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„Michael“: Der Jackson-Film wird wohl ein Kassenschlager – und womöglich eine elegante Geschichtskorrektur

ivabalk (CC0), Pixabay
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Hollywood hat wieder einmal seine Lieblingsübung aufgenommen: einen problematischen Popgiganten in Hochglanz zu verwandeln und dabei so zu tun, als sei Ambivalenz bloß ein Produktionshindernis. Diesmal trifft es Michael Jackson. Der neue Kinofilm „Michael“ steht vor dem Start – und alles deutet darauf hin, dass er ein großer Erfolg wird. Die spannendere Frage ist allerdings nicht, wie viel Geld der Film einspielt. Sondern wie viel Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt.

Denn natürlich ist Jackson als Leinwandstoff fast unschlagbar: Kindheitsruhm, familiäre Gewalt, Welthits, Superstar-Mythos, Exzentrik, Zerfall, früher Tod. Das ist pures Biopic-Gold. Produzent Graham King, derselbe Mann hinter „Bohemian Rhapsody“, weiß ziemlich genau, wie man aus musikalischer Legende und glattgebügelter Tragik einen Milliardenbetrieb macht. Dass ausgerechnet nach Freddie Mercury nun der „King of Pop“ folgt, wirkt weniger wie künstlerische Vision als wie betriebswirtschaftliche Folgerichtigkeit.

Und wie schon bei „Bohemian Rhapsody“ gilt offenbar: Solange die Songs stimmen, verzeiht das Publikum erstaunlich viel.

Der größte Elefant im Kinosaal

Nur gibt es bei Michael Jackson eben ein Detail, das sich nicht ganz so charmant mit einem Montage-Soundtrack überkleben lässt: die Missbrauchsvorwürfe.

1994 kam es zu einer außergerichtlichen Einigung mit Jordan Chandler. 2005 wurde Jackson in einem Strafprozess freigesprochen. Seine Nachlassverwalter und Produzenten des Films betonen erwartungsgemäß, sie glaubten „fest und uneingeschränkt“ an seine Unschuld. Juristisch mag das die offizielle Linie sein. Biografisch ist es vor allem eines: unvollständig.

Denn unabhängig vom Gerichtssaal gehören die Vorwürfe untrennbar zu Jacksons öffentlicher Geschichte. Wer also einen Film über sein Leben macht, der sich als umfassendes Porträt verkauft, kann sie nicht einfach wie einen peinlichen Verwandten vom Familienfoto schneiden – jedenfalls nicht, wenn man intellektuell redlich bleiben will.

Genau das scheint nun aber passiert zu sein.

Erst „alles“, dann lieber nur die Greatest Hits

Noch 2024 klang Produzent King auf der Branchenmesse CinemaCon so, als wolle der Film sich tatsächlich an das schwierige Material heranwagen. Hinter den Vorwürfen, der Dauerbeobachtung und dem Medienrummel habe ein Mensch gestanden, sagte er – der Film werde „in all das“ eintauchen.

Klingt mutig. Klang mutig.

Laut Berichten von Variety, der New York Times und dem Hollywood Reporter sollte der Film ursprünglich tatsächlich auch den Jordan-Chandler-Skandal behandeln. Demnach war ein großer Teil des dritten Akts genau dieser Phase von Jacksons Leben gewidmet. Also jener Phase, in der sich entschieden hat, wie die Welt auf ihn blickt: nicht nur als Ausnahmekünstler, sondern auch als Mann, gegen den schwerste Vorwürfe im Raum standen.

Dann kam offenbar der Moment, in dem in irgendeinem Konferenzraum jemand sagte: Moment mal, dürfen wir das überhaupt?

Denn laut Hollywood Reporter fiel den Anwälten des Jackson-Nachlasses nach Abschluss der Dreharbeiten auf, dass eine Klausel aus der Einigung von 1994 dem Ganzen im Weg stehen könnte: Jordan Chandler dürfe in keinem Film dargestellt oder erwähnt werden.

Ein bemerkenswerter Zeitpunkt für diese Erkenntnis – ungefähr so, als würde man nach Fertigstellung eines Titanic-Films merken, dass man das mit dem Eisberg vielleicht juristisch noch mal prüfen sollte.

Die Folge: 22 zusätzliche Drehtage, neue Szenen, teure Umstrukturierungen, ein verschobener Start. Laut Variety kosteten die Nachdrehs 10 bis 15 Millionen Dollar, bezahlt vom Nachlass. Das ist viel Geld für das Entfernen eines Problems, aber in Hollywood ist das vermutlich immer noch günstiger als moralische Komplexität.

Aus dem Lebensdrama wird die Heldenkurve

In seiner aktuellen Fassung soll „Michael“ nun Jacksons Aufstieg vom Wunderkind der Jackson 5 zum Solosuperstar erzählen, inklusive Flucht vor dem gewalttätigen Vater. Der Film gipfelt offenbar in einem triumphalen Konzert der Bad-Tour 1988.

Mit anderen Worten: Der Film endet genau dort, wo es für das Markenmanagement am schönsten ist.

Danach wird’s bekanntlich unerquicklich: Neverland, die Prozesse, die Vorwürfe, die Obsessionen, der körperliche Verfall, die Medikamentenspirale. All das passt schlecht in ein Format, das lieber auf Pathos, Erlösung und möglichst viele Oscar-Clip-Momente setzt.

Statt eines komplizierten Künstlerporträts droht also ein Film, der vor allem eines tut: Michael Jackson wieder verkaufbar machen – als Mythos, nicht als Mensch.

Warum das trotzdem funktioniert

Das eigentlich Erstaunliche ist nicht, dass Hollywood so einen Film macht. Das eigentlich Erstaunliche ist, wie gut die Voraussetzungen dafür gerade sind.

Jackson ist auch 17 Jahre nach seinem Tod ein globales Pop-Monument. Auf Spotify hat er 64,8 Millionen monatliche Hörer, in Las Vegas läuft seit Jahren „Michael Jackson ONE“, am Broadway ist „MJ The Musical“ ein Erfolg. Die Marke lebt. Oder genauer: Sie wurde nie wirklich beerdigt.

Popkritiker erklären das mit mehreren Faktoren: Es gibt keinen rechtskräftigen Schuldspruch. Es gibt ein massives Reputationsmanagement. Es gibt das Narrativ vom gequälten Genie, vom misshandelten Kind, vom Opfer des Ruhms. Und vor allem: Es gibt die Musik.

Jackson war nicht einfach nur berühmt. Er war ein Ausnahmephänomen. Stimme, Rhythmus, Tanz, Inszenierung, Aura – das Paket ist so überwältigend, dass viele bereit sind, das Unangenehme in die moralische Vorratskammer zu stellen und die Tür zuzuschieben.

Oder, etwas nüchterner formuliert: Wenn genug Leute bei „Billie Jean“ mitwippen, wird Erinnerung erstaunlich elastisch.

„Leaving Neverland“ – und das Problem mit der Wirklichkeit

Dass der Film auf ein Publikum trifft, das längst wieder bereit ist für die große Jackson-Feier, heißt aber nicht, dass die Debatte verschwunden wäre.

Die Doku „Leaving Neverland“ von Dan Reed – mit den Aussagen von Wade Robson und James Safechuck, die Jackson sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit vorwerfen – hat 2019 das Bild des Künstlers erneut massiv erschüttert. Für viele war sie der Moment, in dem sich Jacksons Legende nicht mehr sauber von den Vorwürfen trennen ließ.

Der Nachlass bezeichnet die Doku erwartungsgemäß als einseitige Rufmord-Produktion. Reed wiederum sagte, ein früheres Drehbuch des Films habe zahlreiche Falschdarstellungen rund um die Chandler-Causa enthalten. Die Gegenseite nennt diese Einschätzung irrelevant, da er den fertigen Film nicht kenne.

Was bleibt, ist ein klassisches Patt der Erinnerungspolitik: Die einen sprechen von Verleumdung, die anderen von Verdrängung. Und dazwischen sitzt Hollywood mit einem 100-Millionen-Dollar-Projekt und hofft, dass der Soundtrack lauter ist als die offenen Fragen.

Das eigentliche Genre: Rehabilitationskino

Vielleicht ist „Michael“ am Ende gar kein klassisches Biopic. Vielleicht ist es schlicht das, was das moderne Studiosystem am besten kann: Rehabilitationskino.

Nicht zwingend mit offener Lüge. Sondern mit Auswahl. Mit Auslassung. Mit dramaturgischer Gewichtsverlagerung. Mit dem uralten Trick, nur bis zu dem Punkt zu erzählen, an dem die Legende noch glänzt und der Absturz erst außerhalb des Bildausschnitts beginnt.

Das ist kein Zufall. Das ist eine Methode.

Und wenn sich der Film tatsächlich als noch größerer Hit erweist als „Bohemian Rhapsody“, dann nicht trotz dieser Methode – sondern gerade wegen ihr.

Denn Pop-Biopics verkaufen heute weniger Geschichte als Gefühl: Nostalgie, Erlösung, Wiederverzauberung. Das Publikum soll nicht urteilen, sondern mitsummen.

Die bittere Pointe

Die vielleicht bitterste Pointe an diesem Projekt ist, dass selbst die Produktionsprobleme fast schon wieder nach Hollywood-Magie klingen: verspätet, umgebaut, teurer als geplant, juristisch vermint – und dadurch erst recht aufgeladen als Ereignis.

Es gibt sogar bereits die Andeutung, dass das Ganze nur „Part One“ sein könnte. Also erst die Krönung des Königs – und vielleicht später noch mehr. Ein Sequel über die dunkleren Kapitel? Möglich. Wahrscheinlich? Eher nicht.

Denn warum sollte man die Maschine anhalten, wenn sie gerade wieder Geld druckt?

Fazit:
Der Jackson-Film wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein kommerzieller Volltreffer. Nicht, weil er die ganze Wahrheit erzählt – sondern weil er sehr genau zu wissen scheint, welche Teile der Wahrheit sich besser monetarisieren lassen. Hollywood liebt gefallene Engel. Noch mehr liebt es aber Engel, die man rechtzeitig vor dem Sturz ausblenden kann.

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