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Russlands Spione entdecken Japan – Aeroflot fliegt nicht, arbeitet aber offenbar trotzdem

peterbwiberg (CC0), Pixabay
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Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurden 2022 zahlreiche russische Diplomaten, Geheimdienstmitarbeiter und sonstige auffällig unauffällige Herren aus westlichen Staaten ausgewiesen. Für Moskau stellte sich damit eine organisatorische Frage: Wohin mit all den Agenten, wenn Europa plötzlich so unfreundlich kontrolliert?

Die Antwort lautet laut einem Bericht der „New York Times“ offenbar: Japan.

Dort soll eine Einheit des russischen Militärgeheimdienstes aus dem Tokioter Büro der staatlichen Fluggesellschaft Aeroflot operieren. Aeroflot fliegt von Japan aus zwar derzeit gar nicht mehr nach Russland. Aber wozu sollte ein leer stehendes Fluggesellschaftsbüro auch Flugreisen organisieren, wenn man dort ebenso gut Sanktionen umgehen kann?

Das ist schließlich auch eine Form internationaler Logistik.

Japanische Bauteile auf unfreiwilliger Weltreise

Nach Angaben des ukrainischen Präsidentenbüros enthalten zahlreiche russische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen Komponenten japanischer Hersteller.

Die betreffenden Unternehmen dürften ihre Produkte ursprünglich vermutlich eher für Autos, Industrieanlagen oder Unterhaltungselektronik vorgesehen haben – und weniger für Flugkörper, die in ukrainischen Städten einschlagen.

Doch moderne Bauteile sind flexibel. Ein Chip beginnt seine Reise womöglich als Bestandteil einer zivilen Maschine, macht einen kleinen Zwischenstopp in Vietnam, Usbekistan oder Sri Lanka und findet sich anschließend überraschend in russischer Militärtechnik wieder.

Globalisierung kann so romantisch sein.

Kiew soll die japanische Regierung mehrfach diplomatisch vor diesem Schmuggel gewarnt haben. Diplomatisch bedeutet in diesem Fall vermutlich: „Ihre Technologie steckt in russischen Raketen, vielleicht möchten Sie gelegentlich nachsehen, wie sie dort hingekommen ist.“

Japan zeigte sich nun grundsätzlich aufmerksam. Ein Regierungssprecher erkannte einen „wachsenden Bedarf“, ausländischen Geheimdienstaktivitäten entgegenzuwirken.

Das ist eine bemerkenswert vorsichtige Formulierung. Wenn mutmaßliche russische Spione mitten in Tokio ein Beschaffungsnetzwerk betreiben, könnte man den Bedarf womöglich bereits als vollständig ausgewachsen bezeichnen.

Die 20. Direktion eröffnet ihre Außenstelle

Hinter dem indirekten Export soll laut „New York Times“ die sogenannte 20. Direktion des russischen Militärgeheimdienstes stehen.

Die Einheit soll daran arbeiten, westliche Sanktionen zu umgehen und für den Krieg benötigte Bauteile nach Russland zu schaffen. Ihre Mitarbeiter sollen sich dabei als Beschäftigte von Aeroflot ausgeben.

Das besitzt durchaus eine gewisse Logik. Mitarbeiter einer Fluggesellschaft beschäftigen sich schließlich mit Dingen, die von einem Land in ein anderes gelangen sollen. Ob es sich dabei um Passagiere, Koffer oder militärisch nutzbare Elektronik handelt, ist vermutlich nur eine Frage der Abteilung.

Das Aeroflot-Büro liegt ausgerechnet in einem schnell wachsenden Geschäfts- und Luxusviertel Tokios. Tarnung funktioniert eben am besten dort, wo niemand vermutet, dass ein staatlicher russischer Geheimdienst aus einem Büro einer staatlichen russischen Fluggesellschaft arbeitet.

Zu auffällig wäre wahrscheinlich nur ein Schild mit der Aufschrift gewesen: „Heute geschlossen – Sanktionen werden im Hinterzimmer umgangen.“

Eine Brücke, über die offenbar einiges fährt

Eine wichtige Rolle soll das Logistikunternehmen Proco Air spielen. Die Firma wirbt laut Bericht mit dem Slogan „Brücke zwischen Japan und Russland“.

Ein schöner Satz. Brücken verbinden Menschen, Kulturen und gelegentlich offenbar auch Hersteller mit Kunden, von denen sie offiziell gar nichts wissen sollen.

Weil Aeroflot selbst nicht mehr direkt aus Japan operiert, sollen Waren zunächst mit anderen Fluggesellschaften in Länder transportiert werden, die weiterhin von russischen Maschinen angeflogen werden. Dort werde die Fracht umgeladen und anschließend nach Russland gebracht.

Mit anderen Worten: Die Sanktionen sagen „Nein“, die Logistik antwortet „Dann eben mit Umsteigen“.

Vietnam, Usbekistan und Sri Lanka werden als mögliche Zwischenstationen genannt. Damit erhält die Ware eine kleine internationale Rundreise, bevor sie ihr eigentliches Ziel erreicht.

Wer behauptet, russische Raketen seien nicht nachhaltig, übersieht zumindest die kreative Wiederverwendung globaler Lieferketten.

Natürlich geht es nur um medizinische Geräte

Der Chef von Proco Air bestritt, verbotene Güter nach Russland transportiert zu haben. Sein Unternehmen befördere vor allem medizinische Geräte.

Das klingt beruhigend. Medizinische Geräte retten schließlich Leben.

Etwas weniger beruhigend ist, dass laut einem Dokument Geschäfte mit einem Pharmaunternehmen stattgefunden haben sollen, das wegen direkter Verbindungen zu Wladimir Putin sanktioniert wurde.

Aber möglicherweise handelt es sich auch dabei lediglich um ein Missverständnis. In komplexen Lieferketten kann man schließlich leicht übersehen, ob der Geschäftspartner ein gewöhnliches Pharmaunternehmen oder ein sanktionierter Kremlkontakt ist.

Wer kennt das nicht?

Man bestellt medizinische Technik, kontrolliert kurz die Lieferadresse und stellt erst später fest, dass das Geschäft Teil eines mutmaßlichen Beschaffungssystems für einen Angriffskrieg sein könnte.

Japan entdeckt die Spionageabwehr

Japan gilt weltweit als bedeutender Hersteller sogenannter Dual-Use-Technologien. Das sind Bauteile, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können.

Eine praktische Kategorie, besonders für Staaten, die militärische Technik benötigen, aber bei der Bestellung ungern „für Raketenbau“ in das Verwendungsfeld schreiben möchten.

Die japanische Regierung räumte nun ein, bei der Abwehr ausländischer Geheimdienstaktivitäten strenger vorgehen zu müssen. Anfang des Jahres wurde bereits ein mutmaßlicher russischer Spion festgenommen.

Historisch betrachtet besitzt Japan vergleichsweise lockere Gesetze gegen Spionage. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte das Land auf eine dezentrale nachrichtendienstliche Struktur und eine pazifistisch geprägte Verfassung.

Das Ergebnis ist offenbar ein organisatorischer Fleckerlteppich, der für ausländische Dienste ungefähr dieselbe Wirkung entfaltet wie eine offene WLAN-Verbindung mit dem Passwort „Willkommen123“.

Japan besitzt zudem keinen klassischen eigenen Auslandsgeheimdienst und ist deshalb stark auf Informationen befreundeter Staaten angewiesen.

Das hat Vorteile: Man spart sich einen großen Apparat.

Der Nachteil besteht darin, dass andere Staaten einem gelegentlich erklären müssen, dass im Zentrum der eigenen Hauptstadt möglicherweise ein russisches Beschaffungsnetzwerk betrieben wird.

Jetzt soll ein richtiger Geheimdienst entstehen

Premierministerin Sanae Takaichi hat angekündigt, härter gegen ausländische Spionage vorzugehen und einen zentralen Nachrichtendienst aufzubauen.

Dafür holt sich Japan Beratung aus den USA, Australien und Deutschland. Auch der Chef des Bundesnachrichtendienstes soll nach Tokio gereist sein.

Japan möchte demnach erfahren, welche Technologien benötigt werden, wie Personal ausgebildet wird und welche Prioritäten ein moderner Nachrichtendienst setzen sollte.

Deutschland kann dabei sicherlich wertvolle Hinweise geben – etwa, wie man Informationen sammelt, Behörden koordiniert und anschließend möglichst lange darüber diskutiert, wer eigentlich zuständig ist.

Der neue Geheimdienst ist Teil einer umfassenden Aufrüstungsstrategie. Japan erhöht seine Verteidigungsausgaben, erleichtert Rüstungsexporte und entwickelt eine neue Abschreckungspolitik gegenüber China und Russland.

Das Land, das jahrzehntelang bewusst auf militärische Zurückhaltung setzte, reagiert damit auf eine Weltlage, in der russische Geheimdienste angeblich aus Fluggesellschaftsbüros operieren und chinesische Machtansprüche stetig wachsen.

Man könnte sagen: Die internationale Sicherheitsordnung hat Japan überzeugt, dass höfliche Zurückhaltung allein möglicherweise kein vollständiges Verteidigungskonzept ist.

Moskaus flexible Reiseplanung

Russland hat sich nach den Massenausweisungen von 2022 offenbar neu orientiert. Wo westliche Staaten genauer hinschauen, sucht der Kreml nach Regionen mit schwächeren Kontrollen, offenen Handelswegen und komplizierten Zuständigkeiten.

Japan bot dafür möglicherweise ideale Bedingungen: modernste Technologie, bedeutende Exportwirtschaft und eine Spionageabwehr, die gerade offiziell feststellt, dass Spione ein Problem sein könnten.

Doch Tokio scheint inzwischen aufzuwachen. Die Frage ist nur, ob die Reformen schnell genug kommen, um bestehende Netzwerke zu erkennen und Lieferwege zu unterbrechen.

Bis dahin bleibt das Aeroflot-Büro ein bemerkenswertes Symbol.

Die Fluggesellschaft fliegt nicht.

Das Büro bleibt trotzdem geöffnet.

Und irgendwo zwischen medizinischen Geräten, Logistikpartnern und internationalen Zwischenstopps scheinen japanische Bauteile weiterhin erstaunlich reisefreudig zu sein.

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