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Südkoreas Autorinnen schreiben gegen den Hass an – und werden zu Bestsellern

Kaufdex (CC0), Pixabay
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In Südkorea ist es inzwischen fast schon ein politischer Akt, als Frau öffentlich über Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und patriarchale Zumutungen zu schreiben. Genau deshalb ist es so bemerkenswert, was gerade auf dem Buchmarkt des Landes passiert: Autorinnen erobern Bestsellerlisten, gewinnen Preise und schaffen sich Räume, in denen Frauen erzählen können, was im öffentlichen Diskurs oft kaum noch sagbar ist.

Es ist eine stille Revolution. Aber eine mit Sprengkraft.

Als die Autorin Seen Aromi Anfang 2024 ihre Memoiren über das Glück des Alleinlebens veröffentlichte, wurde das Buch sofort ein Bestseller. Der Titel ist Programm: ein Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben ohne Ehe, ohne Kinder, ohne schlechtes Gewissen. Junge und ältere Frauen, Verheiratete wie Singles, Mütter wie Kinderlose griffen begeistert zu. Viele fanden in dem Buch eine Form von Stellvertreter-Genugtuung – etwa wenn Seen schlagfertig auf ungefragte Ratschläge reagiert oder ganz selbstverständlich davon erzählt, dass man auch „unapologetically single“, also ohne Rechtfertigungszwang allein glücklich sein kann.

Doch der Erfolg rief schnell den Gegenwind auf den Plan. Im Netz schlug ihr eine Welle aus Häme und Hass entgegen – vor allem von Männern. Man prophezeite ihr ein einsames Ende, beschimpfte sie als egoistisch und warf ihr allen Ernstes vor, sie „verrate ihr Land“.

Das klingt absurd, passt aber ziemlich genau zur aufgeheizten Lage in Südkorea. Dort hat sich in den vergangenen Jahren eine massive antifeministische Gegenbewegung formiert, besonders unter jungen Männern. Diskriminierung, sexuelle Gewalt und Belästigung sind für viele Frauen weiterhin Alltag – gleichzeitig ist der Begriff Feminismus so vergiftet worden, dass er oft wie ein Makel behandelt wird. Wer sich offen dazu bekennt, riskiert Online-Hetzjagden, Karriereprobleme oder sozialen Ausschluss.

Gerade deshalb ist das, was sich gerade in der Literaturszene abspielt, so bemerkenswert.

Frauen gewinnen – und schreiben sich Räume frei

In diesem Jahr gewannen Frauen erstmals alle sechs Kategorien des renommierten Yi-Sang-Literaturpreises. Lesungen boomen. Überall entstehen sogenannte guelbang – Lese- und Schreibzimmer, in denen Frauen gemeinsam lesen, schreiben, diskutieren und sich vernetzen. Es sind keine bloßen Literaturzirkel, sondern Schutzräume. Orte, an denen Erfahrungen formuliert werden können, die anderswo oft nur noch im Flüsterton vorkommen.

Die Autorin Eunyu, die bereits 2011 einen solchen Schreibraum gründete, spricht von einer „langsamen, aber sicheren Revolution“. Der MeToo-Moment in Südkorea ab 2016 habe vielen Frauen überhaupt erst den Impuls gegeben, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen. Aus Teilnehmerinnen wurden Autorinnen. Aus individuellen Verletzungen wurden Texte. Aus Texten wurden Gemeinschaften.

Und genau darin liegt die eigentliche Verschiebung: Schreiben ist hier nicht bloß Kunst, sondern Selbstbehauptung.

Ein Leben jenseits der Norm – und genau deshalb provokant

Was Seen Aromi erzählt, wäre in vielen Ländern kaum mehr als ein persönlicher Lebensentwurf. In Südkorea ist es fast schon eine kulturelle Provokation.

Sie kaufte ein Haus auf dem Land, obwohl das Leben sich im Großraum Seoul konzentriert. Sie entschied sich gegen Ehe und Kinder in einem Land, das verzweifelt versucht, seine niedrige Geburtenrate zu steigern. Und sie schreibt nicht etwa verbittert über diesen Weg – sondern mit sichtbarer Freude.

Sie beschreibt Salate aus selbst geerntetem Gemüse, ein gemütliches Wohnzimmer nach eigenem Geschmack, ein Leben, das ihr gehört. Nicht als Anti-Ehe-Manifest, sondern als schlichte Botschaft: Ich habe mich für mich entschieden – und bin glücklich damit.

Genau das traf offenbar einen Nerv. Eine Leserin schrieb, das Buch habe ihr geholfen, ihre innere Stimme ernst zu nehmen. Eine andere bekannte, ihr Leben wäre vielleicht anders verlaufen, hätte sie dieses Buch vor ihrer Hochzeit gelesen. Damals habe sie nicht einmal begriffen, dass Ehe auch eine Option sein kann – und eben keine Pflicht.

Seen ist inzwischen 39, ihr Buch brachte ihr einen internationalen Übersetzungsvertrag im sechsstelligen Bereich ein. Und sie ist längst kein Einzelfall.

Koreanische Autorinnen werden global

Mit dem internationalen Interesse an koreanischer Kultur – von K-Pop über Serien bis Literatur – öffnen sich auch für Autorinnen neue Märkte. Der Verkauf übersetzter koreanischer Bücher hat sich 2024 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt.

Natürlich hat Han Kang mit ihrem Literaturnobelpreis 2024 den globalen Blick auf Südkorea weiter geschärft. Aber parallel dazu wächst eine ganze Generation von Schriftstellerinnen nach, die ganz unterschiedliche Stimmen mitbringen:

  • Gu Byeong-mo erzählt in The Old Woman With the Knife von einer legendären Auftragskillerin in den Sechzigern, die zwischen Gewalt, Einsamkeit und Alter navigiert.
  • Kim Cho-yeop schreibt Science-Fiction über Verlust, Distanz und Menschlichkeit, etwa in If We Cannot Go at the Speed of Light.
  • Lang Lee verbindet in ihren Texten Familiengeschichte, Krieg, Suizid und häusliche Gewalt.
  • Esther Park entwirft in The Legend of Lady Byeoksa eine historische Fantasy über eine als Mann verkleidete Dämonenjägerin und eine unmögliche Liebe.

Es ist eine literarische Vielfalt, die zeigt: Hier geht es nicht um ein einziges „Frauenthema“, sondern um neue Perspektiven auf Familie, Gewalt, Arbeit, Begehren, Einsamkeit, Zukunft.

Wenn Feminismus nur noch im Tarnmodus geht

Dass diese Entwicklung überhaupt so stark in literarischen Räumen stattfindet, hat auch einen düsteren Grund: Im öffentlichen Raum ist offener Feminismus in Südkorea für viele kaum noch möglich.

In den vergangenen Jahren trafen antifeministische Kampagnen nicht nur Aktivistinnen, sondern auch Schauspielerinnen, K-Pop-Stars und Prominente. Es reichte teils, mit einem feministischen Buch gesehen zu werden oder eine Handyhülle mit dem Satz „girls can do anything“ zu besitzen – und schon wurden Produkte verbrannt, Shitstorms losgetreten, Karrieren beschädigt.

Viele Frauen sprechen deshalb inzwischen von „stealthy feminism“ – einer Art Tarnkappenfeminismus. Man denkt feministisch, lebt feministisch, organisiert sich feministisch – aber ohne das Wort offen zu verwenden, weil es zu riskant geworden ist.

Umso wichtiger werden die guelbang-Räume.

Ein Zimmer für sich – und endlich ohne Zensur

Bei einer Lesung in Daejeon, südlich von Seoul, standen kürzlich rund 50 Frauen Schlange, um die feministische Autorin Ha Mina zu hören. Manche kamen aus dem ganzen Land, eine Mutter brachte sogar ihre kleine Tochter mit.

Ha beschreibt diese Veranstaltungen als Orte, an denen Frauen zum ersten Mal in ihrem Leben Fehler machen, wachsen und frei sprechen dürfen – ohne Sanktion, ohne Herablassung, ohne männlich dominierte literarische Machtspiele. Sie selbst berichtet von toxischem, teils räuberischem Verhalten in früheren Schreibkursen bei männlichen Autoren. Erst eine weibliche Mentorin habe ihr gezeigt, dass es auch anders geht.

Ihr eigenes Buch über Depressionen bei jungen südkoreanischen Frauen und deren Zusammenhang mit gesellschaftlichem Druck und geschlechtsspezifischer Gewalt sei für sie selbst heilend gewesen. Nach der Veröffentlichung, sagt sie, habe sie aufgehört, Suizidgedanken zu haben.

Das ist ein Satz, der alles über die Bedeutung dieser Bewegung sagt.

Frauen berichten dort über sexuelle Gewalt, Diskriminierung, Begehren, Wut, Zweifel, Familie, Trauma – und darüber, dass Frausein keine einheitliche Erfahrung ist. Manche Teilnehmerinnen betonen, dass gerade auch andere Minderheitenperspektiven Platz finden. Es geht nicht nur um Frauen gegen Männer, sondern um ein literarisches Gegenmodell zur normierten, konformen Gesellschaft.

Kleine Verschiebungen, große Wirkung

Besonders spannend ist dabei, wie viele dieser Autorinnen keine schrillen Utopien entwerfen, sondern mit kleinen Verschiebungen arbeiten.

So etwa Lee Sulla, deren Roman In The Age of Filiarchy 2023 zum gefeierten Hit wurde. Darin wird nicht die Welt umgestürzt – nur die Familienordnung. Die Tochter wird zur wirtschaftlich erfolgreichen Familienchefin, die Mutter wird erstmals für ihre jahrzehntelange Care-Arbeit bezahlt, der Vater übernimmt Haushalt, Katzen und Fahrdienste. Kein revolutionärer Knall, sondern eine subtile Umkehr der Rollen.

Gerade das trifft offenbar einen Nerv. Nicht weil es laut ist – sondern weil es vorstellbar ist.

Lee selbst sagt, sie beschreibe keine großen, weltverändernden Ereignisse. Nur kleine Verschiebungen innerhalb einer Familie. Aber diese könnten stark genug sein, um eine völlig neue Ordnung zu schaffen.

Vielleicht ist das die treffendste Beschreibung für das, was gerade in Südkoreas Literatur passiert.

Keine offene Rebellion.
Kein kulturkämpferisches Trommelfeuer.
Sondern eine leise, hartnäckige Verschiebung der Erzählmacht.

Und manchmal beginnt eine Revolution eben nicht auf der Straße – sondern in einem Buchladen, einem Schreibzimmer oder in einem Satz, den eine Frau endlich ohne Angst aufschreibt.

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