Ein erstes Polzin-Urteil, 6000 Fans beim Training und die typisch hanseatische Frage: Wann wird Vuskovic eigentlich Weltfußballer?
Es gibt beim HSV bekanntlich zwei Geschwindigkeiten. Entweder passiert jahrelang gar nichts – oder innerhalb von 48 Stunden wird aus einem Mann, der fast vier Jahre kein Pflichtspiel bestritten hat, die letzte Hoffnung der gesamten Innenverteidigung.
Mario Vuskovic ist zurück im Mannschaftstraining. Und Trainer Merlin Polzin gefällt offenbar, was er sieht: ein fitter, präsenter, selbstbewusster Innenverteidiger, der körperlich keineswegs so wirkt, als hätte er die vergangenen Jahre auf dem Sofa verbracht und nebenbei sämtliche Staffeln von „Rote Rosen“ nachgeholt.
Das ist die gute Nachricht.
Die weniger gute: Bis zum Ende seiner Sperre Mitte November darf Vuskovic weiterhin kein Pflichtspiel bestreiten. Und selbst danach muss ein Spieler, dessen letzter Einsatz vom 9. November 2022 stammt, erst einmal wieder Bundesliga-Fußball spielen. Das ist bekanntlich jene Sportart, bei der Gegenspieler nicht aus Rücksicht vier Jahre langsamer laufen.
6000 Zuschauer – bei einem Training!
Rund 6000 Menschen kamen ins Volksparkstadion, um Vuskovics Rückkehr ins Mannschaftstraining zu erleben. Andere Bundesligisten sind froh, wenn sie diese Zahl bei einem Pokalspiel gegen einen Regionalligisten erreichen. Beim HSV genügt dafür an einem Dienstag ein Trainingsleibchen.
Der Verein hatte die Einheit wegen des erwarteten Interesses eigens ins Stadion verlegt. Als Vuskovic den Rasen betrat, wurde er empfangen wie ein Neuzugang, Aufstiegsheld und verlorener Sohn zugleich. Die offizielle Vereinschronik seines ersten Tages verzeichnet sogar Polzins Begrüßung: „Endlich.“ Mehr HSV-Gefühl passt kaum in ein einziges Wort. Den Ablauf dieses Tages hat der Verein auf HSV.de dokumentiert.
Für viele Fans ist Vuskovic längst mehr als ein Fußballer. Er ist zur Identifikationsfigur geworden, weil er seine Unschuld stets beteuert und der Verein trotz des rechtskräftigen Urteils menschlich an seiner Seite geblieben ist.
Zur vollständigen Geschichte gehört allerdings auch: Bei einer Dopingkontrolle wurde EPO nachgewiesen. Der Internationale Sportgerichtshof CAS verhängte eine vierjährige Sperre; der Rechtsweg brachte keine Aufhebung. Diese Tatsachen verschwinden nicht, nur weil der Volkspark jemanden herzlich empfängt. Der NDR fasst den Fall und die Rückkehr entsprechend nüchtern zusammen.
Man kann die Entscheidung hart oder die Beweisführung diskutabel finden. Man kann Vuskovic glauben. Aber man sollte ein Sportgerichtsurteil nicht nachträglich durch Applaus ersetzen. Emotionaler Rückhalt und sachliche Einordnung dürfen nebeneinanderstehen.
Polzins erstes Urteil: fit, präsent – und bitte nicht gleich der Messias
Polzins Eindruck fällt positiv aus. Der Trainer lobt Vuskovics körperlichen Zustand und seine Präsenz, bremst aber gleichzeitig die Erwartungen. Das ist vermutlich die schwierigste Übung, die man beim HSV absolvieren kann: Fans zur Geduld auffordern, während die Mannschaft nach drei Spielen mit null Punkten und 0:12 Toren dasteht.
In Hamburg läuft die innere Abwehrrechnung naturgemäß so:
0:12 Tore.
Vuskovic trainiert wieder.
Problem gelöst.
Zur Sicherheit planen wir vermutlich schon die Meisterfeier.
Natürlich ist die Hoffnung nachvollziehbar. Vuskovic war vor seiner Sperre ein außergewöhnlich talentierter Innenverteidiger: aggressiv im Zweikampf, mutig im Aufbau, stark in der Luft und mit jener leicht verrückten Verteidigerenergie ausgestattet, die im Volkspark traditionell gut ankommt. Ein Mann, der einen verlorenen Ball nicht einfach akzeptiert, sondern ihn persönlich beleidigt zurückerobert.
Dass er körperlich so ordentlich zurückkehrt, ist bemerkenswert. Während der Sperre arbeitete er in Split individuell mit Josko Vlasic, dem Vater der Olympiasiegerin Blanka Vlasic. Offenbar bestand das Training nicht ausschließlich aus Strandläufen und Ćevapčići. Polzin und der HSV standen schon vor der Rückkehr im Austausch mit seinem Trainer, um ihn auf die Anforderungen im Abwehrzentrum vorzubereiten.
Noch größer als der sportliche Respekt ist Polzins Anerkennung für die Familie. Sie habe Vuskovic über Jahre getragen und ihm Struktur gegeben. Das klingt zunächst nach einer weichen Randnotiz, ist aber für das Comeback zentral: Vier Jahre ohne Wettkampf, Mannschaftsalltag und sportliche Bestätigung lassen sich nicht allein mit Kniebeugen überstehen.
Der Nordderby-Traum liegt natürlich schon bereit
Die Sperre endet am 15. November. Theoretisch könnte Vuskovic am 22. November ausgerechnet im Nordderby bei Werder Bremen sein Bundesliga-Comeback geben. Darüber berichten unter anderem Sport1 und die Bundesliga.
Natürlich wäre es Bremen. Was denn sonst?
Ein leises Comeback gegen einen beliebigen Tabellenzwölften wäre mit dem HSV-Drehbuch nicht vereinbar. Nein, es braucht ein Nordderby, Nebel über der Weser, 15 Gelbe Karten und in der 94. Minute einen Vuskovic-Kopfball vor dem Gästeblock. Alles darunter wäre sachlich, vernünftig und deshalb verdächtig unhamburgisch.
Nur ist „theoretisch spielberechtigt“ noch lange nicht „bereit für 90 Minuten Bundesliga“. Vuskovic fehlen Wettkampfrhythmus, Automatismen und Erfahrungen mit einer Mannschaft, die sich während seiner Abwesenheit mehrfach vollständig umgebaut hat. Ein öffnender Pass im Training ist etwas anderes als derselbe Pass, während ein Bundesligastürmer im Vollsprint anläuft und 40.000 Bremer freundlich mitteilen, was sie von einem halten.
Polzin muss ihn deshalb behutsam aufbauen. Training, interne Spielformen, Belastungssteuerung und womöglich Testspiele sind wichtiger als der romantischste mögliche Comeback-Termin.
Bitte keinen Rettungsrucksack aufladen
Das größte Risiko liegt nicht in Vuskovics Fitness, sondern in den Erwartungen. Der HSV darf einem 24-Jährigen nach vier Jahren Pause nicht den kompletten Abwehrnotstand auf den Rücken schnallen. Vuskovic kehrt als Spieler zurück, nicht als Ein-Mann-Rettungsdienst mit kroatischem Blaulicht.
Wenn die aktuelle Defensive Gegentore in industrieller Stückzahl produziert, muss sie das Problem vor November lösen. Vuskovic kann später helfen. Er darf aber nicht zur Ausrede dafür werden, dass man bis dahin auf bessere Zeiten wartet.
Und doch: Als HSV-Fan darf man sich über diesen Moment freuen. Darüber, dass ein junger Mann wieder Teil einer Mannschaft ist. Darüber, dass er offenbar erstaunlich fit zurückgekehrt ist. Und darüber, dass der Volkspark nach Jahren eines komplizierten, belastenden Falls einmal nicht diskutierte, sondern jemanden willkommen hieß.
Polzins erstes Urteil macht Hoffnung. Mehr sollte es vorerst nicht sein – aber weniger eben auch nicht.
Mario ist wieder da. Jetzt geben wir ihm Zeit.
Also mindestens bis zum ersten Fehlpass. Danach eröffnet der HSV-Stammtisch selbstverständlich die große Grundsatzdebatte.
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