Es gibt Erfolgsmeldungen, bei denen man sich fragt, ob man applaudieren oder den Kopf schütteln soll. Die jüngste internationale Großrazzia gegen Menschenhandel gehört zweifellos in diese Kategorie.
1.024 Festnahmen, mehr als 2.000 identifizierte Opfer in 59 Ländern – das klingt zunächst beeindruckend. Bis einem bewusst wird, was diese Zahlen eigentlich bedeuten: Menschenhandel läuft offenbar derart professionell und weltweit organisiert ab, dass über tausend mutmaßliche Täter gleichzeitig festgenommen werden können. Das ist keine Kleinkriminalität mehr, sondern ein international operierender Milliardenmarkt.
Österreich und Rumänien führten die EMPACT-Operation an, sämtliche EU-Staaten sowie zahlreiche Länder aus Afrika, Asien und Lateinamerika beteiligten sich. In Österreich wurden 17 mutmaßliche Opfer identifiziert, acht Verdächtige festgenommen und zwei weitere ausgeforscht. Zusätzlich entdeckten Ermittler sechs Onlineplattformen, auf denen der Verdacht besteht, dass sie für Menschenhandel genutzt wurden.
Man könnte jetzt natürlich fragen, warum solche Plattformen überhaupt existieren konnten. Aber vermutlich wollte man den Tätern zunächst ausreichend Zeit geben, ihr Geschäftsmodell zu perfektionieren.
Interpol erinnert derweil daran, dass Menschenhandel zu den profitabelsten Formen der organisierten Kriminalität gehört. Jährlich werden damit Milliarden verdient – mit Menschen, die verschleppt, ausgebeutet oder zur Kriminalität gezwungen werden. Eine Erkenntnis, die keineswegs neu ist. Neu ist lediglich, dass man diesmal offenbar in größerem Stil gleichzeitig zugriff.
Besonders perfide ist die Vorgehensweise der Täter. Viele Opfer stammen aus wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen in Ländern wie Venezuela, Kolumbien, Argentinien, Moldau oder Nepal. Sie werden mit falschen Versprechungen angelockt oder schlicht gezwungen. Wer Armut verwaltet, findet leider immer genügend Menschen, denen Hoffnung verkauft werden kann.
Natürlich loben sich die beteiligten Behörden nach der Aktion gegenseitig. Das gehört inzwischen fast schon zum Standardrepertoire internationaler Polizeiarbeit. Man spricht von enger Zusammenarbeit, erfolgreichen Ermittlungen und einem wichtigen Signal gegen Menschenhandel.
Das stimmt auch.
Nur bleibt eine unbequeme Frage offen: Wenn innerhalb weniger Tage mehr als tausend Verdächtige festgenommen werden können, wie viele Netzwerke arbeiten dann noch völlig unbehelligt weiter?
Menschenhandel ist schließlich kein neues Phänomen. Er gehört seit Jahren zu den lukrativsten Geschäftsfeldern der organisierten Kriminalität – mit Milliardenumsätzen und einem erschreckend geringen Entdeckungsrisiko.
Vielleicht wäre die eigentliche Erfolgsmeldung deshalb nicht die Zahl der Festnahmen, sondern der Tag, an dem Menschenhändler feststellen müssen, dass sich ihr Geschäft schlicht nicht mehr lohnt. Davon allerdings sind wir offenbar noch ein gutes Stück entfernt.
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