Die Schweizer TREECYCLE AG wirbt mit wachsenden Plantagen, einer hohen Eigenkapitalquote und einem neuen Wertpapierprospekt. Im Prüfbericht findet sich jedoch eine Einschränkung, die den Kern der Erfolgsmeldung betrifft. Der Fall Life Forestry Switzerland zeigt zudem, wie schwierig die Durchsetzung von Anlegerinteressen bei internationalen Waldinvestments werden kann.
Hünenberg. Die Zahlen klingen eindrucksvoll: Der bilanzielle Wert der Plantagen und Grundstücke der TREECYCLE AG soll innerhalb eines Jahres von rund 12,5 auf 33,1 Millionen Schweizer Franken gestiegen sein. Für jeden TREE weist das Unternehmen einen rechnerischen Vermögenswert von 27,40 Franken aus. Gegenüber dem bisherigen Ausgabepreis von 21 Franken entspreche dies einem Zuwachs von rund 30,5 Prozent. Auch die Eigenkapitalquote von etwa 79 Prozent soll die finanzielle Stabilität des Unternehmens unterstreichen.
TREECYCLE entwickelt Aufforstungsprojekte in Paraguay. Neue TREE sollen nach der Mitteilung für jeweils 25 Franken ausgegeben werden. Anleger erhalten nach Darstellung des Unternehmens einen vertraglichen Anspruch auf einen Anteil am künftig erwirtschafteten operativen Cashflow. Geld kann demnach insbesondere in Jahren fließen, in denen Holz geerntet und verkauft wird.
Was in der Pressemitteilung nicht erwähnt wird: Grant Thornton hat für den Jahresabschluss 2025 kein uneingeschränktes, sondern ein eingeschränktes Prüfungsurteil abgegeben.
Prüfer konnten den Wert der Aufforstungen nicht ausreichend bestätigen
Im neuen TREECYCLE-Prospekt erklärt Grant Thornton, die Aufforstungsvermögenswerte seien zum Jahresende 2025 mit knapp 30 Millionen Franken bilanziert worden. Die Prüfer hätten jedoch keine ausreichenden geeigneten Nachweise für diesen Buchwert erhalten.
Sie konnten nach eigener Darstellung weder die Zuverlässigkeit der zugrunde liegenden Daten noch die Annahmen zur Ermittlung des sogenannten Fair Value unabhängig beurteilen. Weil das Projekt noch jung sei, hätten historische eigene Erntedaten gefehlt. Das Management habe deshalb Daten eines externen Experten verwendet. Grant Thornton konnte diese Angaben weder mit tatsächlichen Ergebnissen noch mit einer unabhängigen Bewertung abgleichen. Deshalb ließ sich nicht feststellen, ob Korrekturen am bilanzierten Wert notwendig gewesen wären.
Das ist kein Beleg dafür, dass die Bäume nicht existieren oder der ausgewiesene Wert falsch ist. Es bedeutet aber ebenso wenig, dass der zentrale Wertansatz uneingeschränkt bestätigt wurde.
Die Einschränkung betrifft einen wesentlichen Teil jener Vermögensbasis, auf die TREECYCLE seinen gemeldeten Wertzuwachs stützt. Die Pressemitteilung bezeichnet den Abschluss zwar zutreffend als geprüft beziehungsweise testiert. Der Begriff kann bei Lesern jedoch den Eindruck eines uneingeschränkten Prüferurteils erwecken. Tatsächlich enthält das Testat einen erheblichen Vorbehalt.
Gerade deshalb müsste das Unternehmen nachvollziehbar erklären, welcher Teil des Anstiegs auf Grundstückskäufe, tatsächliche Aufwendungen und realisierte Erlöse entfällt – und welcher Teil aus Modellrechnungen über das künftige Wachstum und die spätere Verwertung der Bäume stammt.
Ein Bilanzwert ist noch keine Rendite
Ein Baum kann biologisch wachsen und dadurch in der Bilanz höher bewertet werden. Daraus entsteht aber noch kein Geld, das an Anleger ausgezahlt werden kann.
TREECYCLE erklärt auf seiner Website, Ausschüttungen sollten ausschließlich aus Holzverkäufen nach den Ernten erfolgen. Diese seien voraussichtlich im sechsten, zehnten und dreizehnten Jahr nach der Pflanzung vorgesehen. Die Gesellschaft weist zugleich darauf hin, dass Ausschüttungen nur erfolgen, wenn ein positiver operativer Netto-Cashflow vorhanden ist.
Zwischen der heutigen Bewertung eines jungen Baumbestandes und einer späteren Ausschüttung liegt damit eine lange wirtschaftliche Kette: Die Bäume müssen überleben, gepflegt und geerntet werden. Das Holz muss eine verwertbare Qualität erreichen, Käufer finden und zu auskömmlichen Preisen verkauft werden. Von den Einnahmen sind sämtliche Kosten, Steuern und Verpflichtungen abzuziehen.
Ein bilanzieller Wert von 27,40 Franken beantwortet daher nicht die Frage, wie viel ein Anleger heute für seinen TREE erhalten würde.
Kein liquider Handel – erste Kündigung 2036
TREECYCLE räumt selbst ein, dass derzeit kein liquider Börsenhandel für die TREE existiert. Eine Notierung sei geplant, aber noch nicht verfügbar. Das erste vertragliche Kündigungsrecht besteht nach den veröffentlichten Angaben erst im Jahr 2036, anschließend nur alle vier Jahre.
Nach dem Prospekt soll sich der spätere Rückzahlungsbetrag grundsätzlich am ursprünglich gezahlten Zeichnungspreis orientieren. Wer 21 Franken bezahlt hat, erhält bei einer ordnungsgemäßen Kündigung also nicht automatisch den inzwischen bilanzierten Wert von 27,40 Franken. Zudem beginnt nach der Kündigung eine zwölfmonatige Frist; währenddessen vorgesehene Ausschüttungen sollen ausgesetzt werden und verfallen.
Damit entsteht eine zentrale Spannung in der Unternehmenskommunikation: Für neue Anleger wird ein Ausgabepreis von 25 Franken einem rechnerischen Vermögenswert von 27,40 Franken gegenübergestellt. Bestehende Anleger besitzen jedoch offenbar keinen geregelten Weg, ihre TREE kurzfristig zu 25 oder 27,40 Franken zu verkaufen.
Ein Wert, der weder durch eine Ausschüttung noch durch einen transparenten Marktpreis realisiert werden kann, bleibt zunächst ein Rechenwert.
Was Anleger rechtlich erwerben
TREECYCLE formuliert auf seiner Website anschaulich: Für jeden erworbenen TREE werde in Paraguay ein Baum gepflanzt. Der „innere Wert“ basiere auf Land und Plantagen. Zugleich weist die Gesellschaft darauf hin, dass keine bestimmte Wertentwicklung garantiert werden könne.
Die rechtliche Konstruktion war im bis Juni 2026 gültigen Prospekt wesentlich nüchterner beschrieben. Danach stellten TREE unbesicherte und nachrangige Verpflichtungen der Emittentin dar. Sie vermittelten weder Eigentum an einem Baum noch an einem Grundstück. Im Insolvenzfall wären die Ansprüche der TREE-Inhaber erst nach den Forderungen der nicht nachrangigen Gläubiger zu bedienen gewesen.
Die Pressemitteilung zum neuen Angebot beschreibt den TREE weiterhin als vertraglichen Anspruch auf künftigen Cashflow – nicht als Eigentum an Land oder Bäumen.
Vor einer Investition ist deshalb entscheidend, ob und in welchem Umfang die neue Prospektfassung die bisherige Rang- und Sicherheitenstruktur verändert hat. Sollte sie unverändert geblieben sein, wären die realen Vermögenswerte der Gesellschaft nicht mit einer individuellen Absicherung des einzelnen Anlegers gleichzusetzen.
Der Ausdruck „reale Wertunterlegung“, den TREECYCLE in seiner Pressemitteilung verwendet, verlangt vor diesem Hintergrund eine besonders genaue Erklärung.
Unterlegung kann bilanziell bedeuten, dass den ausgegebenen Wertpapieren rechnerisch Vermögen gegenübersteht. Ein durchschnittlicher Anleger könnte darunter jedoch verstehen, sein Anspruch sei durch bestimmte Grundstücke oder Bäume rechtlich abgesichert. Das wäre etwas grundlegend anderes.
Die Prospektbilligung ist kein Qualitätssiegel
TREECYCLE hebt hervor, am 23. Juni 2026 die Billigung eines neuen Wertpapierprospekts erhalten zu haben.
Eine solche Billigung bedeutet jedoch nicht, dass die Aufsicht die wirtschaftliche Qualität des Geschäftsmodells, die Werthaltigkeit der Plantagen oder die Wahrscheinlichkeit künftiger Ausschüttungen bestätigt hat.
Die Finanzmarktaufsicht Liechtenstein erklärt ausdrücklich, dass sie Prospekte auf Vollständigkeit, Widerspruchsfreiheit und Verständlichkeit prüft. Die inhaltliche Richtigkeit der Angaben gehört grundsätzlich nicht zu diesem Prüfungsmaßstab; dafür haftet der Emittent.
Auch TREECYCLE weist auf seiner Website darauf hin, dass die Billigung nicht als Empfehlung des Wertpapiers verstanden werden darf. Zugleich bezeichnet das Unternehmen das Produkt als nicht einfach und möglicherweise schwer verständlich.
Der Vergleich mit Life Forestry
Rechtsanwalt Maurice Högel befasst sich mit den Folgen der Insolvenz der Life Forestry Switzerland AG. Das Unternehmen hatte Anlegern Investments in Teakbäume in Costa Rica und Ecuador angeboten. Im November 2025 wurde der Konkurs eröffnet. Im Januar 2026 wurde das Verfahren mangels ausreichender Aktiven eingestellt.
Eine Gleichsetzung beider Unternehmen wäre unzulässig. Es gibt keinen öffentlich belegten Hinweis darauf, dass TREECYCLE insolvent wäre oder vergleichbare Pflichtverletzungen begangen hätte. Auch die Produkte sind rechtlich unterschiedlich ausgestaltet: Bei Life Forestry sollten Anleger über Kauf-, Pacht- und Bewirtschaftungsverträge in konkrete Baumbestände investieren. Der TREE ist dagegen ein Wertpapieranspruch gegen eine Schweizer Emittentin.
Die Parallele liegt vielmehr im Risikomuster: In beiden Fällen hängt der wirtschaftliche Erfolg von langfristigen Forstprojekten außerhalb Europas ab. Anleger müssen darauf vertrauen, dass Grundstücksrechte, Baumbestände, Pflege, Ernte, Holzverkauf und Geldtransfers über Jahre hinweg ordnungsgemäß funktionieren.
Högel bezeichnete den Fall Life Forestry öffentlich als einen komplexen, grenzüberschreitenden Sachverhalt. Für die Anleger müsse geklärt werden, welche Werte tatsächlich vorhanden und wirtschaftlich verwertbar seien. Er betonte außerdem, dass Investoren ihre Möglichkeiten realistisch bewerten und sich nicht auf bloße Hoffnungen verlassen sollten.
Gerade dieser Punkt ist auf TREECYCLE übertragbar: Entscheidend ist nicht nur, was in Paraguay wächst, sondern welche überprüfbaren Rechte und Zahlungsansprüche der Anleger in der Schweiz besitzt.
Eine Erfolgsmeldung mit erheblichem Erklärungsbedarf
TREECYCLE kann auf deutlich ausgeweitete Aufforstungsflächen verweisen. Nach Unternehmensangaben stieg die bepflanzte Fläche 2025 von rund 320 auf 920 Hektar. Für 2026 seien weitere 1.212 Hektar vertraglich gesichert; zusätzlich sollten etwa 250 Hektar entwickelt werden.
Ob daraus der kommunizierte Anlegerwert entsteht, lässt sich anhand der Erfolgsmeldung allein nicht beurteilen. Dafür wären mindestens folgende Informationen erforderlich:
Wie genau wurden die knapp 30 Millionen Franken Aufforstungsvermögen bewertet? Welche Daten des externen Experten konnten die Prüfer nicht verifizieren? Welche Sensitivität besteht bei veränderten Holzpreisen, Ausfallquoten oder Erntekosten? Wie viel liquide Mittel waren zum Bilanzstichtag vorhanden? Wurden bereits Ernteerlöse erzielt? Gab es Ausschüttungen? Wie viele TREE wurden ausgegeben, und wie viele neue TREE müssen noch verkauft werden, um die Projekte bis zu den ersten größeren Ernten zu finanzieren?
Die wichtigste Frage bleibt jedoch die einfachste: Wie kann ein bestehender Anleger den gemeldeten Wertzuwachs tatsächlich realisieren?
Solange darauf keine klare Antwort vorliegt, sind die 30,5 Prozent keine realisierte Rendite, sondern eine bilanzielle Rechengröße, deren wichtigste Grundlage vom Abschlussprüfer nur eingeschränkt bestätigt werden konnte.
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