In Österreich könnte ein Modellprojekt die medizinische Versorgung von Pflegeheimbewohnern grundlegend verändern. Statt ältere Menschen bei akuten Beschwerden automatisch mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme zu bringen, setzt Wien auf Telemedizin – mit erstaunlichen Ergebnissen.
Rund 100.000 Menschen leben in Österreich in stationären Pflegeeinrichtungen. Wird ein Bewohner krank, läuft der Ablauf bislang meist gleich ab: Das Pflegepersonal alarmiert den Rettungsdienst, der Patient wird ins Krankenhaus gebracht. Oft geschieht das auch dann, wenn kein lebensbedrohlicher Notfall vorliegt.
Die Folge sind lange Wartezeiten in Notaufnahmen, unnötiger Stress für die meist hochbetagten Patienten und hohe Kosten für das Gesundheitssystem.
Der Arzt kommt per Video
Genau hier setzt das Wiener Projekt „Digitale Notfallversorgung für Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner“ an.
Anstatt die Patienten ins Krankenhaus zu transportieren, fährt ein speziell ausgestattetes Telemedizin-Fahrzeug in die Pflegeeinrichtung. Dort untersuchen speziell geschulte Sanitäter die Betroffenen. Gleichzeitig wird eine Notfallmedizinerin oder ein Notfallmediziner der Medizinischen Universität Wien per Video zugeschaltet.
Über mobile Diagnosegeräte können Blutwerte, Entzündungsparameter und weitere wichtige medizinische Daten direkt vor Ort erhoben werden. Die Ergebnisse werden in Echtzeit an die Ärztinnen und Ärzte übermittelt, die anschließend Diagnose und Therapie festlegen.
Der große Vorteil: Die Patienten bleiben in ihrer vertrauten Umgebung.
Zwei Drittel der Krankenhausfahrten vermieden
Die Ergebnisse des Projekts sind bemerkenswert.
An 106 Einsatztagen wurden 239 telemedizinische Einsätze durchgeführt. In rund zwei Dritteln aller Fälle konnten die Patientinnen und Patienten direkt im Pflegeheim behandelt werden. Ein Krankenhausaufenthalt war nicht notwendig.
Gleichzeitig wurde die Versorgungsqualität in 96 Prozent der Fälle als hoch oder sehr hoch bewertet.
Die Projektverantwortlichen sprechen deshalb von einem vielversprechenden Modell für die Zukunft.
Deutliche Kosteneinsparungen
Auch wirtschaftlich überzeugt das Konzept.
Während ein klassischer Rettungs- und Krankenhausaufenthalt durchschnittlich rund 1.700 Euro kostet, lagen die Kosten eines telemedizinischen Einsatzes deutlich niedriger.
Je nach Verlauf konnten pro Patient mehrere Hundert bis über 1.000 Euro eingespart werden.
Angesichts von jährlich mehr als einer Milliarde Euro Kosten für Krankentransporte in Österreich sehen Experten ein erhebliches Einsparpotenzial.
Die entscheidende Frage: Warum ist Deutschland nicht weiter?
Die österreichischen Erfahrungen werfen zwangsläufig eine Frage auf:
Warum ist Telemedizin in Deutschland trotz Digitalisierungsoffensive und Fachkräftemangel noch immer nicht flächendeckend Bestandteil der Notfallversorgung?
Zwar gibt es auch hierzulande Videosprechstunden, Telekonsile und einzelne Modellprojekte. Doch gerade in Pflegeheimen gehören unnötige Krankenhauseinweisungen weiterhin zum Alltag.
Viele Einrichtungen kämpfen mit Ärztemangel, insbesondere nachts, an Wochenenden und in ländlichen Regionen. Gleichzeitig sind Notaufnahmen überlastet und Rettungsdienste am Limit.
Genau dort könnte Telemedizin eigentlich ihre größten Stärken ausspielen.
Pflegeheime als Testfeld für die Zukunft
Österreich zeigt, dass moderne Technik nicht dazu dienen muss, den Menschen zu ersetzen. Im Gegenteil: Sie kann dazu beitragen, unnötige Belastungen zu vermeiden und medizinische Versorgung näher an den Patienten zu bringen.
Gerade für hochbetagte Menschen bedeutet jede Krankenfahrt Stress, Unsicherheit und zusätzliche gesundheitliche Risiken.
Wenn Ärzte per Video zugeschaltet werden können, Diagnostik vor Ort möglich ist und qualifiziertes Personal die Behandlung begleitet, stellt sich die Frage, warum dieses Modell nicht längst viel stärker genutzt wird.
Fazit
Das Wiener Pilotprojekt zeigt eindrucksvoll, wie Telemedizin die Versorgung von Pflegeheimbewohnern verbessern kann. Weniger Krankenfahrten, geringere Kosten und eine hohe Versorgungsqualität sprechen für sich.
Bleibt die Frage:
Warum diskutiert Deutschland noch über die Möglichkeiten der Telemedizin, während Österreich sie bereits erfolgreich im Alltag testet?
Angesichts überfüllter Notaufnahmen, steigender Gesundheitskosten und eines wachsenden Ärztemangels dürfte diese Frage in den kommenden Jahren immer dringlicher werden.
Kleiner Nachtrag:
Zitat des Ministers Manne Lucha aus Baden-Württemberg: „Die Televisite ist kein Zukunftsprojekt mehr – sie ist Gegenwart. Wir wollen diesen Standard weiterentwickeln und dauerhaft in der Regelversorgung verankern.“
https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/land-investiert-16-millionen-euro-in-televisiten
In Deutschland wird seit weit über zehn Jahren an genau solchen Konzepten gearbeitet – nicht nur in Forschungsprojekten, sondern auch in der Regelversorgung. Beispiele hierfür sind unter anderem OPTIMAL@NRW, StatAMed und AIDA. Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind beeindruckend: So konnte beispielsweise eine Reduktion von Krankenhauseinweisungen um 36 % nachgewiesen werden (PubMed: PMID 40922008).
Darüber hinaus existieren seit rund neun Jahren marktreife Systeme für telemedizinisch unterstützte Visiten in der Altenpflege. Ein Beispiel sind die Televisiten-Systeme der Docs in Clouds TeleCare GmbH aus Aachen. Dabei fungiert die Pflegekraft vor Ort als Assistentin des per Telemedizin zugeschalteten Arztes. Nach dessen Ferndiagnostik führt sie delegierbare Maßnahmen durch. Hierfür werden verschiedene digitale Medizingeräte wie Stethoskope, EKGs, Otoskope oder Vitalparameter-Messsysteme eingebunden.
Ebenso werden seit vielen Jahren Modelle eingesetzt, bei denen Pflegekräfte oder Medizinische Fachangestellte Hausbesuche durchführen und über mobile telemedizinische Diagnostiksets mit Ärzten verbunden sind. Solche Systeme werden in Deutschland bereits seit mehr als einem Jahrzehnt angeboten und in verschiedenen Regionen produktiv genutzt.
Der entscheidende Punkt ist daher nicht das Fehlen von Konzepten oder Produkten. Die Technologien sind vorhanden, wissenschaftlich untersucht und teilweise seit über acht Jahren im Routinebetrieb. Das eigentliche Hindernis für eine flächendeckende Verbreitung ist die Finanzierung. Solange nachhaltige Vergütungsmodelle fehlen, bleiben viele erfolgreiche Lösungen auf regionale Initiativen und einzelne Träger beschränkt.
Die Frage sollte daher nicht lauten: „Warum ist Deutschland nicht weiter?“, sondern vielmehr: „Warum schaffen wir es nicht, nachweislich erfolgreiche und verfügbare Lösungen in die Fläche zu bringen?“