt: kündbar, sobald sie ihn nerven.
Die Kosten treffen Europa besonders hart
Selbst wenn Europa sich militärisch heraushält, wird es wirtschaftlich kaum entkommen.
Die Risiken liegen offen auf dem Tisch:
- steigende Energiepreise
- höhere Inflation
- Belastung schwacher Konjunkturen
- Druck auf Industrie und Logistik
- mögliche Rationierungsdebatten bei Diesel und Kerosin
- politischer Ärger für ohnehin fragile Regierungen
Für viele europäische Staaten wäre eine längere Energiekrise ein toxischer Cocktail.
Die Wirtschaft lahmt ohnehin, Haushalte sind nach Jahren von Inflation und Krisen erschöpft, die politischen Mitte-Parteien wackeln. Jeder weitere Preisschock stärkt jene Kräfte, die mit einfachen Antworten, geschlossenen Grenzen und offener Systemverachtung hausieren gehen.
Und als wäre das nicht genug, wächst in Europa bereits die Sorge, dass ein weiterer Zusammenbruch staatlicher Ordnung in Teheran eine neue Fluchtbewegung auslösen könnte – mit allen bekannten politischen Verwerfungen an den Außengrenzen und in den Innenstädten des Kontinents.
Trumps Weltbild: Ich schieße, du räumst auf
Der eigentliche Kern dieses Konflikts liegt aber tiefer. Er zeigt das Prinzip von Trumps zweiter Amtszeit in Reinform.
Trump denkt Außenpolitik nicht als Ordnungspolitik, sondern als transaktionale Machtdemonstration:
- Er zerstört lieber, als dass er stabilisiert.
- Er bricht lieber Systeme auf, als neue zu bauen.
- Er betrachtet Bündnisse als lästige Belastung, solange sie ihm nicht sofort nützen.
- Und er verwechselt „America First“ regelmäßig mit
„America leaves first“.
Das mag innenpolitisch kurzfristig funktionieren.
Außenpolitisch produziert es eine Welt, in der andere Staaten mit den Konsequenzen amerikanischer Entscheidungen leben müssen, ohne sie beeinflussen zu können.
Hundert Millionen Menschen in Europa, Asien, Afrika und im Nahen Osten haben Donald Trump nicht gewählt. Aber sie zahlen trotzdem mit:
- höheren Energiepreisen,
- instabileren Lieferketten,
- wachsender Unsicherheit,
- und einem weiteren Vertrauensverlust in die Verlässlichkeit westlicher Ordnungsmacht.
Kann Europa überhaupt selbst handeln?
Die bittere Wahrheit lautet: nur sehr begrenzt.
Trump fordert, andere Staaten sollten sich eben selbst um die Straße von Hormus kümmern. Doch das ist leichter getwittert als umgesetzt.
Die europäischen Marinen sind geschrumpft.
Viele Staaten verfügen zwar über einzelne Fähigkeiten – etwa Minenabwehr oder Begleitschutz –, aber eine robuste und dauerhafte Sicherung der Straße von Hormus ohne die USA ist derzeit kaum realistisch.
Selbst die US-Marine operiert dort unter massivem Risiko. Iranische Drohnen, Raketen, asymmetrische Angriffe und Minengefahr machen das Gebiet hochgefährlich.
Wenn also schon Washington zögert, den Seeweg mit Gewalt vollständig zu öffnen, wirkt Trumps Aufforderung an Europa ungefähr so glaubwürdig wie der Hinweis eines brennenden Hausbesitzers, der Nachbar möge doch bitte selbst die Feuerwehr spielen.
Vielleicht ist alles nur Druck – vielleicht aber auch nicht
Wie immer bei Trump gilt: Man sollte nicht jedes Wort für bare Münze nehmen.
Seine Drohungen sind oft Teil eines Verhandlungsspiels. Sein öffentliches Poltern kann Bluff sein, ein Versuch, Gegner und Verbündete gleichzeitig unter Druck zu setzen.
Möglich also, dass die Aussagen zur Straße von Hormus vor allem eines sind:
ein Hebel, um Europa, asiatische Partner und Golfstaaten zu größerem Engagement zu zwingen.
Doch selbst wenn es nur Taktik ist, richtet sie Schaden an.
Denn jede dieser Botschaften sendet dieselbe Botschaft in die Welt:
Amerika ist unter Trump nicht mehr Garant von Ordnung, sondern ein Unsicherheitsfaktor mit Flugzeugträgern.
Fazit: Der Krieg endet vielleicht – die Krise nicht
Trump mag den Iran-Krieg in Washington bald für beendet erklären.
Er mag sich vor Kameras stellen und von erledigten Missionen, harten Deals und neuer Stärke sprechen.
Doch wenn die Straße von Hormus danach unsicher bleibt, wenn Iran den strategischen Hebel behält, wenn Öl teuer bleibt und Europas Wirtschaft weiter ins Schleudern gerät, dann wäre dieser Krieg eben kein sauberer Sieg – sondern ein geopolitischer Abgang mit globaler Rechnung.
Trump könnte also durchaus bald aus dem Konflikt herausmarschieren.
Nur wird dann das gelten, was in seiner Außenpolitik inzwischen fast immer gilt:
Amerika geht zuerst.
Und der Rest der Welt darf sehen, wie er mit den Scherben klarkommt.
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