Startseite Allgemeines Route 66 im Elektroauto: Wie sich Amerikas berühmteste Straße ohne Benzingeruch anfühlt
Allgemeines

Route 66 im Elektroauto: Wie sich Amerikas berühmteste Straße ohne Benzingeruch anfühlt

Alexas_Fotos (CC0), Pixabay
Teilen

Die Route 66 wird 100 Jahre alt – und ist inzwischen fast durchgängig mit dem E-Auto befahrbar. Doch was bleibt vom Mythos der „Mother Road“, wenn an die Stelle von Tankstellen Ladepunkte treten? Eine Fahrt zwischen Nostalgie, Reichweitenangst und amerikanischer Selbstinszenierung.

An einem verregneten Morgen in Chicago beginnt die Reise auf einer Straße, die in den USA längst mehr ist als Asphalt. Die Route 66, 1926 eröffnet, zieht sich über rund 4000 Kilometer von Illinois bis an den Pazifik nach Santa Monica. Sie ist Mythos, Kulisse, Versprechen: Freiheit, Aufbruch, Amerika.

Wer heute auf ihr unterwegs ist, bewegt sich durch ein nationales Erinnerungsarchiv. Zwischen Diners, Neonreklamen, Tankstellenmuseen und überdimensionierten Straßenfiguren scheint hier noch immer eine Zeit aufgehoben zu sein, in der das Auto nicht nur Fortbewegungsmittel war, sondern Lebensgefühl. Nur: Diesmal fehlt das sonore Brummen des Verbrenners. Stattdessen rollt ein Elektroauto lautlos aus Chicago hinaus.

Die Frage ist so banal wie symbolisch: Kann eine der archetypischen amerikanischen Autoreisen elektrisch funktionieren – und bleibt sie dabei dieselbe?

Eine Ikone im Umbruch

Lange war die Antwort klar: eher nicht. Die Route 66 galt zwar als Sehnsuchtsstrecke, aber nicht als ideale Teststrecke für Elektromobilität. Zu lang, zu ländlich, zu fragmentiert. Seit der Stilllegung 1985 existiert sie ohnehin nicht mehr als durchgehende Bundesstraße, sondern als Flickenteppich aus historischen Teilstücken, Umleitungen und Parallelverläufen.

Doch pünktlich zum 100. Geburtstag der Straße hat sich etwas verändert. In den vergangenen Jahren ist entlang der Strecke ein wachsendes Netz von Ladesäulen entstanden. Noch gibt es Lücken, besonders in dünn besiedelten Regionen. Aber die Strecke ist inzwischen in weiten Teilen elektrisch machbar – zumindest mit Planung, Geduld und einer gewissen Bereitschaft zum Improvisieren.

Das verändert nicht nur die Logistik. Es verändert den Charakter der Reise.

Der Anfang des Mythos – und seine neue Taktung

Für viele klassische Route-66-Reisende gehört das Tanken fast ritualhaft dazu: der Halt an der Zapfsäule, der Geruch von Benzin, der Kaffee im Pappbecher, der kurze Blick auf die Landkarte. Im E-Auto verschiebt sich dieses Ritual. Man fährt nicht einfach, bis der Tank leer ist, und biegt dann irgendwo ab. Man plant voraus, rechnet Reichweite, sucht Alternativen, hält Reserven ein.

Das klingt nüchtern, fast entzaubernd. Tatsächlich aber erzwingt das E-Auto eine andere Art des Reisens: langsamer, aufmerksamer, weniger zielgerichtet. Man verlässt häufiger die Hauptroute. Man nimmt Umwege in Kauf. Und genau darin liegt ein überraschender Reiz.

Wo der Verbrennerfahrer an der Tankstelle fünf Minuten verliert, verbringt der E-Autofahrer zwanzig, dreißig, manchmal sechzig Minuten an einem Ladepunkt. Diese Zeit muss gefüllt werden – mit Kaffee, Gesprächen, Umherblicken. Aus der technischen Notwendigkeit wird eine Form des Verweilens. Die Route 66, ohnehin nie nur Transitraum, sondern Bühne, gewinnt dadurch etwas zurück, was auf modernen Interstates fast verloren gegangen ist: Langsamkeit.

Amerikas Straßenrand als Freilichtmuseum

Schon die ersten Etappen durch Illinois zeigen, dass die Route 66 weniger durch ihre Fahrbahn als durch ihre Randzonen lebt. Da ist der „Gemini Giant“, ein 8,5 Meter hoher Astronaut aus Fiberglas in grünem Raumanzug – eine jener berühmten überlebensgroßen Werbefiguren, mit denen Restaurants und Werkstätten in den 1960er-Jahren Autofahrer anlockten. Heute steht er restauriert wie ein Denkmal aus einer optimistischeren Zukunft.

Oder Ambler’s Texaco Station in Dwight: eine ehemalige Tankstelle aus der Zeit der Depression, mit nostalgischen Zapfsäulen und postkartenhafter Fassade, längst außer Betrieb, heute ein kleines Museum. Vor ihr parkt nun ein E-Auto, das keine Zapfsäule mehr braucht. Das Bild ist fast zu symbolisch, um nicht inszeniert zu wirken: das alte Amerika der fossilen Mobilität, eingerahmt von der stillen Technik der Gegenwart.

Und doch wirkt der Kontrast nicht zerstörerisch. Im Gegenteil. Die historische Oberfläche dieser Reise bleibt erstaunlich intakt. Die Diner servieren noch immer Corn Dogs und Root Beer. Die Leuchtschilder flackern noch immer. Marilyn Monroe und James Dean stehen noch immer als Statuen vor Drive-ins. Der Kitsch ist nicht Nebensache, sondern das Material, aus dem der Mythos gebaut ist.

Laden statt tanken – und die neue Sozialität des Wartens

Das größte Missverständnis über E-Mobilität auf langen Strecken ist vielleicht, dass sie nur ein technisches Problem sei. In Wirklichkeit ist sie auch ein soziales.

An einem Casey’s General Store in Illinois etwa sind alle Schnelllader belegt. Mehrere Fahrzeuge warten. Wer tankt, bleibt meist anonym. Wer lädt, bleibt länger – und kommt ins Gespräch. Mit anderen Fahrern, mit Einheimischen, mit Menschen, die sonst nur vorbeiziehen würden.

Auf der Route 66 sind solche Gespräche Teil des Erlebnisses. Geschichten zirkulieren hier wie lokale Währungen. Fast an jeder Station gibt es Anekdoten über liegen gebliebene Autos, hilfsbereite Farmer und prominente Zufallsbekanntschaften. Einmal erzählt jemand von einer Familie mit Motorschaden, der ein Landwirt geholfen habe – und die sich am nächsten Tag mit einem neuen Fernseher bedankte. Angeblich geschickt von Nat King Cole.

Ob die Geschichte stimmt, ist fast nebensächlich. Auf der Route 66 zählt weniger Faktentreue als Erzählbarkeit. Die Straße lebt von Legenden, und das Warten an der Ladesäule schafft Raum für genau diese Form der Überlieferung.

Die neue Angst heißt nicht mehr Benzinmangel

Natürlich romantisiert sich eine E-Auto-Reise nicht von selbst. Die Probleme sind real. Reichweitenangst ist auf der Route 66 kein Marketingbegriff, sondern ein sehr konkretes Gefühl.

Gerade in ländlicheren Abschnitten kann die Infrastruktur abrupt ausdünnen. Tankstellen erscheinen auf dem Navigationsbildschirm selbstverständlich, Ladesäulen nicht immer. Dann kippt die entspannte Langsamkeit plötzlich in Nervosität. Ein Ladepunkt liegt 30 Kilometer abseits. Die Batterie sinkt. Das Navi rechnet. Man beginnt, den Bordcomputer häufiger anzusehen als die Landschaft.

Diese Momente gehören inzwischen ebenso zur elektrischen Route-66-Erfahrung wie früher die Sorge, irgendwo zwischen zwei Kleinstädten ohne Benzin liegen zu bleiben. Nur dass damals im Zweifel ein Kanister half – heute braucht es oft spezialisierte Hilfe.

Und doch: Auch das ist Teil der historischen Kontinuität. Die Route 66 war nie bequem. Sie war immer auch Straße der Pannen, der Umwege, der Improvisation. Nicht umsonst trug sie in manchen Abschnitten einst den düsteren Spitznamen „Bloody 66“, wegen enger Kurven und schlecht beleuchteter Landstraßen.

Der Mythos bleibt – nur der Klang verändert sich

Was also bleibt von der klassischen Route-66-Reise, wenn das Motorengeräusch verstummt?

Erstaunlich viel.

Die Route 66 war nie nur ein Verbrenner-Mythos. Sie war vor allem ein Mythos der Bewegung: des Unterwegsseins, des Suchens, des Anhaltens, des Erzählens. Das E-Auto zerstört diese Logik nicht. Es verschiebt sie nur. Es ersetzt die Tankstelle durch den Ladepunkt, den schnellen Halt durch das längere Verweilen, die spontane Rast durch kalkulierte Etappen.

Man könnte auch sagen: Das Elektroauto passt besser zur historischen Route 66, als man zunächst vermuten würde. Denn diese Straße belohnt nicht Effizienz, sondern Aufmerksamkeit. Wer sie nur „abarbeiten“ will, verfehlt sie ohnehin.

Hinzu kommt ein weiterer, weniger sentimentaler Aspekt: das Geld. Während ein Gallone Benzin in den 1960er-Jahren noch ein paar Dutzend Cent kostete, liegen die Preise heute deutlich höher. Die Kosten für lange Roadtrips mit klassischen Fahrzeugen sind spürbar gestiegen. Elektromobilität ist deshalb nicht nur eine ökologische, sondern zunehmend auch eine ökonomische Entscheidung.

Eine Straße für ein anderes Amerika

Die Route 66 war immer ein Spiegel amerikanischer Selbstbilder. Einst stand sie für industrielle Moderne, für den Aufstieg des Autos, für Expansion nach Westen. Heute könnte sie erneut zum Symbol werden – diesmal für ein Amerika, das seinen Mobilitätsmythos nicht aufgibt, sondern umbaut.

Das geschieht nicht geräuschlos im kulturellen Sinn. Es gibt Widerstände, Nostalgie, Skepsis. Gerade auf einer Straße wie dieser scheint das E-Auto für manche fast wie ein Stilbruch. Und doch zeigt die Reise: Der Bruch ist weniger radikal, als er wirkt.

Amerika inszeniert sich entlang der Route 66 seit jeher als Land, das Altes in Neues übersetzt, ohne die Erzählung ganz aufzugeben. Die riesigen Straßenskulpturen, die restaurierten Tankstellen, die Jubiläumsfeiern in Orten wie Pontiac – all das ist nicht Vergangenheit, sondern kuratierte Gegenwart. Das E-Auto fügt sich in diese Inszenierung ein. Nicht als Gegenmodell, sondern als nächste Schicht.

Die Mother Road bleibt damit, was sie immer war: eine Projektionsfläche. Nur dass auf ihr inzwischen nicht mehr nur Benzin verbrannt wird, sondern auch ein neues Versprechen getestet wird – jenes einer Mobilität, die leichteren Fußabdruck hinterlässt, ohne den Traum vom Aufbruch ganz aufzugeben.

Fazit:
Die Route 66 im Elektroauto fühlt sich anders an. Langsamer. Planvoller. Mitunter nervöser. Aber nicht weniger „echt“. Vielleicht sogar im Gegenteil: Wer laden muss, bleibt länger. Wer länger bleibt, sieht mehr. Und wer mehr sieht, versteht schneller, dass diese Straße nie nur vom Fahren lebte – sondern vom Anhalten.

1 Komment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Tumulte um Meisterfinale: Schottischer Verband stärkt Schiedsrichter Robertson den Rücken

Nach den chaotischen Szenen beim dramatischen Saisonfinale der Scottish Premiership hat sich...

Allgemeines

Ofcom schlägt Alarm: TikTok und YouTube laut britischer Medienaufsicht „nicht sicher genug“ für Kinder

Die britische Medienaufsicht Ofcom erhöht den Druck auf die großen Social-Media-Konzerne. In...

Allgemeines

NASCAR trauert um Kyle Busch – Rennsport-Legende stirbt mit nur 41 Jahren

Die Motorsport-Welt steht unter Schock: NASCAR-Star Kyle Busch ist im Alter von...

Allgemeines

Neuer zur WM – aber wie fit ist er wirklich noch? Ein Kommentar aus Sicht eines Nationalmannschafts-Fans

Manuel Neuer fällt also auch für das Pokalfinale aus. Wieder die Wade....