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Dow im Freudentaumel: Warum die Börse ausgerechnet auf Trumps Schwäche setzt

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An der Wall Street ist am Dienstag etwas passiert, das auf den ersten Blick absurd wirkt – und auf den zweiten ziemlich logisch.

Die großen US-Indizes schossen nach oben, als hätte jemand der Börse versprochen, Inflation, Krieg und Ölkrise seien abgesagt. Der Dow Jones legte um mehr als 1000 Punkte zu, der S&P 500 stieg um 2,8 Prozent, die Nasdaq sogar um 3,8 Prozent. Es war der stärkste Börsentag seit Mai 2025.

Der Auslöser? Ausgerechnet die Aussicht, dass Donald Trump im Iran-Krieg womöglich einmal mehr den Rückwärtsgang einlegt.

Oder, wie man an der Wall Street inzwischen halb spöttisch, halb ehrfürchtig sagt:
TACO – Trump Always Chickens Out.

Die Börse wettet auf den Rückzieher

Der Markt liebt Verlässlichkeit.
Bei Donald Trump hat er sich etwas anderes angewöhnt: Er liebt die Unverbindlichkeit, solange sie am Ende nach Rückzug aussieht.

Die Rally begann, nachdem Berichte aufkamen, wonach das Weiße Haus offenbar bereit sein könnte, Amerikas Beteiligung am Iran-Krieg auch dann zu beenden, wenn die Straße von Hormus nicht wieder geöffnet wird.

Das wäre geopolitisch eigentlich eine ziemlich schlechte Nachricht.

Denn:

  • Der Krieg wäre dann keineswegs sauber beendet.
  • Iran könnte den strategisch wichtigsten Öl-Engpass der Welt weiter kontrollieren.
  • Die Folgen für Energiepreise, Inflation und globale Lieferketten wären nicht in Wochen, sondern eher in Jahren zu messen.

Eigentlich müsste das die Märkte erschrecken.

Tat es aber nicht.

Warum?
Weil die Wall Street nicht auf den idealen Ausgang wettet – sondern auf den typischen Trump-Ausgang.

Schlechte Nachrichten? Kommt drauf an, von wem

Aus nüchterner ökonomischer Sicht ist die Lage unerquicklich:

  • Solange die Straße von Hormus blockiert oder nur eingeschränkt passierbar bleibt,
  • bleiben Ölpreise weltweit hoch,
  • und damit auch Benzinpreise, Diesel, Kerosin, Transportkosten und Inflationsdruck.

Dass die USA viel Öl fördern, ändert daran wenig. Öl wird global gehandelt.
Wenn ein entscheidender Flaschenhals gestört ist, trifft das den Weltmarkt – und damit auch amerikanische Verbraucher.

Oder einfacher gesagt:
Trump kann noch so oft „Drill, baby, drill“ rufen.
Wenn Hormus dicht ist, hilft das an der Zapfsäule nur begrenzt.

Trotzdem jubelten die Märkte.

Das liegt daran, dass Börsenkurse nicht nur auf Fakten reagieren, sondern auf Erwartungen, Stimmungen und Reflexe. Und der Reflex bei Trump lautet inzwischen:
Er droht maximal – und zieht sich dann oft halbwegs chaotisch zurück.

TACO: Das teuerste Börsen-Sandwich der Welt

Der Begriff TACO – „Trump Always Chickens Out“ – ist an der Wall Street längst mehr als ein Witz.
Er ist eine Handelsstrategie.

Die Idee dahinter:

  1. Trump kündigt etwas Großes, Hartes, Marktfeindliches an.
  2. Märkte brechen ein oder werden nervös.
  3. Trump relativiert, verschiebt, rudert zurück oder definiert sein Ziel neu.
  4. Kurse steigen wieder.

Dieses Muster gab es zuletzt immer wieder:

  • bei Zöllen
  • bei Handelsdrohungen
  • bei Grönland-Fantasien
  • bei Migrationspolitik
  • und nun eben beim Iran-Krieg

Das Problem: Wer Trump ernst nimmt, verliert oft Geld.
Wer ihn nicht ernst nimmt, manchmal aber auch.

Deshalb versucht die Wall Street inzwischen nicht mehr, Trumps Aussagen zu glauben – sondern seine Wendungen zu antizipieren.

Oder anders formuliert:

Die Märkte handeln nicht auf Politik.
Sie handeln auf Trumps Nervensystem.

Ein Präsident als Volatilitätsmaschine

Trump ist kein klassischer politischer Akteur mit klarer Linie.
Er ist eher ein permanenter Stresstest für Analysten, Regierungsbeamte und Daytrader.

Er sagt oft mehrere Dinge gleichzeitig oder nacheinander, die sich widersprechen. Jeder kann sich dann jene Version aussuchen, die ihm gerade passt.

Das hat man schon im Wahlkampf gesehen:

  • Mal sprach Trump von Massendeportationen in historischem Ausmaß.
  • Dann wieder klang es, als wolle er sich vor allem auf gewalttätige Straftäter konzentrieren.

Ähnlich läuft es in der Wirtschaftspolitik:

  • Zölle hoch.
  • Zölle runter.
  • Ultimatum.
  • Verschiebung.
  • Härte.
  • Ausnahme.
  • Drohung.
  • „War nur Verhandlung.“

Im Ergebnis entsteht ein politischer Stil, der für ihn selbst manchmal sogar nützlich ist:
Er bleibt maximal flexibel, während alle anderen versuchen, aus dem Nebel irgendeine Strategie herauszulesen.

Für Märkte ist das eigentlich Gift.
Aber irgendwann wird selbst Gift kalkulierbar.

Was genau hat die Börse am Dienstag gefeiert?

Die Kursrally hatte im Grunde zwei Treiber.

1. Hoffnung auf Trumps Ausstiegsszenario

Die „Wall Street Journal“-Meldung, wonach Trump intern signalisiert haben soll, dass ein Kriegsende auch ohne Lösung für Hormus akzeptabel wäre, war für Anleger ein Signal:

👉 Vielleicht eskaliert das Ganze doch nicht weiter.
👉 Vielleicht gibt es keinen monatelangen, offenen Krieg.
👉 Vielleicht kommt der typische Trump-Abbruch.

Verteidigungsminister Pete Hegseth lieferte dazu eine Art halbe Bestätigung und erklärte, andere Länder sollten besser anfangen, „für sich selbst kämpfen zu lernen“. Das klang weniger nach großer US-Offensive als nach dem Versuch, Verantwortung zu verteilen.

2. Neue Signale aus Teheran

Später am Tag stiegen die Kurse weiter, nachdem iranische Staatsmedien meldeten, Präsident Massud Peseschkian sei grundsätzlich bereit, den Krieg zu beenden – sofern Sicherheitsgarantien gegeben würden.

Zwar war das inhaltlich kein echter Durchbruch. Solche Töne kommen aus Teheran seit Wochen in ähnlicher Form.
Aber die Märkte waren so angespannt, dass schon jede halbwegs friedensfähige Formulierung genügte, um die Kauflaune anzuheizen.

Ein Analyst brachte es sinngemäß auf den Punkt:
Die Nachrichten rechtfertigten den Kurssprung eigentlich nicht – der Markt war einfach verzweifelt auf der Suche nach irgendeinem Anlass zum Aufatmen.

Die Rally könnte morgen schon wieder verdampfen

Das ist der entscheidende Punkt:
Die Euphorie vom Dienstag ist nicht zwingend Ausdruck stabiler Zuversicht. Sie ist eher das Symptom eines Marktes, der wie ein überdrehter Hund auf jede Bewegung seines Besitzers reagiert.

Denn objektiv ist vieles weiterhin ungelöst:

  • Der Krieg ist nicht wirklich beendet.
  • Die Straße von Hormus ist nicht sicher.
  • Öl bleibt teuer.
  • Inflationsdruck bleibt real.
  • Die geopolitische Lage ist fragil.
  • Trumps Aussagen können sich binnen Stunden ändern.

Was am Dienstag wie ein Befreiungsschlag aussah, kann also schon am Mittwoch wieder wie eine klassische Trump-Kehrtwende enden – inklusive neuem Absturz.

Die Börse weiß das.
Sie handelt trotzdem.

Warum?
Weil kurzfristig oft nicht zählt, was vernünftig wäre, sondern wohin die nächste Welle läuft.

Die eigentliche Pointe: Die Märkte glauben Trump nicht – und verdienen gerade daran

Das vielleicht Bemerkenswerteste an diesem Börsentag ist nicht der Anstieg selbst.
Es ist die zugrunde liegende Logik.

Die Wall Street feiert nicht etwa Trumps Stärke.
Sie feiert die Möglichkeit, dass Trump wieder einmal einknickt.

Das ist politisch unerquicklich und ökonomisch fast schon grotesk:

  • Ein Präsident kündigt Härte an.
  • Die Lage verschärft sich.
  • Dann zeichnet sich Rückzug ab.
  • Und die Börse sagt: Fantastisch, genau darauf haben wir gewartet.

Man könnte auch sagen:

Trumps größte marktfreundliche Eigenschaft ist inzwischen nicht seine Wirtschaftspolitik – sondern seine Unzuverlässigkeit.

Fazit: Der Dow steigt, weil niemand mehr an das große Trump-Finale glaubt

Die Kursgewinne vom Dienstag sind weniger ein Vertrauensbeweis in Trumps Strategie als ein Börsenvotum über seinen Charakter.

Die Wall Street setzt darauf, dass Trump:

  • maximal droht,
  • Chaos erzeugt,
  • Märkte erschreckt,
  • und dann vor der letzten Konsequenz zurückschreckt.

Das kann kurzfristig Gewinne bringen.
Es ist aber kein Zeichen von Stabilität, sondern von Gewöhnung an politische Volatilität.

Oder in einem Satz:

Der Dow stieg nicht, weil die Welt sicherer geworden ist.
Er stieg, weil Anleger glauben, dass Donald Trump am Ende wieder Donald Trump sein wird.

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