Das TREECYCLE-Whitepaper verbindet Aufforstung in Paraguay mit Blockchain und langfristigen Ertragsversprechen. Aus Anlegersicht enthält das Konzept nachvollziehbare Ansätze, aber auch widersprüchliche Zahlen, unklare Zahlungspläne und ein erhebliches Verlustrisiko.
Zehn Millionen Bäume auf 12.500 Hektar Land, neue Arbeitsplätze in Paraguay und langfristige Erträge für Anleger: Das Whitepaper von TREECYCLE entwirft die Vision eines Investments, das wirtschaftlichen Gewinn mit ökologischer Wirkung verbinden soll. Finanziert werden soll das Projekt durch den Verkauf sogenannter TREE-Token.
Die Grundidee ist verständlich. Anleger stellen Kapital bereit, TREECYCLE kauft und bepflanzt Flächen, verkauft später das geerntete Holz und beteiligt die Tokeninhaber am Gewinn. Das Unternehmen stellt „großzügige jährliche Renditen“ in Aussicht und erklärt, jedem TREE-Token solle die Pflanzung eines Baumes entsprechen.
Bei genauer Lektüre zeigt sich jedoch: Das Whitepaper ist keine belastbare Grundlage für eine aktuelle Anlageentscheidung. Es enthält ambitionierte Prognosen über Jahrzehnte, teilweise widersprüchliche Angaben und erklärt selbst, weder ein Prospekt noch ein verbindliches Angebot zu sein.
Anleger kaufen keinen Baum
Die vielleicht wichtigste Information findet sich erst im hinteren Teil der Produktbeschreibung: TREE-Inhaber erwerben keinen Anspruch auf Land, Grundstücke oder sonstige Vermögenswerte. Der Token ist zudem nicht mit einem Stimmrecht verbunden.
Versprochen wird vielmehr ein lebenslanger Anspruch auf einen Anteil am Nettogewinn aus den Holzverkäufen der Gesellschaft. Die Rechte sollen mit dem Token übertragbar sein und auch bei einem Verkauf des Unternehmens fortbestehen. Wie diese Rechte im Fall einer Insolvenz oder einer gesellschaftsrechtlichen Umstrukturierung konkret durchgesetzt werden könnten, erläutert das Whitepaper allerdings nicht.
Damit besteht eine deutliche Differenz zwischen der anschaulichen Geschichte und der rechtlichen Wirklichkeit: Ein TREE soll zwar jeweils für einen gepflanzten Baum stehen. Der Anleger besitzt diesen Baum jedoch nicht. Er hält einen Zahlungsanspruch gegen die Gesellschaft, dessen Wert davon abhängt, dass das gesamte Geschäftsmodell über viele Jahre funktioniert.
Aus Anlegersicht ist das ein wesentlicher Unterschied. Stirbt die Gesellschaft, hilft der bloße Bestand einer Plantage dem Tokeninhaber nicht automatisch, wenn er kein unmittelbares Recht an Grundstück oder Holz besitzt.
40 oder 50 Prozent für die Anleger?
Besonders problematisch sind Widersprüche bei der geplanten Gewinnverteilung.
An mehreren Stellen heißt es, 40 Prozent des Nettogewinns sollten an die Tokeninhaber ausgeschüttet werden. Weitere 50 Prozent seien für den Kauf neuer Flächen und zusätzliche Aufforstung vorgesehen, zehn Prozent für soziale Projekte.
Die zentrale Finanzplanung auf Seite 18 rechnet jedoch offenbar umgekehrt. Für das fünfte Jahr wird ein Nettoergebnis von rund 34,4 Millionen Euro ausgewiesen. Davon sollen etwa 17,2 Millionen Euro an Anleger gehen – das sind 50 Prozent. Rund 13,8 Millionen Euro beziehungsweise 40 Prozent werden als Reinvestition ausgewiesen. Zehn Prozent gehen an soziale Projekte.
Auch die Gesamtsumme der Tabelle folgt diesem umgekehrten Schlüssel: Von rund 664,8 Millionen Euro modelliertem Gesamtergebnis werden 332,4 Millionen Euro als Ausschüttungen an Anleger dargestellt, also 50 Prozent. Die Reinvestition beträgt rund 265,9 Millionen Euro beziehungsweise 40 Prozent.
Es ist nicht erkennbar, ob die Tabellenbeschriftung, der erläuternde Text oder die zugrunde liegende Kalkulation maßgeblich sein soll.
Auch rechnerisch besteht Klärungsbedarf: Die in der Tabelle sichtbaren einzelnen Anlegerausschüttungen ergeben zusammen rund 370,6 Millionen Euro. In der Totalspalte stehen dagegen rund 332,4 Millionen Euro. Die Differenz beträgt etwa 38,2 Millionen Euro. Das Whitepaper erklärt nicht, ob es sich um einen Übertragungsfehler oder um unterschiedliche Berechnungsebenen handelt.
Für ein Finanzprodukt ist das kein nebensächlicher redaktioneller Mangel. Der Anteil, den Anleger am Ergebnis erhalten, gehört zum Kern des Leistungsversprechens.
Mehrere Zeitpläne für dieselbe Ernte
Auch beim Zeitpunkt der erwarteten Einnahmen bleibt das Dokument uneinheitlich.
An einer Stelle ist von Erträgen „bereits ab dem vierten Jahr“ die Rede. Der Wachstumsplan beschreibt die erste Durchforstung und Holzverwertung hingegen für das fünfte Jahr. Anschließend nennt das Whitepaper Gewinnberechnungen in den Jahren vier, acht, elf, zwölf, 15, 16, 19, 20, 22 und 23 – obwohl zugleich von insgesamt neun geplanten Ernten gesprochen wird.
Im Token-Kapitel steht wiederum, Ausschüttungen seien in den Jahren fünf, neun, zwölf, 13, 16, 17, 20, 21 und 23 vorgesehen.
Die grafische Roadmap nennt eine erste Ernte im Jahr 2025, die erste Ausschüttung aber erst für 2028. Die zweite Ernte soll 2029 erfolgen, die entsprechende Ausschüttung 2030.
Damit finden sich im selben Dokument mehrere voneinander abweichende Ernte- und Zahlungspläne. Für Anleger bleibt unklar, ab welchem Zeitpunkt sie nach dem ursprünglichen Modell tatsächlich mit Geldzuflüssen rechnen sollten.
Milliardenprognose auf Basis von Preisen aus dem Jahr 2018
TREECYCLE legt eine detailliert wirkende Modellrechnung über 23 Jahre vor. Sie basiert auf einem angenommenen Mittelzufluss von 210 Millionen Euro. Daraus sollen insgesamt rund 1,1 Milliarden Euro Bruttoerlöse aus Holzverkäufen und nach Kosten etwa 664,8 Millionen Euro Ergebnis entstehen.
Der entscheidende Hinweis steht unmittelbar über der Tabelle: Die Berechnungen beruhen auf Marktpreisen vom September 2018. Schwankungen der Grundstücks- und Holzpreise werden für den gesamten Zeitraum nicht berücksichtigt. TREECYCLE weist zwar ausdrücklich darauf hin, dass die tatsächlichen Ergebnisse erheblich von den Prognosen abweichen können.
Aus Anlegersicht bleibt die Modellrechnung dennoch zu starr. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten können sich unter anderem verändern:
- Holz- und Grundstückspreise,
- Löhne, Transport- und Erntekosten,
- Steuern und Wechselkurse,
- Niederschläge und Wachstumsbedingungen,
- Ausfall- und Nachpflanzungsquoten,
- politische und regulatorische Rahmenbedingungen.
Das Whitepaper enthält keine erkennbare Sensitivitätsanalyse. Es wird nicht gezeigt, was mit den Ausschüttungen geschieht, wenn Holzpreise beispielsweise 20 Prozent niedriger ausfallen, Kosten deutlich steigen oder sich Ernten um mehrere Jahre verschieben.
Ebenso fehlt eine annualisierte Renditeberechnung. Große nominale Ausschüttungssummen über 23 oder sogar 44 Jahre wirken beeindruckend, lassen sich aber ohne Berücksichtigung des Zeitwertes des Geldes nur eingeschränkt mit anderen Anlagen vergleichen.
Kein Mindestkapital trotz 210-Millionen-Modell
Das gesamte Konzept ist auf eine Kapitaleinwerbung von 210 Millionen Euro zugeschnitten. Damit sollten zehn Millionen Bäume gepflanzt werden. Gleichzeitig wird in der Verkaufsübersicht kein „Soft Cap“, also kein Mindestbetrag für die wirtschaftliche Durchführung des geplanten Projekts, angegeben. Dort steht lediglich „N/A“.
Damit bleibt eine zentrale Frage offen: Wie verändert sich das Modell, wenn nur ein Bruchteil der angenommenen 210 Millionen Euro eingeworben wird?
Weniger Kapital könnte weniger Land, weniger Bäume und eine andere Kostenverteilung bedeuten. Fixkosten für Verwaltung, Technik oder Vertrieb würden dann auf ein kleineres Projekt treffen. Eine alternative Kalkulation für verschiedene Finanzierungsszenarien enthält das Whitepaper nicht.
Selbst beim Preis besteht ein Widerspruch: Auf Seite 24 wird der TREE mit 21 Euro angegeben, auf der unmittelbar folgenden Seite mit 21 Schweizer Franken. Angesichts möglicher Wechselkursschwankungen ist diese Abweichung für Anleger nicht bedeutungslos.
Nur 64 Prozent für Land und Aufforstung
Positiv ist, dass TREECYCLE eine prozentuale Mittelverwendung veröffentlicht. Demnach sollen 64 Prozent des eingeworbenen Kapitals in Grundstückskäufe und Aufforstung fließen.
Die übrigen 36 Prozent verteilen sich auf Marketing, Betrieb, Provisionen bei Landkäufen, Unternehmensgründung, die technische Plattform, Rechts- und Beratungskosten, soziale Projekte sowie eine Reserve für ein als „Price Stabilisation Program“ bezeichnetes Instrument. Allein zwölf Prozent sind für Marketing vorgesehen.
Diese Offenlegung schafft grundsätzlich Transparenz. Für Anleger fehlen jedoch die konkreten Beträge, Zahlungsempfänger und Kontrollmechanismen. Bei einer Vollplatzierung von 210 Millionen Euro entsprächen zwölf Prozent Marketingkosten mehr als 25 Millionen Euro.
Auch der Zweck der fünfprozentigen Preisstabilisierungsreserve wird nicht erläutert. Unklar bleibt, nach welchen Regeln sie verwendet werden sollte, wer darüber entscheidet und ob sie dem Tokenpreis, der Liquidität oder dem operativen Geschäft dienen sollte.
Blockchain schafft keine Kontrolle über die Plantage
Das Whitepaper stellt die Blockchain als Instrument für Transparenz und Sicherheit heraus. Anleger sollen Tokenbewegungen und die umlaufende Gesamtzahl nachvollziehen können. Zudem wird ein künftiger Handel auf einer dezentralen Börse angekündigt.
Das kann Manipulationen an der Tokenbuchhaltung erschweren. Es beantwortet jedoch nicht die entscheidenden wirtschaftlichen Fragen. Eine Blockchain kann dokumentieren, dass ein Token übertragen wurde. Sie beweist nicht automatisch,
- dass der dazugehörige Baum gepflanzt wurde und überlebt hat,
- dass das Grundstück unbelastet ist,
- dass die angegebenen Holzpreise erzielt wurden,
- dass sämtliche Kosten angemessen waren,
- oder dass der berechnete Nettogewinn vollständig ist.
TREECYCLE verspricht zwar regelmäßige Berichte über gepflanzte, ausgelichtete, geerntete und verkaufte Bäume sowie über Ausgaben und Einnahmen. Das Whitepaper beschreibt jedoch kein unabhängiges Baumregister, keine externe forstwirtschaftliche Kontrolle und keine konkrete Methode, mit der Tokenzahl, Pflanzfläche und späterer Ernte dauerhaft miteinander abgeglichen werden sollen.
Auch die angekündigte Handelbarkeit bleibt eine Zukunftsaussage. Ein Anspruch auf einen funktionierenden Sekundärmarkt ergibt sich daraus nicht. Das Whitepaper warnt selbst, Anleger könnten das finanzielle Risiko für einen unbestimmten Zeitraum tragen müssen.
Kein Stimmrecht und kein Zugriff auf Vermögen
Der TREE ist ausdrücklich als stimmrechtsloser Token ausgestaltet. Anleger dürfen am wirtschaftlichen Ergebnis teilhaben, sollen aber nicht über Geschäftsführung, Kosten, Reinvestitionen oder die Veräußerung von Vermögenswerten abstimmen können. Gleichzeitig haben sie nach dem Whitepaper keinen Anspruch auf Land oder andere Unternehmenswerte.
Damit liegt die wirtschaftliche Kontrolle vollständig bei der Unternehmensführung. Für ein langfristiges Projekt wäre deshalb besonders wichtig zu wissen, welche Schutzrechte Anleger besitzen, wenn sich Strategie, Kostenstruktur oder lokale Partner ändern.
Das Whitepaper sagt, bei einem Verkauf des Unternehmens blieben die Tokenrechte erhalten. Es erläutert jedoch nicht, wie ein Käufer verpflichtet werden soll, diese Ansprüche zu erfüllen, oder welche Sicherheiten für den Fall einer Insolvenz bestehen.
Vom Waldprojekt zum Hotel und Onlinehandel
TREECYCLE beschränkt seine Vision nicht auf Aufforstung. Das Dokument kündigt daneben Viehzucht, Imkerei, biologischen Obst- und Gemüseanbau, Holzverarbeitung, Metzgereien, einen internationalen Onlineshop und sogar ein Hotel für Anleger und Touristen an. Eine Grafik nennt zusätzlich Immobilien, Logistik, Trinkwasserproduktion, alternative Kraftstoffe, Textilien, Schulen und Gesundheitszentren.
Eine solche Diversifikation kann zusätzliche wirtschaftliche Chancen eröffnen. Sie erhöht aber zugleich die operative Komplexität. Jede neue Geschäftssparte benötigt Kapital, Fachpersonal, Kontrolle und eine klare Abgrenzung der Kosten.
Das Whitepaper enthält dafür keine getrennten Geschäftspläne. Aus Anlegersicht bleibt daher offen, ob Gewinne aus dem Holzgeschäft für Nebenvorhaben verwendet werden könnten und wie deren Erfolg oder Misserfolg den ausschüttungsfähigen Nettogewinn beeinflusst.
Nachhaltige Geschichte, begrenzte Nachweise
Das Dokument legt ausführlich dar, warum Aufforstung in Paraguay ökologisch und wirtschaftlich sinnvoll sein könne. TREECYCLE verspricht unter anderem bessere Böden, Kohlenstoffbindung, Lebensräume für Tiere, nachhaltige Beschäftigung und eine Verringerung des Drucks auf Naturwälder.
Diese Ziele sind grundsätzlich positiv. Das Whitepaper enthält jedoch keine detaillierte Methodik zur Messung der ökologischen Wirkung. Nicht beschrieben werden etwa unabhängige Zertifizierungen, konkrete Biodiversitätsindikatoren, eine CO₂-Bilanz oder überprüfbare Kriterien zur Abgrenzung zwischen Plantage, Naturwald und sonstiger Fläche.
Hinzu kommt, dass viele der verwendeten Markt- und Hintergrundquellen aus den Jahren vor 2019 stammen. In der Quellenliste finden sich unter anderem Daten und Studien aus 2008, 2014, 2016 und 2018.
Für die ursprüngliche Konzeptbeschreibung mag das ausreichend gewesen sein. Für eine aktuelle Anlageentscheidung wären neue Marktanalysen, aktuelle Kostenannahmen und überprüfte Projektdaten erforderlich.
Die deutlichste Warnung steht am Ende
Bemerkenswert offen fällt der Haftungs- und Risikohinweis aus. TREECYCLE erklärt, das Whitepaper sei lediglich ein veränderbarer Entwurf, nicht von einer Aufsichtsbehörde geprüft und weder Prospekt noch verbindliches Angebot. Für die Vollständigkeit, Genauigkeit und wirtschaftliche Tragfähigkeit werde keine Garantie übernommen.
Potenzielle Käufer werden ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ihre Einzahlungen nicht erstattungsfähig sein und vollständig verloren gehen könnten.
Diese Transparenz ist positiv. Sie steht allerdings in starkem Kontrast zum werblichen Ton der vorderen Seiten, auf denen von großzügigen Erträgen, einem idealen Standort und einem Vorzeigeprojekt gesprochen wird.
Zudem führt das Whitepaper Deutschland ausdrücklich unter den Ländern auf, in denen der Verkauf eingeschränkt sei. Das Dokument sollte daher schon nach seiner eigenen Darstellung nicht als Angebot an deutsche Anleger verstanden werden.
Fazit: Eine starke Geschichte, aber keine belastbare Entscheidungsgrundlage
Das TREECYCLE-Whitepaper enthält mehr Substanz als ein reines Werbeprospekt. Es nennt die geplante Mittelverwendung, beschreibt den Aufforstungsprozess, stellt das Team vor und verschweigt den möglichen Totalverlust nicht.
Die größten Schwächen liegen jedoch im Kern der Anlage:
- Anleger besitzen weder Baum noch Land und haben kein Stimmrecht.
- Gewinnverteilung und Zahlungszeitpunkte werden widersprüchlich dargestellt.
- Die Finanzplanung beruht auf Preisen aus dem Jahr 2018.
- Das 210-Millionen-Euro-Modell enthält kein erkennbares Szenario für eine geringere Platzierung.
- Ein liquider Handel wird nur für die Zukunft angekündigt.
- Die langfristigen Prognosen sind nicht durch Sensitivitätsrechnungen abgesichert.
- Die ökologische Wirkung wird umfassend beschrieben, aber im Whitepaper nicht unabhängig belegt.
Aus Anlegersicht erscheint der TREE damit nicht als klassisch abgesicherte Sachwertanlage, sondern als langfristige und hochriskante Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg eines international organisierten Unternehmens. Wer sich ausschließlich auf das Bild „ein Token, ein Baum“ verlässt, unterschätzt die Konstruktion.
Vor jeder Entscheidung wären mindestens ein aktueller gebilligter Prospekt, testierte Jahresabschlüsse, aktuelle Plantagenberichte, Nachweise zu Grundstückseigentum und Belastungen, eine vollständige Kostenaufstellung sowie eine eindeutige Erklärung der Ausschüttungs- und Verkaufsrechte erforderlich.
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