Nach Jahrzehnten mit explodierenden Raketen, abstürzenden Ambossen und miserabler Kundenbetreuung zieht Wile E. Coyote die einzig vernünftige Konsequenz: Er nimmt sich einen Anwalt
Wile E. Coyote hat viel versucht. Er hat den Road Runner mit Dynamit gejagt, sich Raketen an die Füße geschnallt und Fallensysteme gebaut, gegen die deutsche Großflughäfen wie solide geplante Infrastrukturprojekte wirken. Nichts davon hat funktioniert.
Nun greift der Kojote zur gefährlichsten Waffe, die Amerika kennt: zum Produkthaftungsrecht.
In „Coyote vs. ACME“ verklagt er den Konzern, der ihm seit Jahrzehnten zuverlässig Geräte liefert, die ausschließlich an ihrem Käufer funktionieren. Ein überfälliger Schritt. Andere Kunden hätten spätestens nach dem zweiten explodierenden Raketenschlitten eine schlechte Onlinebewertung geschrieben. Wile E. Coyote bestellte hingegen weiter. Das ist entweder unerschütterlicher Glaube, pathologische Markentreue oder ein außerordentlich günstiges Kundenbindungsprogramm.
Vom Cartoon-Krater in den Gerichtssaal
Die Ausgangslage ist juristisch übersichtlich: Der Kläger hat praktisch jeden Knochen im Leib mehrfach gebrochen. Die Produkte waren jeweils neu, bestimmungsgemäß eingesetzt und mit dem bekannten ACME-Gütesiegel versehen. Trotzdem explodierten sie, fielen vom Himmel oder entwickelten kurz vor Gebrauch ein offenbar persönliches Verhältnis zum Road Runner.
ACME dürfte dagegenhalten, dass sein Kunde die Geräte regelmäßig an Felswänden, über Schluchten und im Zusammenhang mit versuchten Vogelmorden benutzte. Außerdem ist fraglich, ob in den Sicherheitshinweisen womöglich der Satz „Nicht unmittelbar unter schwebendem Amboss stehen“ enthalten war.
Der Fall landet bei Kevin Avery, einem Anwalt für Personenschäden, dessen Karriere ungefähr so schwungvoll verläuft wie ein ACME-Rollschuh ohne Raketenantrieb. Normalerweise handelt er Vergleiche aus, deren Wert kaum für einen Wocheneinkauf reicht. Nun soll er gegen einen Weltkonzern antreten, der offenbar alles herstellt: Sprengstoff, Verkehrsmittel, Kommunikationstechnik und vermutlich auch die Drehstühle in der eigenen Rechtsabteilung.
Das ist David gegen Goliath – falls David zuvor sämtliche Steine bei Goliath bestellt hätte und jeder einzelne beim Werfen rückwärts geflogen wäre.
Ein Mandant mit begrenztem Wortschatz
Die Zusammenarbeit wird dadurch erschwert, dass der Mandant nicht spricht. Wile E. Coyote kommuniziert mit Schildern, Zeichnungen und Gesichtsausdrücken, die meist bedeuten: „Mir ist gerade klar geworden, dass die Schwerkraft noch gilt.“
Für Anwälte ist das ungewohnt. Üblicherweise sind es gerade die Mandanten, die zu viel reden und damit jeden gewinnbaren Fall ruinieren. Der Kojote besitzt somit eine seiner wenigen prozessualen Stärken: Er kann sich im Kreuzverhör nicht verplappern.
Dafür weist seine Akte eine problematische Vorgeschichte auf. Hunderte gescheiterte Fallen, zahllose Explosionen und ein jahrelanges obsessives Interesse an einem einzelnen Vogel könnten von der Gegenseite als Mitverschulden interpretiert werden. Die Verteidigung muss nur ein Best-of-Video abspielen und anschließend fragen: „Sie haben nach Vorfall Nummer 386 trotzdem wieder bei ACME bestellt?“
Schwer zu sagen, was peinlicher wäre: die Antwort oder das erwartbare „Meep-Meep“ aus der letzten Reihe.
John Cena verteidigt die unsichtbare Qualität
ACME schickt Buddy Crane ins Rennen, einen Starjuristen mit der körperlichen Präsenz von John Cena und dem moralischen Charme einer automatisch verlängerten Softwarelizenz. Crane soll beweisen, dass nicht die Produkte fehlerhaft sind, sondern der Kunde.
Das ist eine klassische Konzernstrategie. Explodiert der Toaster, hat man ihn falsch angesehen. Stürzt die App ab, liegt es am Nutzer. Schießt die Rakete ihren Besitzer gegen eine Felswand, wurde womöglich der Premiumtarif ohne automatische Zielkorrektur gewählt.
Crane vertritt jenen Typ Jurist, der selbst einen rauchenden Krater noch als „ungeplante Bodenvertiefung mit hohem Innovationspotenzial“ beschreiben würde. Unterstützt wird ACME dabei von einer PR-Abteilung, in der ausgerechnet der Tasmanische Teufel arbeitet. Eine durchaus glaubwürdige Personalentscheidung: Er redet schnell, niemand versteht ihn, und hinterher ist der Konferenzraum verwüstet.
Ein Fest des gepflegten Körperzerfalls
Der Film verbindet reale Schauspieler und animierte Figuren, ohne die Cartoons einer unnötigen Realitätsprüfung zu unterziehen. Das ist wichtig. Niemand möchte einen wissenschaftlich korrekten Film darüber sehen, was mit einem Kojoten geschieht, wenn ihm ein Tresor aus 300 Metern Höhe auf den Kopf fällt. Das Ergebnis wäre kurz, medizinisch eindeutig und für Kinder ungeeignet.
Stattdessen gilt weiterhin das wichtigste Naturgesetz der Looney Tunes: Schmerz ist vorübergehend, der nächste Gag bereits unterwegs. Figuren werden plattgedrückt, verkohlt, beschleunigt und in die Form eines Akkordeons gebracht. Sekunden später stehen sie wieder auf – meist nur, um in einen vorhersehbaren Abgrund zu laufen.
Dieses System ist erstaunlich tröstlich. In der realen Welt kann ein falscher Schritt die Karriere beenden. Bei den Looney Tunes reicht ein kurzer Schnitt, und selbst der vollständig verbrannte Schnabel sitzt wieder an der richtigen Stelle.
Der Film wurde beinahe von der Realität überholt
Besonders absurd ist, dass „Coyote vs. ACME“ selbst beinahe das Schicksal eines ACME-Produkts erlitt. Der Film war fertig, getestet und offenbar durchaus gelungen. Dennoch wollte Warner Bros. Discovery ihn verschwinden lassen und steuerlich abschreiben.
Ein Film über einen kleinen Kläger, der gegen einen übermächtigen Konzern kämpft, wurde also von einem übermächtigen Konzern in einen Aktenschrank gesperrt. Satireautoren lieben solche Momente, weil die Wirklichkeit ihnen die Arbeit abnimmt und anschließend auch noch die Pointe abrechnet.
Der Film sollte nicht deshalb verschwinden, weil er unvollständig gewesen wäre. Er sollte verschwinden, weil eine Tabelle zu einem wirtschaftlich interessanteren Ergebnis kam. Im modernen Hollywood entscheidet schließlich nicht der Applaus, sondern eine Excel-Zelle, die irgendwo grün aufleuchtet.
Nach Protesten, Branchenempörung und langen Verhandlungen fand sich mit Ketchup Entertainment doch noch ein Verleiher. Schon der Name passt perfekt: Ein Film über einen Kojoten wird von einer Firma gerettet, die wie eine weitere Marke aus dem ACME-Katalog klingt.
Nun läuft der vermeintliche Abschreibeposten im Kino und verdient Geld. Für das verantwortliche Management ist das unangenehm, aber nicht tragisch. In Großkonzernen werden Fehlentscheidungen schließlich nicht bestraft. Sie werden umbenannt, in einer Präsentation als „strategische Portfolio-Bereinigung“ bezeichnet und mit einem Bonus versehen.
Eine längst fällige Verbraucherklage
Die Geschichte geht auf eine brillante Grundidee zurück: Was wäre, wenn jemand die Cartoon-Logik einmal juristisch ernst nähme? Wenn ein Kunde nicht einfach hinnimmt, dass jeder gekaufte Gegenstand explodiert? Wenn der Hersteller für eine Rakete haftet, die laut Verpackung nach vorn fliegen sollte, tatsächlich aber den Besitzer durch drei Gesteinsschichten bohrt?
Plötzlich werden die alten Cartoons zu Beweismaterial. Jeder abstürzende Amboss ist Anlage K-17. Jeder pulverisierte Raketenschlitten ein Fall für den Sachverständigen. Die jahrzehntelange Jagd auf den Road Runner verwandelt sich in die vermutlich umfangreichste Produkthaftungsklage der Filmgeschichte.
Und ACME? Der Firmenname bedeutet sinngemäß Gipfel oder höchste Vollendung. Das ist bemerkenswert für ein Unternehmen, dessen Produkte ungefähr dieselbe Zuverlässigkeit besitzen wie ein Regenschirm aus Brausepulver.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft des Films: Nicht jeder Konzern, der Perfektion verspricht, liefert sie auch. Manchmal liefert er nur sehr schnell einen Amboss.
Am Ende gewinnt der hartnäckigste Pechvogel
„Coyote vs. ACME“ ist Gerichtskomödie, Konzernsatire und Slapstickfeuerwerk zugleich. Der Film handelt von einem ewigen Verlierer, der sich weigert, seine Niederlagen als naturgegeben hinzunehmen. Das ist lächerlich, rührend und ein wenig heldenhaft.
Wile E. Coyote hat den Road Runner bis heute nicht erwischt. Aber er hat etwas viel Schwierigeres geschafft: Er brachte einen Großkonzern dazu, sich vor Gericht zu verantworten – und seinen eigenen Film dazu, trotz eines Großkonzerns im Kino zu landen.
Falls ACME den Prozess verliert, ist allerdings Vorsicht geboten. Der Schadensersatz wird vermutlich per Express geliefert.
In einer großen Holzkiste.
Mit der Aufschrift: „Diese Seite nach oben.“
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