Eigentlich sollte beim NATO-Gipfel in Ankara die gemeinsame Sicherheitsstrategie der Allianz im Mittelpunkt stehen. Tatsächlich dominiert jedoch erneut ein Mann die Schlagzeilen: US-Präsident Donald Trump. Bereits seine Ankunft machte deutlich, dass der Gastgeber Recep Tayyip Erdoğan seinem amerikanischen Gast besondere Aufmerksamkeit schenkte. Persönlicher Empfang am Flughafen, militärische Ehren und eine aufwendig inszenierte Begrüßung sorgten für Bilder, die den eigentlichen Gipfel beinahe in den Hintergrund rückten.
Trump selbst ließ keinen Zweifel daran, dass sein Verhältnis zur NATO weiterhin kompliziert bleibt. Offen erklärte er, vor allem wegen Erdoğan nach Ankara gereist zu sein. Seine kritische Haltung gegenüber dem Verteidigungsbündnis ist seit Jahren bekannt – und auch diesmal sorgte er mit provokanten Aussagen für Unruhe.
So griff der US-Präsident erneut seine umstrittene Forderung auf, die Vereinigten Staaten sollten die Kontrolle über Grönland übernehmen. Dass die Insel zum Königreich Dänemark gehört und Dänemark Mitglied der NATO ist, spielte in seinen Äußerungen keine erkennbare Rolle. Bereits frühere Vorstöße hatten das Verhältnis zu mehreren europäischen Partnern erheblich belastet.
Auch in der Iran-Politik teilte Trump gegen Verbündete aus. Er zeigte sich enttäuscht darüber, dass zahlreiche NATO-Staaten den amerikanischen Militäreinsatz gegen den Iran nicht aktiv unterstützt hatten. Selbst Großbritannien blieb von seiner Kritik nicht verschont. Obwohl London amerikanische Luftschläge über britische Stützpunkte ermöglicht hatte, erklärte Trump, er habe mit seiner Vorgehensweise auch testen wollen, auf welche Verbündeten sich die USA im Ernstfall tatsächlich verlassen könnten.
Während die politischen Spannungen die Schlagzeilen bestimmen, arbeiten die Delegationen hinter verschlossenen Türen an einem der wichtigsten Themen des Gipfels: der militärischen Zukunft Europas. Angesichts der anhaltenden Bedrohung durch Russland soll die europäische Verteidigungsfähigkeit deutlich gestärkt werden. Dazu gehören milliardenschwere Investitionen in neue Transportflugzeuge, moderne Frühwarnsysteme und eine engere Zusammenarbeit der europäischen Rüstungsindustrie.
Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Luftverteidigung. Die alternde AWACS-Flotte der NATO soll schrittweise durch moderne Aufklärungsflugzeuge ersetzt werden. Gleichzeitig laufen Gespräche über gemeinsame Raketenprogramme und den Aufbau leistungsfähiger Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nutzte den Gipfel, um erneut eindringlich vor den Folgen unzureichender Luftverteidigung zu warnen. Nach den jüngsten russischen Raketenangriffen auf Wohngebiete in Kiew forderte er die NATO-Staaten auf, die Entwicklung eigener europäischer Abwehrsysteme massiv zu beschleunigen. Europa dürfe nicht bis zum Ende des Jahrzehnts warten, sondern müsse schnell über ausreichend verfügbare und bezahlbare Raketenabwehr verfügen.
Hinter den Kulissen wächst zugleich die Sorge vieler Bündnispartner, dass Russland nach einem möglichen Ende des Krieges gegen die Ukraine seine Streitkräfte in kurzer Zeit neu aufbauen könnte. Mehrere Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass Moskau bereits innerhalb weniger Jahre wieder in der Lage sein könnte, den NATO-Ostflügel militärisch unter Druck zu setzen.
Der Gipfel in Ankara zeigt damit zwei Entwicklungen gleichzeitig: Einerseits bemüht sich Europa, seine Verteidigungsfähigkeit deutlich auszubauen und unabhängiger von den Vereinigten Staaten zu werden. Andererseits bleibt die NATO auch weiterhin stark von Donald Trump geprägt – einem Präsidenten, dessen Äußerungen regelmäßig für neue Irritationen innerhalb des Bündnisses sorgen und dessen Kurs viele europäische Partner vor schwierige strategische Fragen stellt.
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