Die relevante Anleihe ist die Green EUR Bond 2021/2027, ISIN DE000A3KWKY4, mit einem Nominalzins von 6,50 % p. a. und ursprünglicher Fälligkeit am 22. November 2027. Das derzeit ausstehende Volumen beträgt rund 78,77 Mio. Euro.
Das zentrale Problem: Photon Energy konnte inzwischen drei quartalsweise Zinszahlungen nicht fristgerecht leisten – die Kupons vom Februar, Mai und August 2026 wurden aufgeschoben. Das Unternehmen begründet dies mit Liquiditätsengpässen auf Gruppenebene. Gleichzeitig laufen Vorbereitungen für eine Restrukturierung der Anleihe.
Damit ist die Anleihe aus meiner Sicht keine normale 6,5-%-Unternehmensanleihe mehr, sondern faktisch ein Restrukturierungsinvestment mit entsprechend hohem Risiko.
Das Positive: Das operative Geschäft verbessert sich
Interessanterweise sieht das operative Geschäft wesentlich besser aus, als es die Situation der Anleihe zunächst vermuten lässt.
Im zweiten Quartal 2026 erzielte Photon Energy einen Umsatz von 28,38 Mio. Euro, ein Plus von 10,4 % gegenüber dem Vorjahresquartal. Das EBITDA hat sich von 2,84 Mio. Euro auf 5,77 Mio. Euro mehr als verdoppelt.
Auch der Nettoverlust ging erheblich zurück: von 3,26 Mio. Euro im zweiten Quartal 2025 auf nur noch 363.000 Euro im zweiten Quartal 2026.
Das ist wichtig: Photon Energy ist also nicht einfach ein Unternehmen, dessen operatives Geschäft vollständig zusammengebrochen ist.
Es gibt durchaus einen funktionierenden Geschäftsbetrieb und eine erkennbare Verbesserung.
Aber: Die Bilanz und Liquidität sind das Problem
Für einen Anleihegläubiger ist allerdings nicht nur entscheidend, ob Solaranlagen Strom produzieren und EBITDA erwirtschaftet wird.
Entscheidend ist:
Ist genügend Liquidität vorhanden, um Zinsen und letztlich die Anleihe zurückzuzahlen?
Und genau dort liegt das Problem.
Zum 30. Juni 2026 betrug das Eigenkapital rund 51,68 Mio. Euro. Die nach den Anleihebedingungen berechnete Eigenkapitalquote lag laut Photon Energy bei lediglich 23,2 % beziehungsweise bei 25,0 %, wenn die regulatorische Ausnahmeregelung berücksichtigt wird.
Hinzu kommt ein weiteres Warnsignal aus Polen. Eine Tochtergesellschaft aus dem Energiehandel beantragte Ende März 2026 Insolvenz. Hintergrund war ein Streit mit dem polnischen Übertragungsnetzbetreiber PSE und daraus resultierende Liquiditätsprobleme. Photon Energy betonte allerdings, dass dies auf die betreffende polnische Handelsgesellschaft begrenzt sei.
Die drei ausgefallenen bzw. verschobenen Kupons sind für mich das größte Warnsignal
Hier würde ich als Anleger nicht lange um den heißen Brei herumreden.
Ein Unternehmen, das bei einer Anleihe mit rund 78,8 Mio. Euro ausstehendem Volumen seine laufenden Zinsen nicht mehr vertragsgemäß bedienen kann, hat ein ernsthaftes Finanzierungsproblem.
Bereits die am 23. Mai fällige Zinszahlung von 1.282.450 Euro wurde nicht fristgerecht gezahlt. Photon Energy erklärte damals ausdrücklich, die eigene Liquiditätsposition zu überprüfen und an einer umfassenden Lösung zur Stabilisierung der finanziellen Situation zu arbeiten.
Inzwischen sind sogar die Kupons von Februar, Mai und August 2026 aufgeschoben.
Das verändert die Risikobewertung erheblich.
Was passiert jetzt?
Photon Energy bereitet eine Restrukturierung der Anleihe vor. Dabei soll unter anderem ein Independent Business Review (IBR) durchgeführt werden.
Das ist grundsätzlich sinnvoll. Ein unabhängiger Gutachter soll die finanzielle Lage, die Geschäftsaussichten und mögliche Restrukturierungsoptionen untersuchen.
Außerdem sollen die Anleihegläubiger einen gemeinsamen Vertreter erhalten, der ihre Interessen während des Prozesses wahrnimmt.
Wichtig ist allerdings: Bislang liegt noch kein endgültiger Restrukturierungsvorschlag vor. Die für September vorgesehene Abstimmung betrifft zunächst vorbereitende Maßnahmen und noch nicht die Zustimmung zu einem konkreten Schuldenschnitt oder neuen Rückzahlungsplan.
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Was könnte auf Anleihegläubiger zukommen?
Derzeit kann niemand seriös sagen, wie die endgültige Lösung aussehen wird. Denkbar wären beispielsweise eine Verlängerung der Laufzeit, eine Verschiebung der Zinszahlungen, ein veränderter Kupon, eine teilweise Rückzahlung mit späteren weiteren Zahlungen oder – im schlechteren Fall – ein teilweiser Forderungsverzicht.
Welche dieser Varianten tatsächlich vorgeschlagen wird, ist derzeit offen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr:
„Bekomme ich 6,5 % Zinsen?“
Sondern:
„Welchen Anteil meines Kapitals und der ausstehenden Zinsen bekomme ich wann zurück?“
Das ist eine völlig andere Investmentthese.
Meine derzeitige Risikoeinschätzung
| Punkt | Einschätzung |
|---|---|
| Operatives Geschäft | 🟡 verbessert |
| Umsatzentwicklung | 🟢 positiv |
| EBITDA-Entwicklung | 🟢 deutlich verbessert |
| Profitabilität | 🟡 noch nicht überzeugend |
| Liquidität | 🔴 kritisch |
| Kuponzahlungen | 🔴 drei Zahlungen aufgeschoben |
| Anleiherückzahlung 2027 | 🔴 derzeit unsicher |
| Restrukturierung | 🔴 bereits in Vorbereitung |
| Totalverlustrisiko | 🔴 vorhanden |
| Chance auf erhebliche Rückzahlung | 🟡 durchaus vorhanden |
Der letzte Punkt ist wichtig. Ich würde Photon Energy derzeit nicht automatisch mit einem Totalverlust gleichsetzen.
Dafür sprechen das vorhandene operative Geschäft, die Vermögenswerte und insbesondere die deutliche Verbesserung des EBITDA.
Aber genauso falsch wäre es, die Anleihe weiterhin wie eine gewöhnliche Mittelstandsanleihe mit 6,5 % Verzinsung zu betrachten.
Wenn ich die Anleihe bereits besitzen würde
Dann würde ich im Moment nicht allein aufgrund der Schlagzeile „Restrukturierung“ verkaufen.
Ich würde zunächst sehr genau beobachten, was der Independent Business Review ergibt und welchen konkreten Restrukturierungsvorschlag Photon Energy den Gläubigern anschließend vorlegt.
Denn für einen bestehenden Anleger ist jetzt letztlich eine Recovery-Rechnung entscheidend.
Ein einfaches Beispiel:
Bei 100.000 Euro Nominalwert macht es einen enormen Unterschied, ob eine Restrukturierung am Ende beispielsweise zu 90.000 Euro Rückzahlung mit längerer Laufzeit führt oder ob lediglich 50.000–60.000 Euro realisierbar wären.
Entsprechend wichtig ist auch der aktuelle Börsenkurs der Anleihe. Wer beispielsweise zu 40 % verkauft, realisiert sofort einen Verlust von 60 %. Dann müsste man überzeugt sein, dass der wirtschaftliche Rückgewinnungswert im Restrukturierungsverfahren unter 40 % liegt.
Umgekehrt kann ein sehr niedriger Börsenkurs nicht automatisch als Kaufgelegenheit betrachtet werden. Er spiegelt gerade das erhebliche Ausfall- und Restrukturierungsrisiko wider.
Mein Fazit
Photon Energy ist momentan ein interessanter, aber ausgesprochen schwieriger Fall.
Das operative Geschäft zeigt echte Lebenszeichen: Umsatz steigt, EBITDA hat sich deutlich verbessert und der Nettoverlust ist stark zurückgegangen.
Auf der anderen Seite steht jedoch die wesentlich wichtigere Tatsache, dass drei Kuponzahlungen aufgeschoben wurden und eine Restrukturierung der 78,77-Millionen-Euro-Anleihe vorbereitet wird.
Für einen Neueinstieg wäre mir das momentan zu spekulativ, solange der konkrete Restrukturierungsplan und insbesondere der Independent Business Review nicht vorliegen.
Für einen bestehenden Anleihegläubiger wäre meine Haltung differenzierter: nicht panisch handeln, aber die Situation als ernsthaften Restrukturierungsfall betrachten und die kommenden Gläubigerentscheidungen sehr genau verfolgen.
Photon Energy – offizielle Informationen zur Anleihe und Gläubigerabstimmung
Photon Energy – aktuelle Finanzberichte
Gerade bei Photon Energy würde sich eine laufende Überwachung lohnen, weil der Restrukturierungsvorschlag und die Gläubigerabstimmungen für den Wert der Anleihe entscheidend werden.
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