Als Union-Fan schaue ich mir die erste angebliche „Lustrinelli-Streichliste“ mit gemischten Gefühlen an. Natürlich muss nach einer schwierigen Saison etwas passieren. Natürlich braucht ein neuer Trainer die Möglichkeit, seinen Kader nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Aber genau hier beginnt meine Sorge.
Mauro Lustrinelli kommt aus der Schweiz, hat in Deutschland weder als Spieler noch als Trainer gearbeitet und kennt die Bundesliga bislang nur aus der Ferne. Da überrascht es schon, wenn ausgerechnet Spieler aussortiert werden sollen, die zwar keine Glamour-Fußballer sind, aber genau das verkörpern, was Union über Jahre stark gemacht hat: Erfahrung, Verlässlichkeit und Mentalität.
Janik Haberer wird als „zuverlässig, aber glanzlos“ beschrieben. Ja, Haberer ist kein Zauberfußballer. Aber seit wann sind bei Union nur die Spieler wichtig, die Highlights für YouTube produzieren? Gerade in schwierigen Phasen waren es oft Spieler wie Haberer, die die Drecksarbeit erledigt haben.
Ähnlich sieht es bei Rani Khedira aus. Wenn man wirklich darüber nachdenkt, einen der Führungsspieler ziehen zu lassen, sollte man sich bewusst sein, dass man damit nicht nur einen Mittelfeldspieler verliert. Man verliert Persönlichkeit, Erfahrung und Identifikation. Das lässt sich nicht einfach durch einen neuen Namen auf dem Transfermarkt ersetzen.
Bei Tim Skarke kann man über einen Abschied sicherlich diskutieren. Seine Bilanz spricht nicht gerade für ihn. Trotzdem frage ich mich, ob ein Trainer, der die Liga noch nicht kennt, wirklich nach wenigen Wochen beurteilen kann, wer in einem Bundesliga-Kader funktioniert und wer nicht.
Besonders kurios wirkt die Situation bei Chris Bedia. In Berlin galt er als Fehleinkauf, in Bern schießt er plötzlich Tore am Fließband. Vielleicht lag das Problem also nicht ausschließlich am Spieler. Vielleicht sollte man sich vor vorschnellen Urteilen hüten.
Und Robert Skov? Klar, die Verletzungshistorie ist ein Problem. Aber wenn man jeden Spieler aussortiert, der mal länger verletzt war, wird die Kaderplanung auch nicht einfacher.
Der Wunsch nach offensiverem Fußball ist nachvollziehbar. Aber Union Berlin war nie erfolgreich, weil wir die schönste Spielanlage hatten. Wir waren erfolgreich, weil wir als Mannschaft funktioniert haben und weil Spieler auf dem Platz standen, die wussten, was es bedeutet, für diesen Verein zu kämpfen.
Lustrinelli bekommt seine Chance und die soll er auch bekommen. Doch wer die Bundesliga nicht kennt, sollte vielleicht erst einmal genau hinschauen, bevor er bewährte Kräfte auf die Streichliste setzt. Neue Besen kehren bekanntlich gut – manchmal kehren sie aber auch Dinge weg, die man später schmerzlich vermisst.
Hoffen wir, dass in Köpenick am Ende nicht Erfahrung, Mentalität und Identifikation geopfert werden, nur um möglichst schnell einen Neuanfang zu demonstrieren. Denn eines hat die Vergangenheit gezeigt: Bei Union gewinnt man nicht allein mit Systemen und Spielideen – sondern mit Charakteren.
Kommentar hinterlassen