Es sind keine Oppositionspolitiker, keine Exilaktivisten, keine investigativen Journalisten. Es sind Beauty-Influencer, Lifestyle-Blogger, junge Menschen mit Ringlicht, Kosmetikmarken und Millionenreichweite. Und genau deshalb ist es für den Kreml womöglich so unangenehm: In Russland wächst der öffentliche Frust über Wladimir Putins Politik inzwischen an einer Stelle, an der man ihn lange für politisch ungefährlich hielt – in den sozialen Netzwerken der Wohlfühlbranche.
„Wladimir Wladimirowitsch, die Menschen haben Angst vor Ihnen.“ Mit diesen Worten begann die russische Beauty-Influencerin Victoria Bonya ein Instagram-Video, das in Russland für Aufsehen sorgt. Bonya, einst TV-Gesicht, heute Unternehmerin mit eigener Kosmetiklinie und Wohnsitz in Monaco, adressierte den Präsidenten direkt – und sprach aus, was im autoritären Russland nur wenige öffentlich formulieren: „Die Menschen haben Angst vor Ihnen, Blogger haben Angst vor Ihnen, Künstler haben Angst vor Ihnen, Gouverneure haben Angst vor Ihnen.“
Dann listete sie in bemerkenswerter Offenheit auf, was aus ihrer Sicht im Land schiefläuft: eine angeblich schleppende Reaktion auf Überschwemmungen in Dagestan, brutales Vorgehen bei Tierkeulungen in Sibirien, steigende Ungleichheit, hohe Steuern – und vor allem die immer schärferen Einschränkungen des Internets. Gerade diese träfen den Alltag vieler Russinnen und Russen inzwischen unmittelbar. „Es fühlt sich an, als würden wir nicht mehr in einem freien Land leben“, sagte Bonya.
Für westliche Beobachter mag das banal klingen. Für Russland ist es ein politischer Warnhinweis. Denn wer hier spricht, gehört nicht zum klassischen Milieu des Protests. Bonya betont sogar ausdrücklich, dass sie Putin grundsätzlich unterstütze. Gerade das macht ihren Ausbruch so brisant: Wenn selbst loyale oder zumindest bislang systemnahe Prominente öffentlich klagen, deutet das auf einen Stimmungswandel hin, der tiefer reicht als übliche Nischenkritik.
Das Video wurde binnen weniger Tage millionenfach angesehen. Mehr als 26 Millionen Aufrufe und Zehntausende Kommentare sammelte Bonya, viele davon voller Bewunderung für ihren Mut. In einem System, in dem Kritik an der Staatsführung schnell strafrechtliche Folgen haben kann, wird allein die öffentliche Ansprache des Präsidenten bereits zur politischen Handlung.
Bonya blieb nicht allein. Eine weitere bekannte russische Influencerin, die unter dem Namen Aiza auftritt und ebenfalls im Ausland lebt, sprang ihr auf Instagram bei. Die jüngsten Beschränkungen für den Messengerdienst Telegram seien ein „gewaltiger Schlag für die russische Wirtschaft“, sagte sie. Dann wurde sie noch direkter: Sie wetterte gegen hohe Abgaben, soziale Ungleichheit und korrupte Eliten. „Wie viel Geld müsst ihr noch stehlen, damit es euch reicht?“, fragte sie mit Blick auf Abgeordnete, die Milliardenvermögen, Immobilien und teils mehrere ausländische Pässe besitzen sollen. Später löschte sie das Video wieder – ein Reflex, der in Russland fast schon Teil des politischen Instinkts geworden ist.
Der Auslöser dieser ungewöhnlich offenen Wut ist vor allem die jüngste Verschärfung der Internetkontrollen. Seit dem Frühjahr hat der russische Staat die digitale Repression deutlich ausgeweitet. Mobile Internetabschaltungen stören in immer mehr Regionen den Alltag, auch in Metropolen wie Moskau und St. Petersburg. Telegram wird gedrosselt, VPN-Dienste geraten stärker unter Druck, neue Regeln erschweren oder verhindern Umgehungsstrategien. Offiziell begründet der Staat das mit Sicherheitsmaßnahmen gegen ukrainische Angriffe. Doch für viele Russen fühlt es sich längst wie etwas anderes an: nicht Schutz, sondern digitale Abriegelung.
Für Influencer ist das nicht nur politisch unerquicklich, sondern existenziell. Seit September dürfen russische Einwohner nicht mehr auf Plattformen werben, die vom Staat blockiert oder als „unerwünscht“ eingestuft werden. Instagram, seit 2022 offiziell gesperrt, ist zwar weiterhin über VPN erreichbar, aber wirtschaftlich weitgehend entwertet. Nun trifft es mit Telegram auch noch jenen Kanal, auf den viele Kreative und Kleinunternehmer ausgewichen waren. Was für den Kreml nach Medienkontrolle aussieht, ist für viele Betroffene schlicht ein Angriff auf Einkommen, Bildung und Alltag.
Wie existenziell das empfunden wird, zeigte Ende März ein weiteres Video, das in Russland viral ging. Die Bloggerin und Autorin Liza Moka, die auf dem Land lebt und über Familie und Alltag schreibt, brach auf Instagram in Tränen aus. Sie könne so nicht weitermachen, sagte sie. Sie halte es nicht mehr aus, „was sie mit uns machen, diese Tyrannen, die jeden Bezug zur Realität verloren haben“. In ihrer abgelegenen Region seien Internet und digitale Dienste essenziell – zum Arbeiten, aber auch für die Bildung ihrer Kinder. Dass sie ihren patriotisch erzogenen Kindern nun erklären müsse, sie bräuchten einen VPN, um überhaupt am Unterricht teilnehmen zu können, nannte sie absurd. Zwei Millionen Menschen sahen sich das Video an.
Auch jüngere Nutzer melden sich zu Wort. Ein 19-jähriger namens Artjom sagte in einem Video, er hoffe, für seine Kritik nicht im Gefängnis zu landen. Er sei „schockiert“, dass Russland nicht nur soziale Netzwerke blockiere, sondern nun sogar englische Begriffe in Werbung einschränke. „Wo ist die Freiheit?“, fragte er. „Es gibt immer weniger Möglichkeiten.“
Bemerkenswert ist: Der Frust kommt nicht mehr nur aus dem digitalen Popmilieu. Auch in russischen Zeitungen sind zuletzt ungewöhnlich scharfe Kommentare erschienen, die die Internetabschaltungen kritisieren. Eine Kolumne in der Nezavisimaya Gazeta zog sogar Parallelen zu stalinistischen Verboten wissenschaftlicher Forschung in Bereichen wie Genetik oder Robotik. In einem Land, in dem öffentliche Sprache sonst meist auf vorsichtige Andeutungen reduziert ist, sind solche Vergleiche fast schon ein Alarmsignal.
Politikbeobachter sehen darin mehr als bloßes Genörgel über schlechtes WLAN. Die Berliner Politikwissenschaftlerin Ekaterina Schulmann spricht von subtilen Verschiebungen in der öffentlichen Stimmung, die schon 2025 begonnen hätten – angetrieben vor allem vom Krieg gegen die Ukraine und einer wachsenden Kriegsmüdigkeit. Immer mehr Menschen, so ihre Analyse, wollten ein Ende des Krieges, selbst wenn die offiziell formulierten Kriegsziele nicht erreicht würden. Viele hätten gehofft, mit Donald Trump im Weißen Haus werde sich die Lage irgendwie zu Russlands Gunsten lösen. Diese Hoffnung habe sich zerschlagen.
Auch der investigative Journalist Andrei Soldatov sieht eine neue Müdigkeit – sogar in patriotischen Kreisen. „Die Kriegsmüdigkeit ist selbst unter Patrioten spürbar“, schreibt er. Die Erwartungen an Trump seien verflogen. Was bleibt, ist Ernüchterung.
Trotzdem wäre es voreilig, daraus bereits einen offenen Bruch zwischen Bevölkerung und Kreml abzuleiten. Russland ist keine Demokratie, in der Unzufriedenheit automatisch in politische Konsequenzen übersetzt wird. „Russische Bürger sind keine Wähler“, sagt Schulmann nüchtern. Die Parlamentswahl im Herbst gilt als weitgehend vorentschieden. Wer herrscht, bestimmt auch das Ergebnis.
Gerade deshalb ist die Reaktion des Kreml bemerkenswert. Kremlsprecher Dmitri Peskow ging ungewöhnlich direkt auf Bonyas Video ein. Es berühre viele Themen, sagte er, und an diesen werde jeweils gearbeitet. Nichts davon werde ignoriert. Auch auf Nachfrage wies der Kreml die Behauptung zurück, Putin werde über das wahre Ausmaß der Probleme im Land im Unklaren gelassen. Ob die Menschen Angst vor ihrem Präsidenten hätten, beantwortete Peskow allerdings nicht.
Bonya wiederum reagierte fast demütig. In einem weiteren Video, diesmal mit Tränen im Gesicht, dankte sie Peskow. Gleichzeitig versuchte sie sich von Berichten westlicher oder oppositioneller Medien über ihre ursprüngliche Botschaft zu distanzieren. Sie nannte explizit die BBC und den oppositionellen Sender TV Rain. Es war ein fast lehrbuchhafter Reflex russischer Selbstzensur: mutig sprechen – und dann sofort signalisieren, dass man bitte nicht falsch verstanden werden wolle.
„Ich weiß nicht, was mit mir passieren wird“, sagte Bonya. „Aber ich will nur sagen: Es war es wert.“
Dass diese Angst nicht unbegründet ist, zeigt der Fall des pro-putinistischen Bloggers Ilja Remeslo. Mitte März veröffentlichte er auf Telegram ein Manifest, in dem er den Krieg in der Ukraine als „Sackgasse“ bezeichnete und ein Verfahren gegen Putin forderte. Einen Tag später hieß es, er sei in eine psychiatrische Klinik in St. Petersburg gebracht worden. Die Botschaft ist klar: Wer den Rahmen des Erlaubten verlässt, riskiert mehr als einen Shitstorm.
Auch andere prominente Fälle zeigen den steigenden Druck auf Russlands Influencer-Milieu. Bonya erwähnte in ihrem ersten Video die Bloggerin Valeria Tschekalina, bekannt als Lerchek. Deren Ex-Mann wurde jüngst zu sieben Jahren Haft wegen illegaler Geldtransfers verurteilt. Gegen Tschekalina selbst war Hausarrest verhängt worden; dieser wurde nur vorübergehend ausgesetzt, damit sie sich wegen Krebs im vierten Stadium behandeln lassen kann. In Russland verschwimmen bei solchen Verfahren wirtschaftliche Vorwürfe und politische Disziplinierung oft bewusst.
Analysten erwarten deshalb eher mehr Repression als weniger. Putins Zustimmungswerte sind laut dem staatlichen Meinungsforschungsinstitut WZIOM in diesem Jahr bereits deutlich gefallen. Tatjana Stanowaja vom Analysehaus R.Politik rechnet mit einer neuen Welle an Einschränkungen, Repressionen und möglicherweise personellen Umbesetzungen. In autoritären Systemen ist sinkende Popularität kein Anlass zur Korrektur – sondern oft zur Verschärfung.
Die entscheidende Frage ist nun, wie Russinnen und Russen ihre Lage deuten: als vorübergehende Ausnahme, ausgelöst durch Krieg und Sicherheitslage – oder als neuen Normalzustand. Genau darin liegt laut Schulmann die politische Gefahr für Putin. „Der Präsident ist der Status quo“, sagt sie. „Wenn man ihn mag, billigt man den Zustand des Landes. Wenn man den Status quo nicht mehr mag, beginnt man auch ihn nicht mehr zu mögen.“
Dass diese Erkenntnis nun ausgerechnet aus den Feeds von Beauty-Stars und Lifestyle-Bloggern kommt, macht sie für den Kreml nicht weniger gefährlich. Im Gegenteil. Denn Protest aus der Opposition lässt sich leicht als Feindpropaganda abtun. Protest aus dem Schminkspiegel der eigenen Wohlstandsgesellschaft ist schwerer wegzuerklären.
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