Eine neuartige Behandlung mit gebündelten Schallwellen könnte künftig identischen Zwillingen helfen, die schon früh in der Schwangerschaft von einer seltenen, aber gefährlichen Komplikation betroffen sind. Eine Studie zeigt, dass das Verfahren in bestimmten Fällen den Blutfluss zwischen den Babys ausgleichen kann – ohne Operation.
Bei dem sogenannten fetofetalen Transfusionssyndrom, kurz TTTS, teilen sich eineiige Zwillinge eine Plazenta. Der Blutfluss zwischen den Kindern gerät dabei aus dem Gleichgewicht: Ein Baby erhält zu wenig Blut und bleibt gefährlich klein, das andere bekommt zu viel und wird dadurch ebenfalls belastet. Für beide kann die Erkrankung lebensbedrohlich sein.
Brioney Garrett erlebte genau diese Situation während ihrer Schwangerschaft. Das Leben ihrer eineiigen Töchter Nancy und Margo war in Gefahr, bevor Ärzte an einem Londoner Krankenhaus ein weltweit erstmals angewendetes Verfahren einsetzten. Mit hochfokussierten Ultraschallwellen verschlossen sie winzige Blutgefäße in der Plazenta, die für das Ungleichgewicht verantwortlich waren.
Die Mädchen kamen später gesund zur Welt. Heute sind Nancy und Margo vier Jahre alt und werden bald eingeschult. Ihre Mutter nennt sie ihre »Wunderzwillinge«. Sie vergesse nie, wie ernst die Lage damals gewesen sei, sagte Garrett. Jeden Tag sei sie dankbar dafür, wie alles ausgegangen sei.
TTTS betrifft etwa zehn bis 15 Prozent der eineiigen Zwillinge, die sich eine Plazenta teilen. In Großbritannien sind das nach Angaben der Forscher rund 300 bis 400 Schwangerschaften pro Jahr. Durch den ungleichen Blutfluss sammelt sich bei dem größeren Empfängerbaby zu viel Flüssigkeit an, während das kleinere Spenderbaby von gefährlichem Flüssigkeitsmangel bedroht ist.
Bislang müssen Ärzte meist mit einer Nadel in die Gebärmutter eindringen, um Flüssigkeit abzulassen oder betroffene Blutgefäße per Laser zu verschließen. Das neue Verfahren kommt ohne solchen Eingriff aus. Für Garrett dauerte die Behandlung nur etwa 20 Minuten. Sie lag flach auf dem Rücken, während ein eigens entwickeltes Gerät gezielte Ultraschallwellen auf die winzigen Gefäße in der Plazenta richtete.
»Es ging sehr schnell und war ziemlich schmerzfrei«, sagte sie. Die Hitze der gebündelten Schallwellen kann Blutgefäße mit einem Durchmesser von nur rund zwei Millimetern verschließen, selbst wenn sie fünf bis sechs Zentimeter unter der Haut liegen.
An der Studie nahmen zehn schwangere Frauen aus Großbritannien und anderen europäischen Ländern teil. Bei allen war TTTS in der frühen Schwangerschaft durch Ultraschalluntersuchungen festgestellt worden. Nach dem Eingriff überlebten zwölf von 20 Zwillingsbabys. Bei der Hälfte der Frauen war später eine weitere Behandlung nötig.
Die Forscher des Queen Charlotte’s and Chelsea Hospital bezeichneten die Ergebnisse dennoch als »äußerst aufregend«. Besonders bedeutsam sei, dass die Methode nicht invasiv sei: Es müsse weder eine Nadel noch ein Endoskop in den Bauch der Mutter eingeführt werden.
Auch Professor Christoph Lees, Leiter der Fetalmedizin am Imperial College Healthcare NHS Trust und Professor für Geburtshilfe am Imperial College London, sprach von vielversprechenden Ergebnissen. Sollte sich das Verfahren in größeren Studien bestätigen, könne es vielen Frauen Hoffnung geben, die bislang auf deutlich invasivere Behandlungen angewiesen seien.
Ultraschall wird in der Medizin seit Langem für Bildgebung eingesetzt und gilt dabei als sehr sicher. Bei dem neuen Verfahren handelt es sich jedoch um eine andere Form: Die Schallwellen werden wesentlich stärker gebündelt und gezielt eingesetzt. In der Studie konnte der Blutfluss in 90 Prozent der behandelten Gefäße blockiert werden. Unerwünschte Nebenwirkungen wurden nicht festgestellt.
Unterstützt wurde die Studie von der Organisation Twins Trust. Deren Vertreterin Helen Peck sagte, ein nicht invasives Verfahren, das TTTS früher erkennen und die Chancen betroffener Familien verbessern könne, wäre ein Wendepunkt.
Bei Garrett zeigte sich einige Wochen nach dem Eingriff, dass die Behandlung gewirkt hatte. Der Blutfluss zwischen den Babys hatte sich stabilisiert. Margo, die zuvor zu wenig Flüssigkeit um sich hatte, sei deutlich besser versorgt gewesen, sagte ihre Mutter. Auch die Belastung von Nancys Herz habe nachgelassen.
Ganz ohne weitere Schwierigkeiten verlief die Schwangerschaft zwar nicht. Doch die Zwillinge kamen schließlich in der 34. Schwangerschaftswoche zur Welt. Nancy wog gut 1560 Gramm, Margo knapp 1450 Gramm. Beide waren gesund.
Für Garrett ist das bis heute kaum selbstverständlich. Ihre Töchter seien fröhliche, kluge und energiegeladene kleine Mädchen, sagte sie. Im September beginnt für Nancy und Margo die Schule – ein Alltag, der in der Schwangerschaft alles andere als sicher schien.
Kommentar hinterlassen