Der SV Darmstadt 98 geht mit einer ungewöhnlichen Ausgangslage in die neue Zweitligasaison. Einerseits haben die Lilien das vergangene Jahr auf einem starken fünften Tabellenplatz abgeschlossen. Andererseits verlor der Verein im Sommer sein erfolgreiches Sturmduo und damit einen erheblichen Teil seiner bisherigen Torgefahr.
Darmstadt gehört für mich weiterhin zum erweiterten Kreis der Aufstiegskandidaten. Für einen Platz unter den ersten drei müsste die neu zusammengestellte Offensive allerdings schneller funktionieren, als normalerweise zu erwarten wäre.
Ich sehe die Lilien deshalb als ambitionierte Mannschaft für das obere Tabellendrittel, aber nicht als ersten Anwärter auf den direkten Aufstieg.
Der fünfte Platz erzählt nicht die ganze Geschichte
Darmstadt beendete die Saison 2025/26 mit 52 Punkten auf Platz fünf. Über längere Phasen befand sich die Mannschaft sogar mitten im Aufstiegsrennen und übernahm zeitweise die Tabellenführung. In den letzten Wochen ließ die Leistung jedoch deutlich nach. Das abschließende 0:2 gegen Paderborn passte zu einem Saisonende, an dem die Lilien den Kontakt zu den ersten drei Plätzen verloren.
Der fünfte Rang war dennoch ein klarer Fortschritt. In der vorherigen Spielzeit war Darmstadt nur Zwölfter geworden. Unter Florian Kohfeldt entwickelte sich die Mannschaft zu einem spielerisch besseren, körperlich stabileren und deutlich konkurrenzfähigeren Zweitligisten.
Die neue Saison wird zeigen, ob daraus ein dauerhafter Aufstiegskandidat wird oder ob die gute Platzierung vor allem von zwei außergewöhnlich treffsicheren Angreifern getragen wurde.
Kohfeldt sorgt für wichtige Kontinuität
Florian Kohfeldt bleibt Cheftrainer der Lilien. Das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber Vereinen, die erneut mit einem neuen Trainer und einer neuen Spielidee beginnen.
Kohfeldt kennt den Kader, das Umfeld und die besonderen Anforderungen am Böllenfalltor. Auch sein Trainerstab mit den Co-Trainern Martin Heck und Darius Scholtysik bleibt bestehen. Hinzu kommt mit Immanuel Höhn ein eigener Trainer für Standardsituationen.
Unter Kohfeldt versucht Darmstadt nicht mehr ausschließlich, über Zweikämpfe, lange Bälle und zweite Bälle zu kommen. Die Mannschaft möchte selbst gestalten, den Ball kontrollieren und sich Chancen herausspielen.
Das hat in der vergangenen Saison häufig funktioniert. Problematisch wurde es vor allem dann, wenn Darmstadt das Tempo verlor oder gegen Ende einer Partie nicht mehr konsequent verteidigte.
Für den nächsten Schritt benötigt die Mannschaft über 34 Spieltage hinweg mehr Stabilität.
28 Tore verlassen das Böllenfalltor
Die größte Veränderung betrifft den Angriff.
Isac Lidberg wechselte zu Borussia Mönchengladbach in die Bundesliga. Fraser Hornby schloss sich dem Zweitliga-Konkurrenten VfL Wolfsburg an. Gemeinsam hatten beide in der vergangenen Saison 28 Ligatore erzielt: Lidberg traf 17-mal, Hornby elfmal.
Damit verliert Darmstadt nicht nur zwei erfolgreiche Abschlussspieler.
Lidberg konnte sich im Strafraum durchsetzen, Wege in die Tiefe gehen und selbst aus schwierigen Situationen Tore erzielen. Hornby brachte Körperlichkeit, Kopfballstärke und die Fähigkeit mit, Bälle unter Gegnerdruck festzumachen.
Ein solches Duo lässt sich nicht einfach ersetzen.
Die erheblichen Transfererlöse stärken den Verein wirtschaftlich. Sportlich muss Darmstadt nun allerdings beweisen, dass die Tore auf mehrere Spieler verteilt werden können. Der Club bezeichnete die Verkäufe ausdrücklich als Teil seiner Strategie, Spieler zu entwickeln und im richtigen Moment Transfererlöse zu erzielen.
Eine neue Offensive statt eines direkten Ersatzes
Die Verantwortlichen haben nicht versucht, zwei möglichst ähnliche Nachfolger für Lidberg und Hornby zu verpflichten. Stattdessen wurde die gesamte Offensive verbreitert und technisch verändert.
Noah Weißhaupt kam vom SC Freiburg. Der 24-Jährige bringt Tempo, Bundesligaerfahrung und Stärke im direkten Duell mit. Er kann auf den Außenbahnen eingesetzt werden und soll Darmstadts Spiel unberechenbarer machen.
Mit Ibrahim El Kadiri verpflichteten die Lilien einen weiteren offensiven Spieler aus den Niederlanden. Lance Duijvestijn kam von Sparta Rotterdam und soll Kreativität sowie Torgefahr aus dem offensiven Mittelfeld liefern.
Hinzu kommt Nicolas Verkooijen. Der belgische U21-Nationalspieler wechselte nach seinem Vertragsende bei der PSV Eindhoven ablösefrei nach Darmstadt. Lars Kehl kam ebenfalls ablösefrei vom VfL Osnabrück.
Diese Transfers zeigen eine klare Idee: Darmstadt möchte beweglicher, schneller und variabler werden.
Die entscheidende Frage bleibt trotzdem bestehen:
Wer erzielt die Tore, wenn eine Partie eng wird und im Strafraum ein klassischer Abschlussspieler benötigt wird?
Lakenmacher steht besonders unter Druck
In der aktuellen Kaderübersicht ist Fynn-Luca Lakenmacher der deutlichste Kandidat für die Position im Sturmzentrum. Dazu stehen Kohfeldt unter anderem Luca Marseiler, Weißhaupt, Yosuke Furukawa und weiterhin Killian Corredor zur Verfügung.
Bei Corredor deutet allerdings vieles auf einen Abschied hin. Sportdirektor Paul Fernie bestätigte im Juli, dass ein Wechsel des Franzosen bevorstehen könne. Corredor wurde bereits für ein Testspiel freigestellt.
Damit könnte die Auswahl im Sturmzentrum noch kleiner werden.
Lakenmacher arbeitet viel, bringt körperliche Präsenz mit und kann Räume für Mitspieler schaffen. Von ihm nun automatisch 15 oder mehr Saisontore zu erwarten, wäre jedoch eine erhebliche Belastung.
Darmstadt benötigt deshalb entweder noch einen weiteren Mittelstürmer oder ein System, in dem Weißhaupt, Marseiler, Duijvestijn, Verkooijen und El Kadiri gemeinsam die fehlenden Treffer auffangen.
Meine Einschätzung ist klar: Ohne zusätzliche Verstärkung für das Sturmzentrum bleibt die Offensive das größte Risiko des Kaders.
Duijvestijn könnte zur Schlüsselfigur werden
Besonders interessant ist die Verpflichtung von Lance Duijvestijn.
Der Niederländer soll im offensiven Mittelfeld Ideen entwickeln, selbst abschließen und die Verbindung zwischen Mittelfeld und Angriff herstellen. Genau diese Rolle könnte nach dem Verlust der beiden Torjäger besonders wichtig werden.
Darmstadt darf künftig weniger vorhersehbar sein.
In der vergangenen Saison konnte die Mannschaft häufig auf Lidberg oder Hornby spielen. Nun muss die Gefahr stärker aus dem Mittelfeld und von den Außenbahnen kommen.
Duijvestijn, Weißhaupt und Verkooijen müssen daher nicht nur Vorlagen liefern. Sie müssen selbst regelmäßig treffen.
Gelingt das, könnte die neue Offensive sogar schwerer auszurechnen sein als die alte. Gelingt es nicht, wird Darmstadt viele ordentliche Spiele bestreiten, ohne sich für seinen Aufwand zu belohnen.
Das Mittelfeld besitzt weiterhin Qualität
Im Zentrum verfügt Kohfeldt über mehrere unterschiedliche Spielertypen.
Kai Klefisch bringt Zweikampfstärke und defensive Disziplin mit. Fabian Nürnberger kann das Spiel antreiben und flexibel eingesetzt werden. Hiroki Akiyama besitzt technische Qualität, während Merveille Papela ebenfalls eine wichtige Rolle übernehmen könnte.
Nürnbergers Vertragsverlängerung war deshalb eine wichtige Nachricht. Der Verein behält einen Spieler, der bereits Erfahrung im Darmstädter System besitzt und mehrere Positionen abdecken kann.
Papela wird aufgrund einer Meniskusverletzung allerdings noch mehrere Monate fehlen. Der Mittelfeldspieler wurde nach dem Saisonende operiert.
Der Ausfall reduziert zunächst die Auswahl im Zentrum. Gerade in einer langen und körperlich anspruchsvollen Zweitligasaison könnte das relevant werden.
Die Defensive ist breit besetzt
In der Abwehr ist Darmstadt vergleichsweise gut aufgestellt.
Mit Patric Pfeiffer, Matej Maglica und Aleksandar Vukotić stehen mehrere erfahrene Innenverteidiger zur Verfügung. Hinzu kommen Grayson Dettoni, Meldin Drešković und der 22-jährige Neuzugang Yannik Lührs.
Bei Dettoni zog der Verein nach seiner vorherigen Leihe die Kaufoption. Darmstadt sieht im jungen Verteidiger offenbar langfristiges Entwicklungspotenzial.
Auf den Außenpositionen bieten Sergio López, Raoul Petretta und Matthias Bader unterschiedliche Möglichkeiten. Marcel Schuhen bleibt im Tor eine verlässliche Führungspersönlichkeit und geht bereits in seine achte Saisonvorbereitung mit den Lilien.
Die Defensive besitzt damit genügend Erfahrung und Tiefe, um eine gute Zweitligasaison zu spielen.
Sie muss allerdings verhindern, dass Darmstadt erneut zu viele Führungen oder gute Ausgangslagen verspielt. In der Schlussphase der vergangenen Saison kassierte die Mannschaft mehrfach entscheidende Gegentore.
Der Abschied von Fabian Holland verändert die Hierarchie
Mit Fabian Holland hat eine der wichtigsten Figuren der jüngeren Vereinsgeschichte ihre Karriere beendet.
Holland absolvierte 319 Pflichtspiele für Darmstadt und führte die Mannschaft in seinem letzten Einsatz noch einmal als Kapitän auf den Platz.
Sein sportlicher Verlust lässt sich möglicherweise auffangen. Schwieriger ist es, seine Erfahrung, Identifikation und Bedeutung innerhalb der Kabine zu ersetzen.
Marcel Schuhen wird als Kapitän und dienstältester Spieler noch stärker gefordert sein. Auch Profis wie Maglica, Pfeiffer, Nürnberger und Bader müssen mehr Verantwortung übernehmen.
Der personelle Umbau betrifft deshalb nicht nur Tore und Positionen, sondern auch die interne Führung der Mannschaft.
Das Böllenfalltor muss wieder zur Festung werden
Die Heimstärke war ein wesentlicher Grund für Darmstadts gute Saison.
Im Februar gelang gegen Fortuna Düsseldorf bereits der sechste Heimsieg in Folge. Das Merck-Stadion war in dieser Phase tatsächlich eine der schwierigsten Auswärtsaufgaben der Liga.
Diese Stärke muss Darmstadt über die gesamte Saison bewahren.
Am Böllenfalltor helfen die engen Tribünen, die Atmosphäre und die emotionale Verbindung zwischen Mannschaft und Fans. Dennoch entstehen Heimsiege nicht allein durch Lautstärke. Darmstadt muss gegen defensiv eingestellte Gegner geduldig bleiben und im letzten Drittel genügend Lösungen finden.
Gerade nach dem Abgang der Torjäger wird sich zeigen, ob die Lilien auch ohne frühe Führung Kontrolle entwickeln können.
Ein anspruchsvoller Saisonstart
Darmstadt beginnt die neue Spielzeit am 8. August mit einem Heimspiel gegen Holstein Kiel. Am zweiten Spieltag folgt die Auswärtspartie bei Dynamo Dresden.
Das sind sofort zwei interessante Prüfungen.
Kiel dürfte eigene Ambitionen im oberen Tabellenbereich besitzen. Dresden wird vor seinem Publikum mit hoher Intensität auftreten.
Ein guter Start könnte Darmstadt früh das Gefühl geben, dass der personelle Umbau funktioniert. Bleiben die Tore dagegen aus, wird die Diskussion über einen zusätzlichen Stürmer schnell lauter werden.
Die bisherigen Testspiele haben erwartungsgemäß deutliche Siege gegen unterklassige Gegner gebracht. Nach einem 12:0 gegen Arheilgen folgte ein 8:0 gegen Fehlheim. Aussagekräftig für die Liga sind solche Ergebnisse allerdings kaum.
Welche Rolle kann Darmstadt übernehmen?
Die Lilien verfügen über einen guten Trainer, eine stabile Vereinsführung und einen Kader mit interessanten Spielern.
Das unterscheidet Darmstadt von Mannschaften, die im Sommer einen vollständigen Neustart vollziehen müssen.
Der Verein arbeitet wirtschaftlich vorsichtig, entwickelt Spieler und investiert die erzielten Einnahmen gezielt. Dieser Ansatz kann dauerhaft erfolgreich sein. Er führt allerdings dazu, dass Leistungsträger regelmäßig verkauft und neu ersetzt werden müssen.
In der Saison 2026/27 wird Darmstadt vermutlich spielerisch zu den besseren Mannschaften der Liga gehören.
Ob daraus auch eine Spitzenplatzierung entsteht, entscheidet sich im Strafraum.
Die Defensive erscheint stark genug für die ersten sechs Plätze. Das Mittelfeld besitzt ebenfalls Qualität. Die Offensive ist variabel, aber noch nicht ausreichend erprobt.
Meine Prognose: Platz sechs
Ich sehe den SV Darmstadt 98 am Ende der Saison 2026/27 auf Tabellenplatz sechs.
Die Lilien werden meiner Einschätzung nach erneut eine gute Saison spielen und bis in die Rückrunde Kontakt zu den Aufstiegsplätzen halten. Für einen direkten Aufstieg fehlt mir aktuell jedoch ein nachgewiesener Torjäger.
Darmstadts realistische Spannweite liegt für mich zwischen Platz vier und Platz acht.
Schlagen Weißhaupt, Duijvestijn, Verkooijen und El Kadiri sofort ein und verteilt sich die Torgefahr erfolgreich auf mehrere Schultern, kann die Mannschaft um Platz drei kämpfen.
Findet der Verein noch einen überzeugenden Mittelstürmer, würde sich meine Einschätzung ebenfalls verbessern.
Bleiben die Offensivspieler dagegen unter ihren Erwartungen, könnte Darmstadt trotz guter Spielanlage im Mittelfeld der Tabelle landen.
Meine konkrete Prognose lautet: Platz sechs – erneut oberes Tabellendrittel, zeitweise Aufstiegshoffnungen, am Ende aber knapp außerhalb des entscheidenden Bereichs.
Die Lilien bleiben damit ein ernst zu nehmender Verfolger. Für die Rückkehr in die Bundesliga dürfte nach dem Verkauf von 28 Saisontoren jedoch noch ein entscheidendes Puzzleteil fehlen.
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