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Die erfundene ICE-Haft? Wie eine angebliche Abschiebeaffäre in sich zusammenfiel

PuppypawsAZ (CC0), Pixabay
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Es klang wie ein weiterer Beleg für die Härte der amerikanischen Einwanderungspolitik: Eine US-Bürgerin pakistanischer Herkunft, so die Darstellung, werde nach einer Auslandsreise am Flughafen Chicago O’Hare von der Einwanderungsbehörde ICE festgesetzt, quer durch zwei Bundesstaaten transportiert und nach 43 Stunden ohne Anklage einfach wieder ausgesetzt. In einer Stadt, in der die Empörung über aggressive Abschiebemaßnahmen längst groß ist, verbreitete sich die Geschichte rasch.

Im Zentrum stand Sundas Naqvi, 28 Jahre alt, die auch unter den Namen Sunny und Summer auftritt. Sie schilderte, sie sei nach ihrer Rückkehr aus der Türkei gemeinsam mit fünf Kollegen von ICE in Gewahrsam genommen worden. Ihre Familie und Unterstützer machten den Fall öffentlich. Der demokratische Bezirkskommissar Kevin Morrison stellte sich an ihre Seite und sprach von einer möglichen Vertuschung. Es wirkte wie ein politisch brisanter Skandal.

Morrison präsentierte bei einer Pressekonferenz Screenshots von Standortdaten, die Naqvis Handy zunächst im ICE-Gefängnis in Broadview bei Chicago und später in einem Haftzentrum im Dodge County im Bundesstaat Wisconsin zeigen sollten. Naqvi selbst erklärte, sie sei nach ihrer Festsetzung mehr als 150 Meilen weit transportiert und schließlich ohne Hilfe auf die Straße gesetzt worden. Ihre Familie habe sie erst später wieder aufgenommen.

Doch je größer die öffentliche Aufmerksamkeit wurde, desto schneller begann die Geschichte zu bröckeln.

Das Heimatschutzministerium DHS widersprach früh. Naqvi sei zwar am 5. März nach ihrer Rückkehr aus der Türkei zu einer sogenannten Secondary Inspection herausgezogen worden, also zu einer vertieften Kontrolle. Doch diese habe nur knapp eine Stunde gedauert. Überwachungsvideos vom Flughafen, so das Ministerium, zeigten sie um 10.46 Uhr beim Betreten des Kontrollbereichs und um 11.42 Uhr wieder im öffentlichen Bereich des Flughafens. Die Behauptung, 43 Stunden in Gewahrsam gewesen zu sein, sei falsch.

Zunächst wies Morrison diese Darstellung zurück und sprach von manipuliertem Material. Er hielt die Handy-Standortdaten weiterhin für schlüssig. Auch Naqvis Schwester behauptete, die Behörden würden lügen.

Dann meldete sich der Sheriff von Dodge County zu Wort – und legte seinerseits nach. Dale Schmidt erklärte öffentlich, Naqvi sei zu keinem Zeitpunkt von ICE festgenommen worden, nie nach Broadview gebracht worden, nie über Staatsgrenzen hinweg von Behörden transportiert worden und nie in der Obhut seines Gefängnisses gewesen. Es sei nicht nur ein Teil ihrer Geschichte falsch. „Alles daran“ sei falsch, sagte Schmidt sinngemäß.

Der Ausgangspunkt für diese Gegenoffensive war offenbar Naqvis damaliger Freund. Laut Schmidt wandte sich der Mann an die Behörden, nachdem ihn die virale Erzählung misstrauisch gemacht hatte. Seine Schilderung führte zu einer Kette aus Textnachrichten, Hoteldokumenten, Kennzeichenerfassungen und Überwachungsvideos, die ein völlig anderes Bild zeichneten.

Demnach soll Naqvi die Türkei-Reise nicht beruflich unternommen haben, sondern mit Geld finanziert haben lassen, das der damalige Partner bezahlt habe – laut Sheriff insgesamt rund 12.000 Dollar allein für diese Reise, eingebettet in Ausgaben von insgesamt 25.000 Dollar. Der Mann habe geglaubt, mit ihr auf eine langfristige Beziehung zuzusteuern.

Nach Naqvis Rückkehr, so die Darstellung des Sheriffs, soll derselbe Mann für sie ein Zimmer in einem Hampton Inn nahe des Flughafens O’Hare bezahlt haben. Laut Hotelunterlagen checkte sie dort um 13.17 Uhr ein – also kurz nach ihrer angeblichen Entlassung aus der vertieften Kontrolle am Flughafen. Textnachrichten, die der Sheriff präsentierte, sollen zudem zeigen, dass Naqvi während der Zeit, in der sie angeblich in Gewahrsam gewesen sein will, den Mann bat, mit seiner Kreditkarte Essen und sogar eine Spa-Behandlung zu bezahlen.

Später, so Schmidt, habe der Ex-Freund sie von dem Hotel bei Chicago zu einem Holiday Inn Express in Dodge County, Wisconsin, gefahren. Genau dort, so hatte es Naqvis Familie zuvor dargestellt, habe man sie aufgegriffen, nachdem sie angeblich per Anhalter vom Gefängnis dorthin gelangt sei. Überwachungsvideos des Hotels zeigen laut Sheriff jedoch, dass eine Frau, die wie Naqvi aussieht und dieselbe Kleidung trägt wie auf später veröffentlichten Familienfotos, das Hotel erst 15 Minuten vor dem Eintreffen ihrer Angehörigen betritt. Kurz darauf ist sie demnach in der Lobby bei einem Daumen-hoch-Selfie zu sehen.

Hinzu kommen weitere Belege: Kennzeichenkameras entlang der Strecke sowie Aufnahmen aus einem Geschäft mehr als 20 Meilen vom Gefängnis entfernt sollen Naqvi zu einem Zeitpunkt zeigen, an dem sie nach eigener Darstellung gerade aus der Haft entlassen worden sei. Für Sheriff Schmidt ist deshalb klar: Die von Morrison präsentierten Handy-Ortungen seien manipuliert oder technisch gefälscht worden. In Zeiten von KI und Spoofing, sagte er, sei das leicht möglich.

Noch brisanter wird die Sache durch das politische Umfeld. Chicago steht seit Monaten im Zentrum von Protesten gegen ICE, Misshandlungsvorwürfe und mutmaßliche Übergriffe von Bundesbehörden. In diesem Klima passte Naqvis Geschichte fast zu gut. Dass Morrison sie öffentlich aufgriff, verlieh ihr zusätzlich Gewicht. Doch gerade das brachte ihn nun selbst in Bedrängnis. Der Sheriff hat Naqvi und Morrison inzwischen auf eine Million Dollar wegen Verleumdung verklagt.

Schmidt argumentiert, die Behauptung, seine Behörde sei Teil einer Vertuschung mit dem Heimatschutzministerium gewesen, habe seinen Ruf und den seines Personals beschädigt – besonders heikel, weil er sich auf eine Wiederwahl vorbereite. Ein Richter ließ erste Vorladungen zu und befand, dass die beanstandeten Aussagen dem Sheriff durchaus reputationsschädigend geschadet haben könnten.

Juristisch ist der Fall dennoch keineswegs entschieden. Wer als Amtsträger wegen Verleumdung klagt, muss in den USA nachweisen, dass falsche Aussagen mit „actual malice“ verbreitet wurden – also wider besseres Wissen oder in rücksichtsloser Missachtung der Wahrheit. Das ist eine hohe Hürde. Antworten auf die Klage haben weder Naqvi noch Morrison bislang eingereicht.

Naqvi selbst schweigt. Auch ihre Schwester reagierte auf Nachfragen zu den neuen Vorwürfen zunächst nicht. Zuvor hatte sie noch gefragt, warum man sich so etwas überhaupt ausdenken sollte – und warum man sich als „braune Frauen“ freiwillig zur Zielscheibe machen sollte.

Allerdings ist es nicht das erste Mal, dass Naqvi mit schwerwiegenden Vorwürfen in Verbindung gebracht wird, deren Wahrheitsgehalt später bestritten wurde. Bereits 2019 hatte sie einen Professor der University of Illinois sexuellen Fehlverhaltens beschuldigt. Ein späterer Untersuchungsbericht stufte ihre Aussagen laut Medienberichten als „nicht glaubwürdig“ ein. In einem anderen Fall soll sie wegen einer falschen Polizeianzeige verurteilt worden sein; weitere Verfahren wegen mutmaßlich erfundener Vorwürfe endeten teils mit Freispruch, teils mit eingestellten Anklagen. Das ergibt noch kein abschließendes Urteil über ihre jetzigen Behauptungen – verschärft aber die Zweifel.

So bleibt von der anfänglich erschütternden Geschichte derzeit vor allem ein anderes Narrativ übrig: nicht das einer US-Bürgerin, die spurlos im Abschiebesystem verschwindet, sondern das einer möglicherweise inszenierten Opfererzählung, die auf ein politisch aufgeheiztes Umfeld traf – und dort sofort Glauben fand. Gerade weil die amerikanische Einwanderungspolitik tatsächlich immer wieder reale Missstände produziert, ist der Fall heikel. Denn jeder mutmaßlich erfundene Skandal liefert jenen Munition, die echte Vorwürfe gegen Behörden reflexhaft als Lüge abtun wollen.

Am Ende ist genau das vielleicht der größte Schaden dieses Falls: Wenn die Wahrheit zur politischen Waffe wird, glauben irgendwann beide Seiten nur noch, was ins eigene Weltbild passt.

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