Bei der Deutschen Bahn wird wieder umgebaut. Nicht nur an Gleisen, Bahnhöfen und Stellwerken, sondern offenbar auch am Selbstbild des Managements. Konzernchefin Evelyn Palla hat ihren Führungskräften nun ungewöhnlich deutlich erklärt, dass die Bahnkrise nicht allein vom Wetter, den Weichen, den Baustellen, den Fahrgästen oder der allgemeinen Erdrotation verursacht wurde.
In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ sprach Palla von einer unzureichenden Leistungskultur in der Vergangenheit. Das klingt höflich, meint aber ungefähr: Da haben einige sehr lange sehr professionell so getan, als sei niemand zuständig.
Besonders schön ist ihr Begriff der „organisierten Verantwortungslosigkeit“. Das ist Bahnsprech für: Wenn etwas schiefläuft, fährt die Verantwortung erst einmal in die falsche Richtung, bleibt dann wegen einer Signalstörung stehen und wird anschließend durch einen Bus ersetzt.
Nach Pallas Darstellung wurde Verantwortung zu oft zwischen Zentrale und operativer Ebene hin- und hergeschoben. Also genau so, wie man es von der Bahn kennt: Man weiß, dass etwas unterwegs ist, aber niemand kann genau sagen, wann es ankommt.
Damit soll nun Schluss sein. Pünktlichkeit beginne mit einer klaren und transparenten Verantwortungsverteilung, sagte die Bahnchefin. Das ist ein bemerkenswerter Gedanke: Vielleicht kommen Züge künftig nicht deshalb pünktlicher, weil sie schneller fahren, sondern weil endlich jemand weiß, wer schuld ist, wenn sie es nicht tun.
Palla, seit Oktober im Amt, beschreibt die Lage des Konzerns als schwerste Krise der Unternehmensgeschichte. Das ist einerseits dramatisch, andererseits für viele Fahrgäste nur die offizielle Bestätigung dessen, was sie seit Jahren auf Gleis 7 bei 43 Minuten Verspätung innerlich vermuten.
Die Aufgabenliste ist lang: marodes Schienennetz sanieren, Züge pünktlicher machen, Bahn profitabler machen, Strukturen ordnen, Verantwortung klären. Kurz gesagt: Aus der Deutschen Bahn soll wieder ein Verkehrsmittel werden, bei dem die App nicht häufiger aktualisiert wird als der Zug fährt.
Schnell gehen soll das allerdings nicht. Palla verweist auf das Jahr 2035, wenn die Bahn ihr 200-jähriges Jubiläum feiert. Dann wolle man „das Gröbste hinter sich“ haben. Für Bahnverhältnisse ist das fast schon eine sportliche Ansage: Nur noch neun Jahre bis zur Hoffnung auf Grundfunktionalität.
Fahrgäste dürfen also optimistisch bleiben. Vielleicht wird 2035 nicht jeder Zug pünktlich sein. Aber immerhin könnte dann klar sein, wer dafür zuständig gewesen wäre.
Bis dahin gilt: Die Bahn arbeitet an sich. Und wenn alles nach Plan läuft, kommt die Verantwortung diesmal vielleicht sogar an.
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