Saudi-Arabien steht im Krieg zwischen den USA und Iran vor einer gefährlichen Entscheidung. Seit Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe auf Iran Ende Februar hatte Riad versucht, sich weitgehend aus dem Konflikt herauszuhalten. Doch nach Angriffen aus mehreren Richtungen wächst der Druck auf das Königreich, militärisch zu reagieren.
In dieser Woche beteiligte sich Saudi-Arabien erstmals an gemeinsamen Angriffen mit den USA auf pro-iranische Milizen im Irak. Diese Gruppen sollen nach saudischer Darstellung Drohnenangriffe auf das Königreich verübt haben. Damit stellt sich für Riad nun die strategische Frage: Soll Saudi-Arabien weiter zurückschlagen, um Abschreckung zu erzeugen – oder versuchen, die Lage zu entschärfen, notfalls auch durch indirekte Absprachen oder Zahlungen an Gegner?
Der Konflikt im Nahen Osten hat sich in den vergangenen fünf Monaten immer weiter ausgeweitet. Auf der einen Seite stehen Iran und die Revolutionsgarden. Unterstützt werden sie von verbündeten Gruppen in der Region, darunter die Huthis im Jemen, pro-iranische Milizen im Irak und die Hisbollah im Libanon. Auf der anderen Seite stehen die USA mit ihren Streitkräften des Zentralkommandos sowie – in unterschiedlichem Maße – arabische Golfstaaten und Jordanien. Israel bleibt ein enger Verbündeter der USA, ist in dieser Phase aber laut Bericht nicht aktiv an den Kämpfen beteiligt.
Iran konzentrierte seine jüngsten Drohnen- und Raketenangriffe unter anderem auf Jordanien, Kuwait und Bahrain. Zugleich werden Handelsschiffe bedroht, die die Straße von Hormus passieren wollen und sich nicht an neue iranische Vorgaben halten. Dass inzwischen auch irakische Milizen und die Huthis im Jemen stärker in die Auseinandersetzung eingreifen, zeigt, wie schnell aus einem Krieg zwischen Washington, Teheran und deren Verbündeten ein regionaler Flächenbrand werden kann.
Für Saudi-Arabien ist diese Entwicklung besonders gefährlich. Kronprinz Mohammed bin Salman hat das Land mit seiner Strategie „Vision 2030“ auf einen tiefgreifenden Umbaukurs gebracht. Das Königreich soll unabhängiger vom Öl werden, neue Industrien aufbauen, ausländische Investitionen anziehen und Arbeitsplätze für eine junge Bevölkerung schaffen. Dazu gehören auch moderne Infrastrukturprojekte wie Rechenzentren, Technologieparks und neue Industrieanlagen.
Doch genau diese Infrastruktur ist anfällig für Drohnen- und Raketenangriffe. Ein Land, das Investoren, Touristen und internationale Unternehmen anziehen will, kann sich keinen dauerhaften Eindruck permanenter Bedrohung leisten. Die wirtschaftliche Modernisierung Saudi-Arabiens braucht Stabilität – und gerade diese Stabilität steht nun infrage.
Wie verletzlich das Königreich ist, zeigte sich bereits im September 2019. Damals wurden die wichtigen Ölanlagen in Abqaiq und Khurais von Drohnen getroffen. Der Angriff legte zeitweise rund die Hälfte der saudischen Ölexporte lahm. Für Riad war das ein Schock und ein Warnsignal: Kritische nationale Infrastruktur lässt sich selbst in einem hochgerüsteten Staat nicht vollständig schützen.
Nun sollen Satellitenbilder erneut gezeigt haben, dass die Ölanlage Abqaiq von Drohnen getroffen wurde, die mutmaßlich von pro-iranischen Milizen im Irak gestartet wurden. Damit gerät Saudi-Arabien erneut von Norden unter Druck.
Gleichzeitig bleibt Öl die Lebensader der saudischen Wirtschaft. Nach den Angriffen der USA und Israels im Februar reagierte Iran mit der faktischen Blockade der Straße von Hormus. Diese Meerenge ist eine der wichtigsten Energierouten der Welt. Durch sie wird ein erheblicher Teil des globalen Öl- und Flüssiggastransports abgewickelt.
Saudi-Arabien versuchte daraufhin, so viel Öl wie möglich über seine Ost-West-Pipeline zum Exportterminal Yanbu am Roten Meer zu leiten. Von dort aus konnten Tanker Richtung Arabisches Meer und weiter zu asiatischen Märkten fahren. Doch auch diese Ausweichroute ist inzwischen gefährdet.
Nachdem Saudi-Arabien am 13. Juli den Flughafen von Sanaa nahe der jemenitischen Hauptstadt bombardiert hatte, griffen die Huthis saudische Regionalflughäfen in Abha und Jizan an. Noch bedrohlicher für Riad ist jedoch, dass die Huthis inzwischen saudische Schiffe im Roten Meer angreifen. Damit wird die Passage durch die Meerenge Bab al-Mandab am südlichen Ende des Roten Meeres gefährlich – und Saudi-Arabiens Alternative zur Straße von Hormus ebenfalls angreifbar.
Das Königreich kennt die Stärke der Huthis aus eigener Erfahrung. Sieben Jahre lang versuchte Saudi-Arabien, die Bewegung militärisch in die Knie zu zwingen. Der Krieg im Jemen wurde zu einer der schwersten humanitären Katastrophen der Gegenwart. Am Ende gelang es Riad nicht, die Huthis entscheidend zu besiegen. 2022 kam es zu einem fragilen Waffenstillstand, begleitet von Berichten über Zahlungen und informelle Arrangements.
Nun steht Saudi-Arabien erneut vor der Gefahr, gleichzeitig aus dem Norden durch pro-iranische Milizen im Irak und aus dem Süden durch die Huthis im Jemen angegriffen zu werden. Für die ehrgeizigen Pläne der „Vision 2030“ war ein solches Szenario nicht vorgesehen.
Das saudische Dilemma ist damit klar: Reagiert Riad hart, könnte es Abschreckung erzeugen, aber auch tiefer in den Krieg hineingezogen werden. Setzt es auf Deeskalation, könnten Gegner dies als Schwäche auslegen und weitere Angriffe riskieren.
Für Mohammed bin Salman geht es deshalb um weit mehr als militärische Vergeltung. Es geht um die Zukunft seines gesamten Modernisierungsprojekts. Saudi-Arabien will Investitionsstandort, Energiezentrum und technologische Drehscheibe sein. Doch solange Drohnen, Raketen und Milizen die entscheidenden Verkehrs- und Exportwege bedrohen, bleibt dieser Anspruch verwundbar.
Der Krieg zwischen den USA und Iran zwingt Riad zu einer Entscheidung, die es lange vermeiden wollte: Saudi-Arabien kann sich nicht vollständig heraushalten, aber jeder Schritt hinein in den Konflikt macht den Preis der eigenen Sicherheit höher.
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