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KeithJJ (CC0), Pixabay
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Alex Cora muss sich um seine berufliche Zukunft offenbar keine allzu großen Sorgen machen. Kaum hatte die Boston Red Sox den 50-Jährigen am Samstag entlassen, begann in der MLB bereits das übliche Gedankenspiel: Welcher Klub greift als Nächstes zu? Besonders hartnäckig kursiert dabei ein Name – die Philadelphia Phillies.

Denn in Philadelphia ist die Lage unerquicklich. Das Team steckt tief in der Krise, reist mit der schlechtesten Bilanz der National League und einer Niederlagenserie von zehn Spielen in das Wochenende gegen Atlanta. Offiziell sitzt mit Rob Thomson zwar noch ein Manager fest im Sattel. Doch in einer Liga, in der Geduld meist nur bis zur nächsten Pleite reicht, kann sich das schnell ändern.

Ausgerechnet jetzt ist Cora auf dem Markt. Und genau das macht die Sache brisant.

Zwischen Phillies-Präsident Dave Dombrowski und Cora gibt es eine gemeinsame Geschichte, die in Baseball-Kreisen seit Jahren als offenes Geheimnis gilt. Dombrowski holte ihn 2017 nach Boston, ein Jahr später gewannen die Red Sox die World Series. Dass Dombrowski Cora schätzt, ist kaum ein Geheimnis. Hätte Cora im vergangenen Sommer seinen lukrativen Dreijahresvertrag in Boston nicht verlängert, wäre er nach Einschätzung vieler Beobachter wohl schon zu Saisonbeginn ein realistischer Kandidat für Philadelphia gewesen.

Nun ist er plötzlich verfügbar – und die Phillies müssen entscheiden, ob sie weiter an Thomson festhalten, bis zum Saisonende warten oder sofort handeln. Das Dilemma: Wenn sie zu lange zögern, könnte Cora längst wieder weg sein. Denn Philadelphia ist kaum der einzige Klub, der sich diese Frage stellen dürfte.

Auch die New York Mets könnten sich intern fragen, ob Carlos Mendoza wirklich die langfristige Lösung ist. Und in Houston dürfte man zumindest darüber nachdenken, ob Joe Espada unangetastet bleibt – obwohl Cora dort als Bench Coach Teil des World-Series-Teams von 2017 war. In Wahrheit ist Cora nun in einer komfortablen Position: Er ist begehrt, erfahren, erfolgreich – und wird von den Red Sox bis 2027 weiter bezahlt.

Das gibt ihm Zeit. Er könnte in Boston bleiben, mit seiner Familie abwarten und nach der Saison aus mehreren Angeboten wählen. Oder sofort zurückkehren und seinem Ex-Klub demonstrieren, wie kurzsichtig dessen Entscheidung war.

Denn alles deutet darauf hin, dass Cora nicht einfach nur wegen der Bilanz gehen musste. Die Red Sox waren auch in früheren Jahren unter ihm schwach gestartet, ohne dass sein Job ernsthaft in Gefahr geraten wäre. Nach dem Titelgewinn 2018 begann Boston die folgende Saison mit 11:16, 2022 stand das Team nach 27 Spielen bei 10:17, in den vergangenen Jahren pendelte es ebenfalls um die .500-Marke. Nie zog die Klubführung daraus die Konsequenz einer sofortigen Trennung. Seit John Henry und Tom Werner 2002 die Red Sox übernommen hatten, war überhaupt kein Manager mehr während der Saison entlassen worden.

Warum also jetzt?

In Boston mehren sich die Hinweise, dass hinter dem Rauswurf mehr steckte als eine schlechte April-Bilanz. Vieles spricht für tiefer liegende Konflikte zwischen Cora und Craig Breslow, dem Präsidenten für Baseball Operations. Breslow steht für einen stärker datengetriebenen Kurs, für moderne Entwicklungsmodelle, für die tiefe Verankerung von Driveline-Philosophien im Klub. Cora dagegen ließ zuletzt öffentlich durchblicken, dass er wenig begeistert davon war, wie weit die Organisation auf junge, noch unfertige Spieler setzt. »Wir haben hier viele Jungs, die das Spiel noch lernen«, sagte er am Freitag. »Es ist mein Job, ihnen das Spiel beizubringen.«

Das klang weniger nach Durchhalteparole als nach versteckter Anklage. Und es war auch statistisch kaum zu kaschieren: Boston lag zuletzt am Tabellenende bei Homeruns und Slugging Percentage, die Pitching-Staff gehörte zu den schwächsten der Liga. Wenn es also tatsächlich um mehr ging als um Sieg und Niederlage, dann um eine grundlegende Frage: Wer bestimmt in Boston, wie Baseball gespielt und entwickelt werden soll?

Besonders absurd wirkt der Zeitpunkt der Entlassung. Die Red Sox hatten am Samstag gerade ihr bislang überzeugendstes Saisonspiel hingelegt, ein 17:1 gegen die Baltimore Orioles. Cora wird damit unfreiwillig zur Baseball-Kuriosität: Laut Sportradar ist er der erste Manager seit 1887, der nach einem Sieg mit mindestens 16 Runs Unterschied entlassen wurde.

Tatsächlich soll die Entscheidung intern schon am Freitag gefallen sein. Nur das Wetter spielte nicht mit. Weil das Spiel wegen drohenden Regens vorverlegt wurde, schafften es Interimslösung Chad Tracy und dessen Trainerstab aus Triple-A Worcester offenbar nicht rechtzeitig nach Baltimore. Also durfte Cora noch ein letztes Mal auf die Bank – und gewann spektakulär.

Es ist eine dieser Entlassungen, die weniger nach sportlicher Notwendigkeit aussehen als nach organisatorischer Selbstzerstörung. Boston hat in den vergangenen Jahren bereits mehrere prägende Figuren verschlissen: Theo Epstein, Terry Francona, Dave Dombrowski. Nun also auch Cora – ein weiterer Champion, der einen Traditionsklub verlässt, der immer öfter wirkt wie eine Franchise im Dauerstreit mit sich selbst.

Cora hingegen dürfte bald wieder auftauchen. Zu gut ist sein Ruf, zu solide seine Bilanz von 620 Siegen bei 541 Niederlagen, zu wertvoll seine Erfahrung in einer Liga, in der Manager nicht nur Taktiker, sondern Krisenmoderatoren sein müssen.

Er wird wieder managen. Wahrscheinlich bald. Vielleicht in Philadelphia. Und aus Sicht vieler in der MLB ist die eigentliche Pointe längst klar: Nicht Cora steht plötzlich ohne Job da. Sondern Boston ohne Plan.

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