Startseite Allgemeines Schwangerschaft und Essstörungen: Das unterschätzte Risiko für Mutter und Kind
Allgemeines

Schwangerschaft und Essstörungen: Das unterschätzte Risiko für Mutter und Kind

StockSnap (CC0), Pixabay
Teilen

Zwischen Vorfreude und Selbstzweifeln: Eine Schwangerschaft gilt als Zeit des Neubeginns. Doch für manche Frauen entwickelt sie sich zu einer psychischen Belastungsprobe. Neue Studien und Erfahrungsberichte zeigen, dass Essstörungen während und nach der Schwangerschaft häufiger auftreten als lange angenommen – und im Gesundheitssystem oft unentdeckt bleiben.

Wenn der eigene Körper zum Gegner wird

Für viele Frauen ist die Schwangerschaft mit tiefgreifenden körperlichen Veränderungen verbunden. Der Bauch wächst, das Gewicht nimmt zu, Hormone und Stoffwechsel verändern sich. Was für die meisten ein natürlicher Prozess ist, kann bei Frauen mit einer Vorgeschichte von Essstörungen alte Ängste wieder aufleben lassen oder erstmals krankhafte Gedanken auslösen.

Die amerikanische Wissenschaftlerin Elizabeth Claydon beschreibt dieses Gefühl als einen inneren Konflikt zwischen Schwangerschaft und Essstörung. Nach einer überstandenen Magersucht erlitt sie kurz vor ihrer Schwangerschaft einen Rückfall. Mit jeder körperlichen Veränderung verstärkten sich die belastenden Gedanken. Sie habe das Gefühl gehabt, in einem Körper aufzuwachen, der nicht mehr ihr eigener sei.

Häufiger als bislang angenommen

Nach aktuellen Schätzungen leidet etwa jede zwanzigste Schwangere an einer klinisch relevanten Essstörung. Dabei handelt es sich keineswegs ausschließlich um Frauen mit einer bekannten Krankheitsgeschichte. Auch während einer Schwangerschaft können Essstörungen erstmals auftreten.

Fachleute gehen zudem davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen höher liegen. Scham, mangelnde Diagnostik und fehlende Routinetests führen dazu, dass viele Betroffene nie erkannt werden. Gleichzeitig berichten rund 70 Prozent aller schwangeren und frisch entbundenen Frauen von Unzufriedenheit mit ihrem Körperbild – ein möglicher Nährboden für psychische Erkrankungen.

Warum Schwangerschaft zur Belastungsprobe werden kann

Psychiaterinnen und Psychologen sprechen von einer Art „perfektem Sturm“. Schwangerschaften bringen innerhalb kurzer Zeit massive hormonelle, körperliche und emotionale Veränderungen mit sich. Viele Frauen erleben den unvermeidlichen Gewichtsanstieg als Kontrollverlust.

Besonders gefährdet sind Frauen, die bereits in der Vergangenheit unter Magersucht, Bulimie oder Essanfällen litten. Hinzu kommen gesellschaftliche Erwartungen, möglichst schnell nach der Geburt wieder die frühere Figur zu erreichen – ein Druck, der soziale Medien zusätzlich verstärken können.

Risiken für Mutter und Kind

Essstörungen während der Schwangerschaft betreffen nicht nur die werdende Mutter. Studien zeigen ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten, Frühgeburten, niedriges Geburtsgewicht sowie verschiedene Schwangerschaftskomplikationen. Auch Entwicklungsstörungen des Kindes werden wissenschaftlich diskutiert.

Da der mütterliche Organismus zunächst versucht, das ungeborene Kind zu versorgen, leidet häufig die Gesundheit der Mutter selbst. Nährstoffmangel, Muskelabbau oder Knochenschäden können die Folge sein. Langfristig beeinflusst die Ernährung der Mutter zudem die gesundheitliche Entwicklung des Kindes weit über die Geburt hinaus.

Die Zeit nach der Geburt bleibt besonders kritisch

Nicht selten verschieben sich die Probleme in die Zeit nach der Entbindung. Rund 13 Prozent der Frauen entwickeln laut den vorliegenden Daten nach der Geburt eine klinische Essstörung.

Die australische Yogalehrerin Courtney Louise schildert, dass die eigentliche Krise erst nach der Geburt ihrer Tochter begann. Schlafmangel, hormonelle Veränderungen und der Druck, möglichst schnell wieder fit zu sein, führten zu schweren psychischen Belastungen bis hin zu suizidalen Gedanken. Erst durch therapeutische Unterstützung gelang es ihr, den Rückfall zu verhindern.

Ein Problem, das häufig übersehen wird

Obwohl Schwangere regelmäßig ärztlich untersucht werden, bleiben Essstörungen oft unerkannt. Ein Grund dafür ist, dass typische Symptome leicht mit normalen Schwangerschaftsbeschwerden verwechselt werden können. Übelkeit oder Erbrechen beispielsweise gehören sowohl zu einer Schwangerschaft als auch zu bestimmten Essstörungen.

Hinzu kommt, dass viele Betroffene ihre Probleme aus Angst vor Verurteilung verschweigen. Psychologen berichten, dass insbesondere schwangere Frauen häufig befürchten, als schlechte Mütter abgestempelt zu werden, wenn sie über ihre Erkrankung sprechen.

Forschung und Medizin holen auf

Erst in den vergangenen Jahren rückt das Thema stärker in den Fokus der Wissenschaft. Inzwischen wurden erstmals spezielle medizinische Leitlinien für den Umgang mit Magersucht während der Schwangerschaft entwickelt. Gleichzeitig entstehen Informationsangebote und Forschungsnetzwerke, die Betroffenen und behandelnden Ärzten Orientierung geben sollen.

Dennoch fehlen bislang wissenschaftlich geprüfte Therapieprogramme, die speziell auf Schwangere zugeschnitten sind. In der Praxis greifen Ärzte deshalb überwiegend auf bewährte Behandlungsformen wie Psychotherapie, Ernährungsberatung und in Einzelfällen medikamentöse Unterstützung zurück.

Offen darüber sprechen

Experten sind sich einig: Der wichtigste Schritt besteht darin, Essstörungen frühzeitig anzusprechen. Frauen mit einer entsprechenden Vorgeschichte sollten ihre behandelnden Ärzte bereits zu Beginn der Schwangerschaft informieren. Ebenso wichtig ist ein unterstützendes Umfeld aus Familie, Hebammen, Psychologen und Ernährungsberatern.

Denn die Erfahrung aus der Forschung zeigt: Eine Schwangerschaft kann zwar bestehende Essstörungen verschärfen – sie kann aber ebenso der Beginn einer dauerhaften Genesung sein. Entscheidend ist, dass betroffene Frauen mit ihren Sorgen nicht allein bleiben.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Interview mit Rechtsanwalt Jens Reime : „Anleger sollten bei solchen Börsenwerbungen äußerst vorsichtig sein“

Frage: Herr Reime, derzeit wird die Aktie von MAX Power Mining mit...

Allgemeines

Indien vor Mega-Börsengängen: Jio und National Stock Exchange schreiben Geschichte

Indiens Kapitalmarkt steht vor einem historischen Moment: Mit Jio Platforms, der Digitalsparte...

Allgemeines

Wenn Strafe mehr sein soll als Freiheitsentzug

Der Fall der Frauen im US-Todestrakt wirft eine unbequeme Frage auf: Darf...

Allgemeines

Kommentar: TGI AG und TGI International – alter Wein in neuen Schläuchen?

Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass sich bei der TGI AG...