Angesichts der extremen Sommerhitze wirbt die Stadtverwaltung von Tokio dafür, die traditionelle Bürokleidung deutlich lockerer zu gestalten. Männer sollen Anzug und Krawatte gegen T-Shirt, Turnschuhe und sogar kurze Hosen tauschen dürfen. Doch die neue Freiheit am Arbeitsplatz stößt nicht überall auf Zustimmung.
Tokios Gouverneurin Yuriko Koike hatte die Initiative „Tokyo Cool Biz“ im April vorgestellt. Sie knüpft an eine Kampagne an, die bereits seit Jahren Beschäftigte dazu bewegen soll, im Sommer leichtere Kleidung zu tragen und dadurch den Einsatz von Klimaanlagen sowie den Energieverbrauch zu reduzieren.
Während manche Angestellte die entspannteren Regeln begrüßen, kritisieren andere eine Ungleichbehandlung. Frauen würden in vielen Unternehmen weiterhin dazu angehalten, Strumpfhosen zu tragen, sobald ihre Beine sichtbar seien. Männer dürften dagegen inzwischen problemlos in Shorts erscheinen.
In sozialen Netzwerken entstand deshalb der Begriff „Sunehara“. Er setzt sich aus dem japanischen Wort für Schienbein und dem englischen Begriff „Harassment“ zusammen. Gemeint ist die angebliche Belästigung durch sichtbar behaarte Männerbeine im Büro.
Die Stadtverwaltung betont, niemandem eine bestimmte Kleidung vorschreiben zu wollen. Es gehe vielmehr darum, Beschäftigten bei großer Hitze zusätzliche Möglichkeiten zu geben. Entscheidend sei, dass die Kleidung dem Arbeitsplatz angemessen bleibe und sich niemand dadurch gestört fühle.
Die Debatte hat bei manchen Männern allerdings neue Unsicherheiten ausgelöst. Kosmetikkliniken berichten von einer wachsenden Nachfrage nach Laserbehandlungen für die Beine. Dabei gehe es den Kunden nicht mehr ausschließlich um das eigene Aussehen. Einige betrachteten weniger Körperbehaarung inzwischen als Teil eines gepflegten Auftretens beim Tragen kurzer Hosen.
Der Ursprung der „Cool Biz“-Kampagne reicht bis ins Jahr 2005 zurück. Koike führte sie damals als japanische Umweltministerin ein. Beschäftigte sollten im Sommer auf Krawatten und Jacken verzichten und stattdessen kurzärmelige Hemden tragen. Auch führende Politiker unterstützten die Aktion öffentlich.
Nach der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe von 2011 wurde das Konzept unter dem Namen „Super Cool Biz“ erweitert. Ziel war es, angesichts der angespannten Energieversorgung den Stromverbrauch in Büros und Privathaushalten weiter zu senken.
Inzwischen verschärfen Rekordtemperaturen und hohe Energiepreise den Handlungsdruck. Die japanische Wetterbehörde hat sogar einen neuen Warnbegriff für Tage mit Temperaturen von mehr als 40 Grad eingeführt.
Wie ernst die Lage ist, zeigen aktuelle Behördenangaben: Innerhalb einer Woche starben mehrere Menschen an den Folgen eines Hitzschlags, Tausende mussten in Krankenhäuser gebracht werden.
Neben leichter Kleidung empfiehlt die Regierung, ausreichend zu trinken und Klimaanlagen zu benutzen. Viele Japaner greifen außerdem zu technischen Hilfsmitteln wie Jacken mit eingebauten Ventilatoren, kühlenden Feuchttüchern, hitzeabweisenden Sonnenschirmen und tragbaren Ventilatoren.
Fachleute weisen darauf hin, dass sich der menschliche Körper nur langsam an hohe Temperaturen gewöhnt. Besonders problematisch ist in Japan die hohe Luftfeuchtigkeit, weil Schweiß dadurch schlechter verdunstet und der Körper weniger effektiv abkühlen kann.
Die kurzen Hosen im Büro sind deshalb eigentlich als pragmatische Reaktion auf die Hitze gedacht. Stattdessen diskutiert Tokio nun zusätzlich über Kleidervorschriften, Gleichberechtigung – und darüber, wie viel Beinhaar Kollegen während der Arbeitszeit zugemutet werden kann.
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