Nach dem aufsehenerregenden Mordprozess gegen den 19-jährigen Karmelo Anthony hat sich der zuständige Richter John Roach erstmals ausführlich geäußert. Seine Botschaft lässt sich ungefähr so zusammenfassen: „Mein Job ist ein faires Verfahren, nicht ein Beliebtheitswettbewerb.“
Anthony wurde am 9. Juni wegen der tödlichen Messerattacke auf den 17-jährigen Austin Metcalf bei einem Leichtathletik-Wettkampf in Frisco, Texas, schuldig gesprochen und zu 35 Jahren Haft verurteilt.
Kameraverbot? „War eine einfache Entscheidung“
Besonders viel Kritik hatte Richter Roach auf sich gezogen, weil er Kameras aus dem Gerichtssaal verbannte. Medien und Zuschauer beklagten, dadurch seien viele Informationen nur für diejenigen zugänglich gewesen, die einen Platz im Gerichtssaal ergattern konnten.
Roach zeigte wenig Reue.
„Es war eine einfache Entscheidung“, sagte er in einem Interview mit WFAA-TV.
Sein wichtigstes Ziel sei gewesen, sowohl der Staatsanwaltschaft als auch dem Angeklagten ein faires Verfahren zu garantieren.
„Ich weiß, dass ich damit einige Leute wütend gemacht habe. Aber ich bin auch nicht hier, um sie glücklich zu machen.“
Mit anderen Worten: Der Richter wollte lieber einen ruhigen Gerichtssaal als eine Mischung aus Netflix-Serie, Reality-TV und Social-Media-Debatte.
Urteil? „Die Jury hat ihren Job gemacht“
Auch das Urteil sorgte für Diskussionen. Unterstützer von Anthony sehen die Tat als Notwehr, während die Staatsanwaltschaft von einem ungerechtfertigten Angriff sprach.
Für Roach steht fest, dass die Jury korrekt entschieden hat.
„Sie wurden nach dem Gesetz ausgewählt, haben die Fakten gehört und ein Urteil gefällt.“
Die Geschworenen hätten Anthony theoretisch zwischen zwei Jahren Haft und lebenslanger Freiheitsstrafe geben können. Am Ende entschieden sie sich für 35 Jahre.
„Ein netter junger Mann, der ein Verbrechen begangen hat“
Besonders auffällig war eine Bemerkung des Richters über den Verurteilten.
„Er wirkt wie ein netter junger Mann.“
Gleichzeitig betonte Roach jedoch, dass Anthony ein Verbrechen begangen habe und nun die Konsequenzen tragen müsse.
Eine Formulierung, die ungefähr bedeutet: Man kann höflich sein, freundlich wirken und trotzdem schwerwiegende Fehler begehen.
Berufung bereits angekündigt
Anthony bestreitet weiterhin, vorsätzlich gehandelt zu haben, und hält an seiner Darstellung fest, aus Selbstverteidigung gehandelt zu haben. Seine Anwälte haben bereits Berufung angekündigt.
Die Verteidigung sieht mehrere Punkte, die ihrer Ansicht nach von höheren Gerichten überprüft werden sollten.
Der Richter geht bald in Rente
Nach mehr als 20 Jahren auf der Richterbank will Roach in etwa sechs Monaten in den Ruhestand gehen. Vorher wird er voraussichtlich noch ein oder zwei weitere Tötungsdelikte verhandeln.
Obwohl diese Verfahren wahrscheinlich deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten werden, macht das für ihn keinen Unterschied.
„Der Parkplatz wird nicht voll sein. Die Zuschauertribüne wird nicht voll sein. Aber trotzdem ist jemand gestorben und jemand wird beschuldigt, die Tat begangen zu haben.“
Eine nüchterne Erinnerung daran, dass nicht jeder Gerichtsfall Schlagzeilen macht – für die Beteiligten aber jeder einzelne von enormer Bedeutung ist.
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