Von Bankanleihen über eine Fußball-Anleihe bis zu milliardenschweren UBS-Papieren: Seit dem 12. September 2026 ist am Kapitalmarkt in Deutschland, Österreich und der Schweiz einiges in Bewegung. Wir haben die auffälligen neuen Emissionen und Kapitalmaßnahmen untersucht – und ordnen das Risiko ein.
Der September macht seinem Ruf als geschäftiger Kapitalmarktmonat alle Ehre.
In Deutschland kommen neue Bankanleihen auf den Markt und Unternehmen beschaffen sich frisches Eigenkapital. In Österreich bereitet ausgerechnet ein Fußballverein eine neue Publikumsanleihe vor. Und in der Schweiz hat UBS ein milliardenschweres Paket neuer Schuldverschreibungen aufgelegt.
Dabei gilt jedoch:
Hoher Kupon bedeutet nicht automatisch gutes Investment.
Im Gegenteil. Meist bezahlt der Kapitalmarkt höhere Zinsen deshalb, weil Anleger zusätzliche Risiken übernehmen.
Unsere Risikoskala reicht deshalb von niedrig über moderat und erhöht bis hoch und sehr hoch. Sie berücksichtigt insbesondere Emittentenrisiko, Rang der Forderung, Laufzeit, Währung, Liquidität und Struktur des Produkts.
Deutschland: LBBW bringt mehrere neue Festzinsanleihen
Zu den auffälligsten deutschen Neuemissionen gehören derzeit mehrere Papiere der Landesbank Baden-Württemberg.
An der Börse Stuttgart wurden zum 16. September unter anderem folgende neue LBBW-Anleihen aufgeführt:
3,05 Prozent mit Laufzeit bis September 2028,
3,29 Prozent bis September 2028,
3,43 Prozent bis September 2029
und 3,59 Prozent bis September 2031.
Die Börse Stuttgart führt sie ausdrücklich unter den angekündigten Neuemissionen beziehungsweise Neueinführungen.
Risikoeinstufung: MODERAT
Bei klassischen Bankanleihen ist zunächst das Kreditrisiko des Emittenten entscheidend. Hinzu kommt das Zinsänderungsrisiko: Steigen die Marktzinsen weiter, können bereits ausgegebene Festzinsanleihen an Wert verlieren.
Wer bis zur Fälligkeit hält und vollständig zurückgezahlt wird, für den sind zwischenzeitliche Kursschwankungen weniger entscheidend. Wer vorher verkaufen muss, kann dagegen Verluste erleiden.
Außerdem ist eine Anleihe keine Spareinlage. Anleger sollten deshalb bei jedem einzelnen Papier prüfen, welchen Rang es besitzt und ob besondere Bail-in-Regelungen relevant sind.
Redaktionelle Einschätzung: moderates Risiko, sofern es sich um eine gewöhnliche vorrangige LBBW-Anleihe ohne zusätzliche Strukturmerkmale handelt. Die endgültigen Bedingungen des jeweiligen Papiers bleiben entscheidend.
E.ON mit neuer AUD-Anleihe
Ebenfalls seit dem 16. September im Handel befindet sich eine E.ON-Anleihe in australischen Dollar mit einem Kupon von 6,072 Prozent und einer Laufzeit bis September 2032.
6,072 Prozent klingt für einen europäischen Anleger zunächst wesentlich attraktiver als drei oder vier Prozent.
Doch hier steckt ein zusätzlicher Faktor im Produkt:
die Währung.
Wer in Euro rechnet und eine AUD-Anleihe kauft, investiert gleichzeitig indirekt in die Entwicklung des australischen Dollars.
Risikoeinstufung: ERHÖHT
Nicht unbedingt wegen E.ON allein, sondern wegen der Kombination aus Unternehmens-, Zins- und Wechselkursrisiko.
Der australische Dollar kann gegenüber dem Euro steigen – dann profitiert ein Euro-Anleger zusätzlich.
Er kann aber auch deutlich fallen.
Dann kann ein schöner Kupon durch Währungsverluste teilweise oder vollständig aufgezehrt werden.
Für Anleger, deren Vermögen und Ausgaben überwiegend in Euro anfallen, ist dieses Papier deshalb wesentlich komplexer als eine vergleichbare Euro-Anleihe.
Redaktionelle Einschätzung: erhöhtes Risiko für Euro-Anleger.
DEUTZ beschafft sich neues Eigenkapital
Bei DEUTZ ging es nicht um eine klassische Anleihe.
Der Kölner Motorenhersteller hat am 15. September eine Kapitalerhöhung abgeschlossen. Im Rahmen eines beschleunigten Platzierungsverfahrens wurden 15.263.810 neue Aktien ausgegeben. Das Bezugsrecht bestehender Aktionäre war ausgeschlossen.
Das ist wichtig:
Hier handelt es sich nicht um ein gewöhnliches neues Publikumsangebot, bei dem Privatanleger gemütlich einige Wochen zeichnen konnten, sondern um eine schnelle Kapitalmarkttransaktion beziehungsweise Privatplatzierung.
Risikoeinstufung der DEUTZ-Aktie: ERHÖHT
Aktien besitzen grundsätzlich kein Rückzahlungsversprechen wie eine klassische Anleihe.
Die Kapitalerhöhung stärkt zwar zunächst die Eigenkapitalbasis beziehungsweise bringt dem Unternehmen zusätzliches Kapital. Für bestehende Aktionäre bedeutet die Ausgabe zusätzlicher Aktien aber zugleich eine Verwässerung ihrer bisherigen Beteiligungsquote, sofern sie nicht entsprechend zukaufen konnten.
Ob die Kapitalmaßnahme langfristig Wert schafft, hängt entscheidend davon ab, was DEUTZ mit dem neuen Geld erwirtschaftet.
Redaktionelle Einschätzung: erhöhtes Aktienrisiko.
elumeo: Kapitalerhöhung um bis zu 14,3 Prozent
Noch frischer ist die Nachricht von elumeo.
Der Verwaltungsrat des Berliner Schmuckunternehmens beschloss am 16. September eine Barkapitalerhöhung von bis zu 14,3 Prozent des bisherigen Grundkapitals. Auch hier sollen die Bezugsrechte der bestehenden Aktionäre ausgeschlossen werden.
Gleichzeitig plant elumeo den Wechsel in das Scale-Segment.
Risikoeinstufung: HOCH
Bei kleineren börsennotierten Gesellschaften kommen mehrere Faktoren zusammen.
Geringere Unternehmensgröße, oftmals niedrigere Handelsliquidität, stärkere Kursschwankungen und eine höhere Abhängigkeit von einzelnen Geschäftsbereichen können das Risiko gegenüber großen Standardwerten deutlich erhöhen.
Die Kapitalerhöhung selbst ist weder automatisch positiv noch negativ. Entscheidend ist, wofür das Kapital eingesetzt wird und welche Rendite daraus künftig erwirtschaftet werden kann.
Für bestehende Aktionäre ist zudem die Verwässerung relevant.
Redaktionelle Einschätzung: hohes Risiko.
Österreich: Rapid Wien geht an den Kapitalmarkt
Das wahrscheinlich ungewöhnlichste neue Angebot kommt aus Österreich.
Die SK Rapid GmbH hat am 15. September ihre Rapid Anleihe 2026/2030 angekündigt.
Die Zeichnung soll am 22. September 2026 um 11 Uhr beginnen und spätestens am 15. November enden.
Geplant sind:
4,0 Prozent Zinsen pro Jahr
Laufzeit bis 15. Dezember 2030
Mindestanlage 1.000 Euro
Emissionsvolumen maximal 1,999 Millionen Euro.
Das eingesammelte Geld soll nach Angaben des Vereins insbesondere in den Frauen- und Mädchenfußball sowie in die Talententwicklung fließen.
Risikoeinstufung: HOCH
Und hier sollte bei aller Fußballbegeisterung zwischen Fan und Anleger unterschieden werden.
Wer eine Rapid-Anleihe kauft, kauft keinen Anteil am Verein und auch keine Eintrittskarte.
Er wird Gläubiger der SK Rapid GmbH.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Bin ich Rapid-Fan?“
Sondern:
„Kann die Emittentin Zinsen und Kapital vollständig und fristgerecht zurückzahlen?“
Vier Prozent Verzinsung sind keineswegs mit vier Prozent auf einem Bankkonto vergleichbar. Eine Unternehmensanleihe unterliegt dem Ausfallrisiko des Emittenten und fällt nicht einfach unter die klassische Einlagensicherung eines Sparguthabens.
Hinzu kommt bei einer relativ kleinen Emission von knapp zwei Millionen Euro ein mögliches Liquiditätsrisiko.
Wer vorzeitig aussteigen möchte, sollte nicht selbstverständlich davon ausgehen, jederzeit einen Käufer zu einem attraktiven Preis zu finden.
Redaktionelle Einschätzung: hohes Risiko.
Für Fans mag zusätzlich ein emotionaler Wert bestehen. Für die finanzielle Risikobeurteilung darf dieser allerdings keine Rolle spielen.
Österreich: Neue Erste-Group-Anleihe
Seit dem 15. September wird außerdem eine neue Schuldverschreibung der Erste Group Bank AG geführt.
Das Papier mit der ISIN XS3510870648 besitzt laut den verfügbaren Emissionsdaten ein maximales Volumen von 120 Millionen Euro und läuft lediglich bis zum 15. März 2027.
Risikoeinstufung: MODERAT – Struktur genau prüfen
Die kurze Restlaufzeit reduziert grundsätzlich das Zinsänderungsrisiko gegenüber lang laufenden Anleihen erheblich.
Das bedeutet aber nicht automatisch „sicher“.
Entscheidend sind unter anderem Rang, konkrete Ausgestaltung, Rückzahlungsbedingungen und Emittentenrisiko. Vor einem Investment müssten deshalb die endgültigen Emissionsbedingungen geprüft werden.
Redaktionelle Einschätzung auf Basis der verfügbaren Eckdaten: moderat, vorbehaltlich der konkreten Anleihebedingungen.
Vorsicht bei strukturierten Produkten: 6,60 Prozent auf Infineon
Interessant ist außerdem ein strukturiertes Produkt der Erste Bank auf die Infineon-Aktie.
Die 6,60-Prozent-Fix-Coupon-Express-Anleihe auf Infineon Technologies besitzt eine finale Rückzahlungsbarriere von 50 Prozent.
Das klingt zunächst nach komfortablem Sicherheitspuffer.
Aber die Konstruktion hat einen Preis.
Liegt die Infineon-Aktie am letzten Bewertungstag unter der Barriere, können Anleger Kapitalverluste erleiden. Laut Produktinformation ist sogar ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals möglich.
Gleichzeitig ist der mögliche Ertrag nach oben begrenzt. Selbst wenn Infineon stark steigt, ist die Rendite des Produkts gedeckelt. Hinzu kommt das Emittentenrisiko der Erste Bank.
Risikoeinstufung: HOCH
Das ist kein klassischer Sparbrief mit 6,60 Prozent Verzinsung.
Es handelt sich um ein strukturiertes Wertpapier mit Aktienmarkt-, Emittenten-, Liquiditäts- und gegebenenfalls Rückzahlungsrisiken.
Der Anleger verzichtet zudem auf einen Teil des unbegrenzten Kurspotenzials der Aktie und erhält dafür den Coupon sowie einen Risikopuffer.
Redaktionelle Einschätzung: hohes Risiko.
Schweiz: UBS nimmt sechs Milliarden Dollar auf
In der Schweiz sticht vor allem eine Großemission der UBS Group hervor.
UBS hat Schuldverschreibungen über insgesamt sechs Milliarden US-Dollar in drei Tranchen begeben:
2,25 Milliarden Dollar mit Fälligkeit 2031,
2 Milliarden Dollar mit Fälligkeit 2034
und 1,75 Milliarden Dollar mit Fälligkeit 2047.
Es handelt sich um Fixed-/Floating-Rate Callable Senior Notes. Die Papiere sind zudem bail-in-fähig und sollen auf die sogenannten Gone-Concern-Kapitalanforderungen der UBS angerechnet werden.
Eine Zulassung zum Handel beziehungsweise Listing an der SIX Swiss Exchange wurde beantragt.
Risikoeinstufung: ERHÖHT
Hier darf das Wort „Senior“ nicht zu einem falschen Sicherheitsgefühl führen.
Die Bail-in-Fähigkeit ist entscheidend.
Gerät eine systemrelevante Bank in eine schwere Krise beziehungsweise Abwicklungssituation, können entsprechende Instrumente zur Verlustabsorption herangezogen werden.
Für einen Euro- oder Franken-Anleger kommt bei diesen US-Dollar-Papieren außerdem ein Währungsrisiko hinzu.
Und bei einer Laufzeit bis 2047 ist das Zinsänderungsrisiko erheblich größer als bei einem Papier, das bereits 2028 fällig wird.
Redaktionelle Einschätzung: erhöhtes Risiko, bei der sehr lang laufenden 2047er-Tranche zusätzlich erhöhtes Zinsänderungsrisiko.
Schweiz: Vorsicht vor extrem hohen Kupons
Am deutschen Markt sind seit dem 16. September außerdem drei Anleihen der in Luxemburg ansässigen Altius Securitisation S.A. mit Schweizer ISINs gelistet.
Die Kupons fallen sofort auf:
11,00 Prozent in Euro
8,75 Prozent in Schweizer Franken
und sogar
12,75 Prozent in US-Dollar.
Alle drei Papiere laufen lediglich bis September 2027.
Risikoeinstufung: SEHR HOCH – ohne Detailprüfung kein Investment
Hier gilt eine der wichtigsten Regeln am Kapitalmarkt:
Zweistellige Verzinsung gibt es normalerweise nicht als Geschenk.
Ein Coupon von elf oder fast 13 Prozent sollte für Anleger zunächst ein Anlass sein, die Struktur des Produkts, Sicherheiten, zugrunde liegende Vermögenswerte, Rang, Emittentenbonität, Rückzahlungsmechanismus und Liquidität besonders gründlich zu untersuchen.
Allein anhand der Börsenübersicht lässt sich die wirtschaftliche Struktur dieser Papiere nicht ausreichend beurteilen.
Deshalb wäre es unseriös, aus dem hohen Coupon eine attraktive Renditechance abzuleiten.
Im Gegenteil:
Solange die vollständigen Bedingungen und die zugrunde liegenden Risiken nicht analysiert wurden, lautet unsere vorsichtige redaktionelle Einstufung:
sehr hohes beziehungsweise derzeit nicht ausreichend transparent beurteilbares Risiko.
Was derzeit auffällt: Anleger bekommen wieder höhere Kupons
Das allgemeine Marktumfeld hat sich verändert.
Die LBBW weist darauf hin, dass die Renditen an den globalen Anleihemärkten zuletzt deutlich gestiegen sind. Bei neuen Euro-Unternehmensanleihen lagen die Kupons in der vergangenen Woche überwiegend oberhalb von vier Prozent. Gleichzeitig seien neue Corporate Bonds im Durchschnitt ungefähr dreifach überzeichnet gewesen.
Für Anleger ist das grundsätzlich interessant.
Nach Jahren extrem niedriger Zinsen lassen sich wieder nennenswerte laufende Renditen erzielen.
Aber gerade deshalb muss zwischen drei Dingen unterschieden werden:
Kupon, Rendite und Risiko.
Ein Papier mit zwölf Prozent Coupon ist nicht automatisch attraktiver als eines mit drei Prozent.
Die zusätzlichen neun Prozentpunkte sind häufig schlicht die Bezahlung dafür, dass der Anleger erheblich größere Risiken übernimmt.
Unser Risikoüberblick
LBBW-Festzinsanleihen: MODERAT
Klassisches Emittenten- und Zinsänderungsrisiko; konkrete Rangstellung des jeweiligen Papiers prüfen.
E.ON AUD-Anleihe 6,072 %: ERHÖHT
Zusätzliches AUD/EUR-Währungsrisiko.
DEUTZ-Aktie nach Kapitalerhöhung: ERHÖHT
Aktien-, Unternehmens- und Verwässerungsrisiko.
elumeo nach Kapitalerhöhung: HOCH
Small-Cap-, Liquiditäts-, Unternehmens- und Verwässerungsrisiko.
Rapid Anleihe 2026/2030, 4 %: HOCH
Unternehmens- und Ausfallrisiko sowie möglicherweise eingeschränkte Liquidität.
Erste-Group-Kurzanleihe bis März 2027: MODERAT
Kurze Laufzeit, aber Emittenten- und gegebenenfalls Bail-in-/Strukturrisiken; endgültige Bedingungen prüfen.
Erste Fix-Coupon-Express auf Infineon, 6,60 %: HOCH
Strukturiertes Produkt mit Aktienkurs-, Emittenten- und Totalverlustrisiko.
UBS Senior Notes über 6 Mrd. USD: ERHÖHT
Bail-in-, Zins-, Emittenten- und für Nicht-Dollar-Anleger Währungsrisiko.
Altius-Papiere mit 8,75 bis 12,75 %: SEHR HOCH / VOR DETAILPRÜFUNG NICHT AUSREICHEND BEURTEILBAR
Der außergewöhnlich hohe Coupon verlangt eine genaue Prüfung der Struktur und Bonität.
Fazit: Der Kapitalmarkt wird wieder interessant – aber nicht automatisch sicherer
Die neuen Angebote seit dem 12. September zeigen ein bemerkenswertes Spektrum.
Am defensiveren Ende stehen relativ klassische Bankanleihen.
In der Mitte finden sich Unternehmensanleihen und internationale Bankpapiere.
Am anderen Ende stehen strukturierte Produkte, kleinere Unternehmensfinanzierungen und Wertpapiere mit zweistelligen Kupons.
Gerade dort sollte niemand Rendite mit Sicherheit verwechseln.
Vier Prozent können riskanter sein als drei Prozent. Sechs Prozent können wesentlich riskanter sein als vier. Und bei zwölf Prozent sollte die erste Frage niemals lauten „Wie viel verdiene ich?“ – sondern „Warum muss mir der Emittent so viel bezahlen?“
Das ist derzeit vielleicht die wichtigste Frage für Anleger auf dem deutschsprachigen Kapitalmarkt.
Kommentar hinterlassen