In den USA läuft wieder einmal alles völlig normal.
Der Präsident beschimpft den Chef der Notenbank als „Schwachkopf“ und „Verlierer“, droht ihm öffentlich mit Rauswurf, lässt Ermittlungen gegen ihn anlaufen und wundert sich dann, dass die Personalie für den Nachfolger nicht ganz so reibungslos durch den Senat marschiert wie ein Wahlkampf-Slogan durch eine MAGA-Halle.
Kurz gesagt:
Donald Trump will die Federal Reserve umbauen – am liebsten gestern.
Blöd nur, dass sich diese lästige Demokratie, der Senat und der amtierende Fed-Chef Jerome Powell nicht ganz so kooperativ zeigen wie ein Fox-News-Studio zur Primetime.
Jerome Powell geht nicht? Dann wird eben geschrien
Jerome Powells Amtszeit als Chef der US-Notenbank endet Mitte Mai.
Eigentlich also der perfekte Moment für Trump, seinen Wunschkandidaten Kevin Warsh auf den Thron der Geldpolitik zu heben, die Zinsen runterzuschrauben und sich selbst vermutlich schon mal als Erfinder des billigen Geldes feiern zu lassen.
Dumm nur: Powell hat angedeutet, dass er bereit sei, so lange wie nötig im Amt zu bleiben.
Trump reagierte darauf wie ein Mann, der beim Monopoly merkt, dass ihm jemand die Schlossallee nicht freiwillig überlässt:
„Ich werde ihn feuern müssen, wenn er nicht geht.“
So klingt in Amerika offenbar mittlerweile institutionelle Stabilität.
Die Unabhängigkeit der Zentralbank – eine dieser lästigen Erfindungen
Normalerweise gilt die Federal Reserve als unabhängig.
Also als eine jener seltsamen Einrichtungen, die ihre Entscheidungen nicht danach treffen sollen, ob Donald Trump gerade schlechte Laune hat, sondern nach Inflationsdaten, Arbeitsmarkt und Wirtschaftslage.
Trump sieht das naturgemäß etwas kreativer.
Da Powell sich weigerte, die Zinsen in Trumps politisch gewünschte Richtung zu prügeln, wurde er wiederholt öffentlich beleidigt.
Denn was wäre ein modernes Staatsoberhaupt ohne ein Mindestmaß an Niveauverlust vor laufender Kamera?
Als die verbalen Liebesbriefe nicht reichten, kamen dann Ermittlungen ins Spiel.
Grund: angeblich überhöhte Renovierungskosten beim Fed-Gebäude in Washington.
Oder anders gesagt:
Wenn der Mann die Zinsen nicht senkt, schaut man halt mal nach, ob er beim Fliesenleger geschummelt hat.
Der Senat: Leider kein Selbstbedienungsladen
Trumps Wunschkandidat Kevin Warsh soll Powell beerben.
Das Problem: Ein republikanischer Senator hat sich tatsächlich erdreistet, nicht einfach brav zu nicken.
Im Bankenausschuss des Senats haben die Republikaner nur eine knappe Mehrheit.
Heißt:
- ein Abweichler,
- ein Stirnrunzeln,
- ein Husten im falschen Moment,
… und schon kann das ganze Verfahren steckenbleiben.
Ein einziger Senator reicht also, um dem großen Masterplan „Trump bestimmt die Zinsen persönlich“ vorerst einen Dämpfer zu verpassen.
Man kann sich die Stimmung im Weißen Haus ungefähr vorstellen wie in einem Steakhouse, in dem plötzlich jemand „Salat“ bestellt.
Ermittlungen gegen Powell: Der Vorwurf lautet ungefähr „Irgendwas wird schon dran sein“
Besonders charmant ist der juristische Teil des Spektakels.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Powell wegen der Renovierung des Fed-Hauptquartiers.
Trump erklärte dazu sinngemäß:
Man müsse doch herausfinden, ob es Inkompetenz, Korruption oder beides sei.
Das ist natürlich ein herrlich amerikanischer Ansatz:
Erst Verdacht formulieren, dann später schauen, ob vielleicht auch Beweise existieren.
Ein Bundesrichter sah das allerdings etwas weniger kreativ und stellte fest, dass die Regierung im Grunde keinen einzigen belastbaren Hinweis für eine Straftat vorgelegt habe.
Mit anderen Worten:
Die große Anklage klang zunächst wie ein Politthriller –
und endete bisher eher wie ein missglückter Hausmeisterkrimi mit überteuerten Marmorplatten.
Staatsanwälte vor der Baustelle – Zutritt verweigert
Ein besonders hübsches Bild liefert die Szene, in der Staatsanwälte und Ermittler unangekündigt auf der Baustelle des Fed-Hauptquartiers auftauchen – und nicht reingelassen werden.
Das ist fast schon poetisch.
Da steht also der Staat vor der Zentralbank, klopft an die Tür und ruft vermutlich:
„Machen Sie auf, wir suchen die verschwundene Unabhängigkeit!“
Die Antwort sinngemäß:
„Nein.“
Man muss sagen:
Für einen Konflikt um Zinspolitik entwickelt diese Geschichte erstaunlich starke Sitcom-Qualitäten.
Powell könnte Trump noch jahrelang ärgern – einfach durch Anwesenheit
Das wirklich Schöne an der Sache:
Selbst wenn Powell als Vorsitzender abtritt, könnte er als Mitglied des Gouverneursrats bis Januar 2028 im Amt bleiben.
Das heißt:
Trump könnte ihn womöglich aus dem Chefsessel drängen – aber nicht aus dem Gebäude.
Jerome Powell als institutioneller Dauerbewohner.
Ein geldpolitischer Hausgeist mit Aktenkoffer.
Und das ist für Trump besonders unerquicklich, weil Powell damit einen Platz blockiert, den Trump sonst gerne mit jemandem besetzen würde, der bei jeder Zinssitzung vermutlich fragt:
„Was würde Donald wollen?“
Kevin Warsh: Der Mann, der vielleicht Chef wird – wenn das Theater vorher endet
Kevin Warsh ist also Trumps Wunschkandidat.
Doch selbst wenn er am Ende nominiert und bestätigt wird, dürfte sein Start ungefähr so entspannt ausfallen wie ein Fallschirmsprung ohne Fallschirmbriefing.
Denn statt eines würdevollen Amtswechsels bekommt er zum Einstand:
- parteipolitischen Krach,
- juristischen Nebel,
- öffentliche Beschimpfungen,
- institutionellen Flurschaden,
- und einen Vorgänger, der eventuell einfach im Vorstand sitzen bleibt und zuschaut.
Das ist kein geordneter Übergang.
Das ist eher eine Mischung aus Wall Street, Wrestling und Familienfeier mit offenem Erbschaftsstreit.
Fazit: Die Fed soll unabhängig sein – Trump hält das offenbar für ein Gerücht
Was wir hier erleben, ist weniger ein Personalwechsel als ein klassischer Trump-Moment:
- Erst beleidigen,
- dann Druck machen,
- dann ermitteln lassen,
- dann die Institution beschädigen,
- und am Ende so tun, als sei man nur an „Transparenz“ interessiert gewesen.
Die Federal Reserve ist eigentlich dafür da, die größte Volkswirtschaft der Welt stabil zu halten.
Unter Trump wirkt sie zunehmend wie eine Behörde, deren Chefposten man besetzt, als würde man den Animateur für ein Casino in Atlantic City austauschen.
Und während Powell signalisiert, dass er notfalls bleibt, Trump droht, Warsh wartet und der Senat zickt, schaut der Rest der Welt auf die USA und denkt sich:
Ach, nur die wichtigste Zentralbank der Erde im offenen Machtkampf mit dem Präsidenten. Ganz normaler Mittwoch.
Oder um es wirtschaftlich präzise zu formulieren:
Die Zinsen mögen stabil sein – der Blutdruck in Washington sicher nicht.
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