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„Replaced“: Dieses Cyberpunk-Spiel hat keine Eile – und genau das ist sein Reiz

madartzgraphics (CC0), Pixabay
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Dystopien gibt es im Gaming zuhauf. Konzernhöllen, Neonlicht, kaputte Gesellschaften – das alles ist längst Standardinventar des Cyberpunk-Genres. Doch nur selten sieht ein Spiel dabei so stilbewusst aus wie „Replaced“. Das neue Action-Adventure der ursprünglich aus Belarus stammenden Sad Cat Studios ist eine audiovisuelle Wucht, ein düsterer Pixeltraum zwischen Verfall, Stahl und Kunstlicht. Und zugleich ein Spiel, das mit seiner demonstrativen Langsamkeit aneckt.

Denn „Replaced“ will nicht hetzen. Es will wirken.

Das beginnt schon beim Setting. Statt der üblichen hypermodernen Megacity zeigt das Spiel eine alternative Version der 1980er-Jahre: keine gläsernen Wolkenkratzer der Zukunft, sondern schummrige Konzernkomplexe, marode U-Bahnstationen, rostige Schächte und endlose Industrieflure. Es ist ein Cyberpunk, der nicht geschniegelt glänzt, sondern nach Öl, Beton und abgestandener Luft riecht.

Im Zentrum steht der Wissenschaftler Warren Marsh, der einst die künstliche Intelligenz REACH erschaffen hat – und nach einem bizarren Zwischenfall plötzlich mit ihr verschmolzen zu sein scheint. Oder von ihr ersetzt wurde. Daher der Titel. Von diesem Moment an beginnt die Flucht vor jener Corporation, die seit den 1950er-Jahren vorgibt, die Welt in eine Utopie verwandeln zu wollen – und in Wahrheit offenbar das Gegenteil geschaffen hat.

Das klingt vertraut. Ist es auch. Wirklich neu ist an „Replaced“ weder die Grundidee noch das Vokabular seiner Geschichte. Konzerne sind böse, Technologie entmenschlicht, Identität zerfällt – all das kennt man. Aber selten wurde dieses bekannte Material so formvollendet in Szene gesetzt.

Denn visuell ist „Replaced“ ein Ereignis. Die 2D-Pixelgrafik ist nicht bloß Retro-Zitat, sondern fast schon ein Kunstobjekt. Die Figuren und Umgebungen wirken auf mehreren Ebenen geschichtet, jede Szene ist mit einer fast übertriebenen Liebe zum Detail gebaut. Besonders die Lichtstimmung ist spektakulär: Neonreflexe, Schatten, Gegenlicht, flackernde Industriebeleuchtung – oft wirkt das Spiel weniger wie ein klassischer Sidescroller als wie eine aufwendig komponierte Theaterbühne. Man ertappt sich dabei, einzelne Bilder am liebsten anzuhalten.

Auch die Hauptfigur ist in ihrer Art herrlich klischeehaft: groß, hager, langer Mantel, Haare im Gesicht – irgendwo zwischen Goth-Frontmann und dystopischem Außenseiter. Nicht originell, aber passend. „Replaced“ weiß ziemlich genau, welche Bilder es bedienen will – und macht daraus keinen Hehl.

Spielerisch pendelt das Ganze zwischen zwei Polen: Kampf und Fortbewegung. In den Prügelsequenzen tritt man in kleinen Arenen gegen mehrere Gegner an, schlägt, kontert, weicht aus, bewegt sich akrobatisch durch die Szenerie. Dazwischen dominieren Kletter-, Sprung- und Erkundungsabschnitte: kaputte Gebäude, Rohre, Schächte, Vorsprünge. Oft geht es darum, den richtigen Weg durch die zerfallene Architektur zu finden.

Ganz reibungslos ist das nicht immer. Gerade bei den Plattform-Passagen kann „Replaced“ ins Trial-and-Error kippen, weil nicht in jeder Situation sofort klar ist, wo genau ein Sprung greifen soll oder an welcher Kante sich die Figur festhalten kann. Das kann frustrieren – vor allem für Spieler, die in solchen Spielen eher Präzision als Atmosphäre suchen.

Und genau hier verläuft auch die eigentliche Trennlinie. „Replaced“ ist ein Spiel, das sich Zeit nimmt. Animationen sind nicht hektisch, Bewegungen wirken bewusst verlangsamt, Schläge haben Gewicht, Sprünge Wucht. Das Spiel fühlt sich nie wirklich stressig an – selbst dann nicht, wenn es in Kämpfen oder Fluchtmomenten gefährlich wird. Diese reduzierte Geschwindigkeit wirkt nicht träge im technischen Sinn, sondern fast inszenatorisch: als wolle das Spiel sagen, dass jeder Schritt, jeder Treffer, jeder Blick sitzen soll.

Für manche ist das ein Segen. Für andere ein Problem.

Ein Blick auf Rezensionen bei Steam oder Metacritic zeigt: Nicht alle mögen diesen entschleunigten Rhythmus. Gerade jüngere Spielerinnen und Spieler, die an schnellere, direktere und systemisch dichtere Games gewöhnt sind, empfinden „Replaced“ teils als zäh. Kritisiert werden dann mangelnde Originalität, erzählerische Vorhersehbarkeit und ein Spielgefühl, das mehr auf Wirkung als auf Tempo setzt.

Und tatsächlich: Wer in erster Linie mechanische Raffinesse oder narrative Revolution erwartet, dürfte hier nicht voll auf seine Kosten kommen. „Replaced“ ist kein radikaler Genreumsturz. Es ist eher eine sehr selbstbewusste Neuinterpretation alter Tugenden.

Gerade deshalb dürfte es bei älteren Spielerinnen und Spielern besonders gut funktionieren. Das Spiel erinnert spürbar an die großen cinematic platformers der 90er-Jahre – vor allem an Titel wie „Flashback“. Diese Mischung aus stilisierter Bewegung, filmischer Präsentation und leicht sperriger Oldschool-Dramaturgie steckt tief in „Replaced“. Man könnte fast sagen: Das Spiel ist ein Liebesbrief an jene Zeit, in der Spiele noch nicht jede Sekunde belohnen mussten, sondern auch einfach mal Stimmung aufbauen durften.

Damit wird „Replaced“ fast automatisch zu einem jener Spiele, die heute gern halb ironisch als „Unc-Game“ bezeichnet werden – ein Titel also, der bei Ü40-Spielern nostalgische Glücksgefühle auslöst, während jüngere Generationen sich fragen, warum das alles nicht ein bisschen flotter, klarer und „snappier“ sein kann.

Doch vielleicht liegt genau darin seine Stärke.

Denn „Replaced“ will gar nicht jedem gefallen. Es setzt auf Atmosphäre statt Effizienz, auf Stil statt Spektakel, auf Gewicht statt Dauerfeuer. Das ist mutig in einer Zeit, in der viele Spiele ihre Spieler permanent bei Laune halten wollen. Dieses hier sagt stattdessen: Schau hin. Geh langsamer. Lass das Bild wirken.

Unterm Strich bleibt deshalb ein ungewöhnlich konsequentes Cyberpunk-Spiel, das weniger durch Innovation glänzt als durch Haltung. Es erzählt keine völlig neue Geschichte, aber es erzählt sie mit einer visuellen Klasse, die in diesem Genre selten geworden ist. Wer sich auf das entschleunigte Tempo einlässt, bekommt ein oldschooliges Action-Abenteuer, das nicht nur hervorragend aussieht, sondern auch angenehm aus der Zeit gefallen wirkt.

Oder anders gesagt: „Replaced“ ist vielleicht nicht das schnellste Spiel des Frühlings – aber ziemlich sicher eines der schönsten.

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