Sachsen schafft, woran andere Länder noch tüfteln:
Strom produzieren, der gar nicht erst ankommt – und trotzdem bezahlt wird.
Man muss es dem Freistaat lassen:
Während anderswo mühselig Energie erzeugt, gespeichert, transportiert und genutzt wird, hat man in Sachsen das System elegant weiterentwickelt.
Dort gibt es inzwischen etwas noch Moderneres:
Ökostrom, der so grün ist, dass ihn nie jemand zu Gesicht bekommt.
Oder, wie es im Amtsdeutsch so poetisch heißt:
„Redispatch-bedingt abgeregelte Einspeisung“.
Im Volksmund auch bekannt als:
„Wir hätten da Strom, aber leider gerade keine Steckdose frei.“
Die große Kunst des bezahlten Nichtstuns
Fast fünf Millionen Euro wurden in den vergangenen drei Jahren in Sachsen an Betreiber von Windrädern und Solaranlagen gezahlt – nicht etwa dafür, dass sie Strom liefern.
Nein.
Sondern dafür, dass sie bitte genau das nicht tun.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:
- Anlage gebaut
- Sonne scheint
- Wind weht
- Strom wäre da
- Netz sagt: „Nein danke“
- Steuerzahler sagt: „Na gut, hier ist trotzdem Geld“
Das ist kein Energiemarkt mehr.
Das ist ein betreutes Absurdistan mit Einspeisevergütung.
Willkommen im Wellnessbereich der Energiewende
Besonders fleißig beim Nicht-Liefern waren die Solaranlagen.
Rund 80 Prozent der Entschädigungen gingen an Photovoltaik-Betreiber.
Warum?
Weil die Sonne in Sachsen offenbar regelmäßig zur Arbeit erscheint,
während das Stromnetz kollektiv im Homeoffice sitzt.
Die Panels liefern brav, was sie können –
doch irgendwo zwischen Feldrand, Trafostation und politischer Wirklichkeit heißt es dann:
„Vielen Dank für Ihr Engagement. Leider sind wir heute bereits voll.“
Man möchte sich das vorstellen wie an einem hippen Berliner Club:
„Tut uns leid, Solarstrom, du stehst auf der Liste, aber das Netz ist heute schon überlastet.
Hier hast du 1,14 Millionen Euro – geh bitte trotzdem wieder nach Hause.“
Geisterstrom: Die unsichtbare Spitzenleistung
Das Wort „Geisterstrom“ ist ohnehin ein Meisterwerk deutscher Energiepoesie.
Früher hatten wir:
- Geisterfahrer
- Geisterbahnen
- Geisterspiele
Heute haben wir:
Geisterstrom.
Unsichtbar.
Unnutzbar.
Aber erstaunlich teuer.
Man könnte fast meinen, Sachsen habe eine neue Form der Esoterik entdeckt:
Strom, der nur auf einer höheren Schwingungsebene existiert.
Er ist da.
Aber nicht für dich.
Nur für die Abrechnung.
Netzausbau? Irgendwann. Vielleicht. Eventuell. Nach dem nächsten Arbeitskreis.
Der eigentliche Witz – und leider ist er keiner – liegt im Grundproblem:
Die erneuerbaren Energien wachsen.
Die Netze nicht.
Oder anders gesagt:
Man hat begonnen, das Dach zu decken,
bevor man gemerkt hat, dass das Haus noch gar keine Wände hat.
Windräder drehen sich.
Solaranlagen glühen.
Und das Stromnetz schaut betreten auf seine Kabel aus dem letzten Jahrhundert und murmelt:
„Also… ich bin emotional total bei euch, aber technisch leider nicht.“
Die Bundesnetzagentur formuliert das natürlich nobler und spricht von
„räumlichen Diskrepanzen zwischen Stromerzeugung und -verbrauch“.
Ein wunderschöner Behörden-Satz für:
„Der Strom ist da, aber halt leider am falschen Ort. So wie Vernunft in manchen Ausschüssen.“
Auch Kohle darf mal traurig sein
Besonders rührend ist der Umstand, dass in Sachsen sogar Braunkohlekraftwerke heruntergefahren werden mussten, um dem Ökostrom Vorrang zu geben.
Mehr als 1700 MWh Ausfall.
Und jetzt kommt der feine Unterschied:
Während Betreiber von Solar- und Windanlagen Geld dafür bekommen, nicht zu liefern,
bekommen Kraftwerksbetreiber dafür, nicht liefern zu dürfen, keinen Ausgleich.
Das ist fast schon philosophisch.
Die Sonne wird fürs Nichtstun bezahlt.
Die Kohle nicht.
Oder anders formuliert:
Selbst im Stillstand ist die Energiewende nicht für alle gleich gerecht.
Der Bund hat natürlich schon die nächste brillante Idee
Weil das Ganze noch nicht kompliziert genug ist, kommt aus Berlin bereits der nächste Geniestreich:
In Regionen mit überlasteten Netzen – also in den sogenannten
„kapazitätslimitierten Gebieten“ –
sollen neue Anlagen künftig keine Entschädigung mehr bekommen, wenn sie abgeschaltet werden.
Fantastisch.
Das bedeutet übersetzt:
„Bauen dürft ihr gerne.
Produzieren vielleicht.
Abschalten sicher.
Aber zahlen wollen wir dann nicht mehr.“
Das ist ungefähr so, als würde man einem Restaurant erlauben zu eröffnen,
dann die Gäste draußen lassen
und dem Wirt sagen:
„Unternehmerisches Risiko, mein Freund.“
Sachsen droht der Premiumstatus: Netz schwach, Risiko stark
Und natürlich könnte es Sachsen besonders hart treffen.
Große Teile des Landes könnten als kapazitätslimitiert gelten.
Das ist im Grunde ein neues Qualitätssiegel deutscher Standortpolitik:
„Hier können Sie investieren – auf eigene Gefahr und ohne Garantie, dass irgendwas funktioniert.“
Der Branchenverband warnt bereits vor einem Ausbaustillstand.
Was auch verständlich ist.
Denn wenn ein Geschäftsmodell lautet:
- Investiere Millionen
- produziere Strom
- hoffe auf Netz
- werde abgeschaltet
- bekomme vielleicht nichts
… dann braucht man entweder sehr viel Idealismus
oder einen Steuerberater mit Sinn für schwarzen Humor.
Der Bürger zahlt. Wie immer. Mit stoischer Würde.
Das Schönste an der ganzen Sache ist ja:
Diese Ausgleichszahlungen verschwinden nicht einfach im Nichts.
Sie landen am Ende über die Netzentgelte wieder bei denen, die in Deutschland traditionell jedes energiepolitische Kunstprojekt finanzieren dürfen:
beim Stromkunden.
Also bei Menschen, die abends im Halbdunkel sitzen und sich fragen,
warum die Waschmaschine inzwischen klingt wie ein Luxusgut.
Der Bürger zahlt also:
- für Strom, der nicht geliefert wird
- für Netze, die nicht fertig sind
- für Reformen, die noch geplant werden
- und für politische Konzepte, die ungefähr so geradlinig sind wie ein Verlängerungskabel aus Spaghetti
Fazit: Deutschlands Energiewende bleibt die teuerste Impro-Comedy Europas
Sachsen zeigt gerade exemplarisch, woran die deutsche Energiewende krankt:
Nicht am Wind.
Nicht an der Sonne.
Nicht einmal am Willen.
Sondern an der altbewährten deutschen Spezialdisziplin:
Man baut erst das Problem groß – und dann jahrelang an der Infrastruktur vorbei.
Das Ergebnis:
- Millionen für nicht erzeugten Strom
- Netze mit Ladehemmung
- Investoren mit Stirnfalten
- Minister mit Pressemitteilungen
- Verbraucher mit Stromschock
Und irgendwo steht ein Solarfeld in der Mittagssonne, blickt traurig gen Himmel und denkt sich:
„Ich könnte ja. Aber Deutschland ist noch nicht so weit.“
Oder noch kürzer:
Energiewende auf Deutsch heißt offenbar:
Erst kassieren, dann abregeln, dann diskutieren.
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