England ist mit einem 4:2 gegen Kroatien in die Weltmeisterschaft gestartet. Das allein wäre schon eine gute Nachricht für die Three Lions. Die eigentliche Überraschung war jedoch eine andere:
England hat Spaß gemacht.
Und das ist etwas, was man über die englische Nationalmannschaft bei großen Turnieren lange nicht immer sagen konnte.
Tuchels England sucht nicht die Sicherheit – sondern den Weg nach vorne
Unter Gareth Southgate war England erfolgreich. Halbfinale, Finale, Viertelfinale. Die Ergebnisse stimmten häufig.
Doch viele Spiele wirkten wie Pflichtübungen. Effizient, kontrolliert, manchmal sogar zäh.
Thomas Tuchel scheint einen anderen Weg eingeschlagen zu haben.
Wer das Spiel gegen Kroatien gesehen hat, weiß: Langweilig wird es mit diesem England vermutlich nicht.
Allerdings dürfte der deutsche Nationaltrainer während der ersten Halbzeit mehrfach kurz vor einem Nervenzusammenbruch gestanden haben.
Denn offensiv glänzte England, defensiv präsentierte sich die Mannschaft teilweise wie eine Baustelle mit geöffneten Toren.
Harry Kane liefert – wie immer
Wenn England ein wichtiges Turnier spielt, gibt es eine Konstante:
Harry Kane trifft.
Der Kapitän erzielte zwei Tore und stellte mit zehn WM-Treffern den englischen Rekord von Gary Lineker ein. Selbst ein zunächst verschossener Elfmeter brachte ihn nicht aus der Ruhe.
81 Tore in 115 Länderspielen.
Die Zahlen werden langsam absurd.
Kane ist längst nicht mehr nur Englands Torjäger. Er ist eine Institution.
Jude Bellingham übernimmt die Bühne
Der Mann des Abends war dennoch Jude Bellingham.
Nach Monaten voller Diskussionen über seine Rolle, seine Form und die Konkurrenz durch Morgan Rogers zeigte der Real-Madrid-Star genau das, was große Spieler bei großen Turnieren tun müssen.
Er entschied das Spiel.
Sein Treffer zum 3:2 kurz nach der Pause war der Wendepunkt der Partie. Plötzlich spielte England mit mehr Tempo, mehr Selbstvertrauen und deutlich mehr Überzeugung.
Bellingham wirkte wie ein Spieler, der genau weiß, dass dieses Turnier sein Turnier werden könnte.
Tuchel setzt ein Zeichen
Besonders interessant war die Reaktion des Bundestrainers.
Beim Stand von 3:2 hätten viele Trainer begonnen, das Ergebnis zu verwalten.
Nicht Thomas Tuchel.
Er brachte mit Marcus Rashford, Morgan Rogers und Bukayo Saka weitere Offensivkräfte.
Die Botschaft war eindeutig:
Nicht absichern.
Nicht zittern.
Nicht mauern.
Sondern angreifen.
Rashford bedankte sich später mit dem entscheidenden vierten Treffer.
Die Abwehr bleibt die große Sorge
Bei aller Euphorie gibt es allerdings einen Punkt, der England Sorgen machen muss.
Kroatien erzielte zwei Tore und kam immer wieder gefährlich vor das englische Tor.
Gegen eine Mannschaft mit der Qualität von Frankreich, Brasilien oder Argentinien könnten solche Fehler deutlich teurer werden.
Ezri Konsa nutzte seine Chance in der Innenverteidigung nicht optimal. Die Diskussion um Marc Guéhi dürfte nach diesem Auftritt eher lauter als leiser werden.
Tuchel wird wissen, dass seine Mannschaft offensiv fast jeden Gegner vor Probleme stellen kann.
Die Frage ist, ob sie hinten stabil genug ist, um tatsächlich Weltmeister zu werden.
Ein Ausrufezeichen zum Auftakt
Dennoch überwiegen die positiven Eindrücke.
England hat Mut gezeigt.
England hat Risiko genommen.
England hat angegriffen.
Und England hat gewonnen.
Vor allem aber hat die Mannschaft vermittelt, dass sie sich nicht vor den Erwartungen versteckt. Tuchel spricht seit seinem Amtsantritt offen vom zweiten Stern auf dem Trikot.
Nach diesem ersten Auftritt wirkt dieses Ziel zumindest nicht mehr wie eine bloße PR-Parole.
Fazit
England hat gegen Kroatien nicht perfekt gespielt.
England hat Fehler gemacht.
England hat gewackelt.
Aber England hat Charakter gezeigt, Offensivkraft entwickelt und ein Spiel gewonnen, das in früheren Jahren möglicherweise noch aus der Hand geglitten wäre.
Die Three Lions haben die WM mit einem Ausrufezeichen eröffnet.
Und die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet:
Dieses England spielt nicht nur auf Erfolg. Dieses England spielt auf Unterhaltung.
Für die Fans ist das großartig.
Für die Konkurrenz könnte es ein Problem werden.
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