Es gibt Menschen, die in Deutschland offenbar besonders gefährlich sind:
Menschen, die Dinge verändern wollen.
Kaum versucht jemand, einen großen Verband moderner, sichtbarer oder effizienter zu machen, beginnt zuverlässig das, was man in Deutschland traditionell „intensive Gespräche über alternative Lösungsansätze“ nennt. Übersetzt bedeutet das meistens:
Irgendwer möchte jemanden loswerden.
Diesmal trifft es Verena Bentele. Paralympics-Siegerin, Bundespräsidentin des VdK, öffentlich bekannt, medienerfahren, erfolgreich – also praktisch alles, was in traditionellen deutschen Verbandsstrukturen ungefähr dieselbe Wirkung hat wie ein E-Scooter im Schwarzwald.
Der deutsche Funktionär und die Angst vor Veränderung
Der Konflikt im VdK wirkt dabei fast wie eine perfekte Satire auf die deutsche Verbandskultur.
Da kommt eine Präsidentin und sagt sinngemäß:
„Vielleicht sollte ein Verband mit 2,3 Millionen Mitgliedern professioneller, moderner und sichtbarer werden.“
Und sofort reagieren Teile des Apparats ungefähr so, als hätte jemand vorgeschlagen, den Kaffeefilter abzuschaffen.
Plötzlich fallen Wörter wie:
„Zentralisierung“,
„Umstrukturierung“,
„moderner Führungsstil“.
In Deutschland sind das Kampfbegriffe. Fast so gefährlich wie „Digitalisierung“ oder „Online-Terminvergabe“.
Die große deutsche Tradition des Sitzungswiderstands
Besonders schön ist die Sprache solcher Konflikte.
Da heißt es nicht etwa:
„Wir mögen den Kurs nicht.“
Nein. Es heißt:
„Die bestehenden Entwicklungen und Differenzen lassen eine Fortsetzung der Zusammenarbeit im bisherigen Rahmen nicht mehr zu.“
Das klingt weniger nach Verbandsstreit und mehr nach einem NATO-Krisengipfel kurz vor dem Einsatz von Brieföffnern.
Man muss deutsche Funktionärssprache lieben. Niemand sagt jemals direkt, dass er genervt ist. Stattdessen formuliert man Sätze, die wirken, als seien sie von drei Verwaltungsjuristen und einem Meditationscoach gemeinsam geschrieben worden.
Verena Bentele macht leider ihren Job
Das eigentliche Problem scheint zu sein:
Verena Bentele macht ihren Job zu sichtbar.
Sie tritt öffentlich auf, spricht klar, wirkt modern und versucht offenbar tatsächlich, den Verband professioneller aufzustellen. Ein hochriskantes Verhalten im deutschen Vereins- und Verbandswesen, wo Veränderung oft nur akzeptiert wird, wenn sie langsam genug erfolgt, um erst nach der Pensionierung aller Beteiligten sichtbar zu werden.
Dabei hat Bentele eigentlich genau verstanden, was viele große Sozialverbände heute brauchen:
mehr Professionalität,
mehr Öffentlichkeit,
mehr Schlagkraft.
Denn soziale Themen gewinnen keine Aufmerksamkeit mehr allein durch Rundbriefe und belegte Brötchen im Gemeindezentrum.
Deutschlands geheime Parallelwelt: der Funktionärskosmos
Außenstehende unterschätzen oft, wie speziell große Verbände funktionieren.
Das ist eine eigene Welt aus Ausschüssen, Tagesordnungen, Sitzungsprotokollen und Menschen, die seit 27 Jahren denselben Aktenordner besitzen.
Veränderung wird dort ungefähr mit derselben Begeisterung aufgenommen wie Starkregen beim Grillfest.
Wenn dann plötzlich jemand kommt, der sagt:
„Wir müssen moderner werden“,
entsteht sofort Alarmstufe Beige.
Die paradoxe Angst vor Professionalität
Besonders bemerkenswert ist die Empörung darüber, dass ein Verband dieser Größe professionell geführt werden soll.
Der VdK vertritt Millionen Menschen:
Rentner,
Menschen mit Behinderung,
Pflegebedürftige,
sozial Benachteiligte.
Natürlich braucht so ein Verband professionelle Strukturen. Alles andere wäre absurd.
Aber in Deutschland existiert noch immer die romantische Vorstellung, große Organisationen könnten irgendwie nebenbei ehrenamtlich mit Excel-Tabellen von 2009 verwaltet werden.
Der eigentliche Skandal
Der eigentliche Skandal ist deshalb vielleicht gar nicht der Machtkampf selbst.
Sondern dass erfolgreiche Frauen in Führungspositionen in Deutschland oft noch immer deutlich härter beobachtet werden als ihre männlichen Kollegen.
Wenn Männer Verbände umbauen, nennt man das „strategische Neuausrichtung“.
Wenn Frauen dasselbe tun, ist plötzlich von „Zentralisierung“ und „umstrittenem Führungsstil“ die Rede.
Deutschland diskutiert gern über moderne Führungskultur – solange sie theoretisch bleibt.
Der Klassiker: erst holen, dann bekämpfen
Besonders ironisch:
Bentele wurde ausdrücklich geholt, um den Verband sichtbarer und moderner zu machen.
Nun scheint ein Teil des Apparats überrascht festzustellen, dass Modernisierung tatsächlich Veränderungen bedeutet.
Das ist ungefähr so, als würde man einen Sternekoch einstellen und sich anschließend beschweren, dass plötzlich gekocht wird.
Deutschland liebt Veränderung – solange sich nichts verändert
Der gesamte Vorgang erzählt deshalb viel über deutsche Organisationskultur.
Alle wollen Modernisierung.
Alle wollen Innovation.
Alle wollen Zukunftsfähigkeit.
Aber bitte möglichst ohne neue Strukturen, neue Prozesse oder neue Machtverhältnisse.
Am liebsten soll alles moderner werden, während gleichzeitig exakt alles so bleibt wie vorher.
Verena Bentele macht vieles richtig
Und genau deshalb wirkt der Streit fast unfreiwillig komisch.
Denn unabhängig von internen Konflikten hat Verena Bentele den VdK sichtbarer gemacht. Sie spricht Themen öffentlich an, bringt soziale Fragen in Medien und Politik ein und verleiht dem Verband eine Präsenz, die viele traditionelle Organisationen längst verloren haben.
Kurz gesagt:
Sie macht genau das, was eine Präsidentin eines großen Sozialverbands eigentlich tun sollte.
Und möglicherweise ist genau das für manche das eigentliche Problem.
Ich habe den Artikel mit großer Freude und Zustimmung gelesen. Spitze Feder! Chapeau!