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Märchenstunde in Leipzig: Wie die erste Königin des Dosenreichs auszog, um Nahbarkeit zu verkaufen

jorono (CC0), Pixabay
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Es war einmal, tief im sagenumwobenen Osten des Bundesliga-Landes,
zwischen Traditionsromantik, Stadionwurst und Investoren-Magie,
ein gläsernes Schloss namens Red Bull Arena.

Dort herrschte lange Zeit der mächtige Lord Oliver von Mintzlaff,
der Mann, der in Kabinen erschien wie andere Leute in WhatsApp-Gruppen:
unangekündigt, aber mit Wirkung.

Doch eines Tages riefen die Trompeten der Konzernkommunikation durch das ganze Reich:

„Eine neue Herrscherin kommt!“

Und nicht irgendeine.

Nein.

Es war Tatjana die Erste,
geboren in den Alpen, gereift in den Hallen von UEFA und FIFA,
gezogen aus dem fernen Frauenfußball-Königreich,
um nun das große Dosenreich RB Leipzig zu regieren.

Als erste Frau überhaupt auf diesem Thron der Bundesliga.

Und ganz Fußball-Deutschland raunte ehrfürchtig:

„Oh! Die Erste!“

Denn wie wir alle wissen, ist „die Erste“ im Fußball ungefähr das,
was in Märchen immer die jüngste Tochter ist:
alle reden drüber, alle gucken zu, und am Ende soll sie bitte Wunder vollbringen.


Kapitel 1: Die Königin kommt leise

Am ersten Tag des neuen Jahres zog Tatjana die Erste in ihr Reich ein.

Nicht auf einem weißen Pferd.
Nicht mit Fanfaren.
Nicht mit Schalparade.

Nein.

Sie trat ihren Dienst still an.
So still, dass man sie hauptsächlich dabei sah,
wie sie im Stadion saß und nicht sprach.

Ein revolutionäres Konzept im Profifußball.

Wo sonst jeder dritte Funktionär spätestens nach 48 Stunden erklärt,
warum „die Mannschaft jetzt in die Spur finden“ müsse,
entschied sich die neue Herrscherin für eine fast schon exotische Strategie:

Erst gucken. Dann reden.

Allein dafür hätte sie in Deutschland fast schon einen Innovationspreis verdient.


Kapitel 2: Das Schweizer Frühstück des Friedens

Als man sie schließlich fragte, was sie denn seit dem 1. Januar eigentlich gemacht habe,
antwortete sie mit dem königlichen Lächeln der Verwaltungsadeligen:

„Vieles.“

Und dann begann die Aufzählung.

Sie sprach mit Mitarbeitern.
Sie sprach mit der Geschäftsführung.
Sie sprach mit dem Management Board.
Sie sprach mit Bürgermeistern.
Sie sprach mit Menschen aus Wirtschaft, Liga, Verbänden, Clubs.

Kurz gesagt:

Sie tat exakt das, was moderne CEOs tun, wenn sie noch nicht erklären wollen, was sie eigentlich tun.

Doch dann kam der magische Moment.

Denn sie sagte:

„Ich habe alle Mitarbeiter zu einem Schweizer Frühstück eingeladen.“

Und da wussten wir:
Das hier ist kein gewöhnlicher Führungswechsel.

Das ist Alpen-Softpower.

Während andere Chefs mit Restrukturierung, KPI-Folien und Sparprogrammen kommen,
kommt Tatjana die Erste mit:

  • Gipfeli
  • Käse
  • höflicher Nahbarkeit
  • und vermutlich einer PowerPoint namens
    „Gemeinsam in die Crunchtime“

Wenn es jemals eine freundlichere Form gab,
ein Unternehmen emotional einzunorden,
dann vermutlich nur in einem Wellnesshotel in Davos.


Kapitel 3: Das Land der drei Wunder

Als die neue Königin gefragt wurde,
welche drei Dinge ihr im Reich besonders positiv aufgefallen seien,
zählte sie auf:

  1. Die wunderbaren Möglichkeiten
  2. Die engagierten Mitarbeiter
  3. Die angenehme Art der Leipziger

Und das muss man sagen:

Das ist schon fast die perfekte Bingo-Karte des modernen Funktionärsmärchens.

Es fehlten eigentlich nur noch:

  • „spannender Standort“
  • „enormes Potenzial“
  • „große Strahlkraft“
  • „wir wollen gemeinsam den nächsten Schritt gehen“

Aber keine Sorge:
Die kommen später noch.
Im Märchen gilt schließlich:
Jede Phrase findet irgendwann ihr Königreich.


Kapitel 4: Die Erste – oder: Schneewittchen im Aufsichtsrat

Besonders schön wurde es,
als man sie darauf ansprach, dass sie „ganz oft die Erste“ sei.

Und sie sprach mit jener Weisheit,
die nur Menschen besitzen,
die oft in Gremien sitzen und dabei freundlich bleiben müssen:

„Sehr oft scheitert die Erste.“

Ein Satz wie aus einem Grimmschen Konzernmärchen.

Denn natürlich ist die Erste immer die Figur,
auf die alle zeigen:

  • Wenn’s klappt: „Toll, historisch!“
  • Wenn’s nicht klappt: „Tja, haben wir ja gesagt.“

Aber Tatjana die Erste konterte souverän:

„Du kannst eigentlich nur gewinnen.“

Und da musste man kurz innehalten.

Denn das ist entweder:

  • eine mutige Vision,
  • eine wunderschöne Selbstmotivation,
  • oder der Satz, den man sich sagt,
    bevor man in Leipzig erklären muss,
    warum 44.000 Zuschauer zwar toll sind,
    aber bitte noch mehr Hospitality gebucht werden soll.

Kapitel 5: Der Fußball als Geschäft – welch Ketzerei!

Dann kam der Moment,
an dem das Märchen kurz in eine Wirtschaftsvorlesung kippte.

Denn über Tatjana die Erste stand einst geschrieben:

„Für sie ist Fußball ein Geschäft.“

In einem normalen Fußballland hätte man sie dafür vermutlich
mit 12.000 empörten Vereinsromantikern
und drei Podcasts zur „Seele des Spiels“ beworfen.

Doch im Dosenreich von Leipzig klang das eher wie:

„Endlich sagt’s mal jemand laut.“

Tatjana erklärte dann mit feiner Schweizer Klinge:

  • Für Kinder ist Fußball Freude.
  • Für Gesellschaft ist Fußball Verbindung.
  • Für Gemeinden ist Fußball Integration.
  • Für Bundesliga-Clubs ist Fußball…
    ein Multimillionen-Unternehmen mit Druck, Zahlen und Zielen.

Oder in weniger diplomatischer Übersetzung:

„Ja Kevin, Romantik ist schön. Aber Gehaltslisten bezahlen sich nicht mit Pyro und Nostalgie.“

Das war stark.

Denn selten wurde die deutsche Fußballseele so sanft
und gleichzeitig so gründlich filetiert.


Kapitel 6: Das große Zauberwort heißt… Nahbarkeit

Dann offenbarte die Königin ihre Mission.

Und sie sprach:

„Wir möchten dieser maximal anfassbare Club sein.“

Maximal anfassbar.

Ein Satz,
so perfekt aus dem Labor der Markenstrategie destilliert,
dass irgendwo ein Berater spontan Tränen der Rührung vergossen haben muss.

Nicht einfach nah.
Nicht sympathisch.
Nicht offen.

Nein.

MAXIMAL ANFASSBAR

Das klingt nicht nach Fußballverein.
Das klingt nach:

  • Premium-Matratze
  • Bio-Kuschelzoo
  • oder einer neuen Waschmittelmarke mit Hautverträglichkeitssiegel.

Aber nein:
Es ist die Vision eines Bundesliga-Clubs,
dessen größte Herausforderung offenbar nicht das Abwehrverhalten ist,
sondern die emotionale Zugänglichkeit im urbanen Raum.

Die Idee lautet ungefähr:

„Wir machen schon sehr viel Gutes, aber der Funke könnte noch besser überspringen.“

Oder übersetzt:

„Wir sind da. Wir sind offen. Wir machen Camps. Wir gehen in Schulen.
Bitte liebt uns jetzt auch ohne historisches Vereinswappen von 1903.“


Kapitel 7: Die geteilte Stadt und die bösen Traditionsdrachen

Doch Leipzig war kein einfaches Königreich.

Es war eine geteilte Fußballstadt.

Hier lebten nicht nur die Bewohner des Dosenreichs,
sondern auch die stolzen Stämme der Tradition,
die mit Schals, Erinnerungen und sehr viel Meinung bewaffnet waren.

Tatjana die Erste bemerkte dies mit höflichem Schmunzeln:

„Ja, ein bisschen.“

Ein bisschen!

Das ist ungefähr so,
als würde man beim Blick auf Mordor sagen:

„Ja, da ist schon etwas Rauch.“

Sie sprach von Respekt.
Von gegenseitiger Unterstützung.
Von Neutralität, wenn Unterstützung nicht gehe.
Von Verantwortung.
Von gut geführten Unternehmen.

Und da war er wieder,
dieser wunderbare Clash zweier Welten:

Auf der einen Seite:

  • Emotion
  • Geschichte
  • Identität
  • Rivalität
  • Vereinsseele

Auf der anderen Seite:

  • Governance
  • Strahlkraft
  • Stakeholder
  • Zugänge
  • Nahbarkeit

Ein Fußballmärchen,
geschrieben von den Brüdern Grimm
und überarbeitet von McKinsey.


Kapitel 8: Die Schatzkammer muss voller werden

Dann sprach die Königin offen über ihre drei großen Aufgaben.

Und hier wurde das Märchen endgültig zum Geschäftsbericht mit Elfenstaub.

Erstens: Mehr Einnahmen

Denn 44.000 Fans im Schnitt sind zwar schön,
aber Schönheit allein füllt keine Excel-Tabelle.

Also braucht es:

  • mehr Hospitality
  • mehr Merchandising
  • mehr Partner
  • mehr Kommerz
  • mehr „Potenzial“

Mit anderen Worten:

„Wenn ihr schon da seid, kauft bitte noch Schal, Sitzkissen, Business-Loge und emotionale Bindung im Premium-Paket.“

Zweitens: Nachwuchs

Die Akademie sei toll.
Die Infrastruktur top.
Die Experten hervorragend.
Aber hervorgebracht habe man bisher zu wenig.

Auch das ist so ein herrlicher Fußballsatz.

Alles ist top.
Nur das Ergebnis leider nicht.

Ein bisschen wie:

„Der Ofen ist fantastisch, die Küche traumhaft, der Koch hochqualifiziert –
nur gegessen haben wir bisher eher mäßig.“

Drittens: Lokale Verankerung

Das ist besonders schön.

Denn nichts sagt „gewachsenes Heimatgefühl“ so sehr wie das Wort:

Verankerung

Das klingt nach Hafen, Stahl, Dauerhaftigkeit.

Oder nach dem Versuch,
mit maximalem Marketingeinsatz
endlich jene emotionale Tiefe herzustellen,
die andere Vereine meist einfach dadurch haben,
dass Opa schon im selben Block stand.


Kapitel 9: Frauenfußball, aber bitte vernünftig

Als es um den Frauenfußball ging,
wurde die Königin natürlich besonders aufmerksam.

Sie lobte die Aufbauarbeit.
Sie sprach von nachhaltiger Entwicklung.
Vom oberen Tabellendrittel.
Von vernünftiger Art und Weise.

Und dann kam der Satz,
der wie ein höflicher Gong durch den Saal hallte:

„Absoluten Fokus bei RB Leipzig hat natürlich das Männerteam – das war so und das wird so bleiben.“

Zack.

Da war sie wieder,
die gute alte Fußballrealität im Business-Blazer.

Frauenfußball ist wichtig.
Liegt am Herzen.
Soll wachsen.
Soll nachhaltig entwickelt werden.
Soll vernünftig gefördert werden.

Aber wenn der große Tisch gedeckt wird,
sitzt der Männerfußball halt weiter am Kopfende
und bekommt zuerst die Bratensoße.


Kapitel 10: Keine One-Woman-Show im Dosenpalast

Zum Schluss fragte man sie,
ob sie wie ihr Vorgänger plötzlich in Kabine oder Mixed Zone auftauchen werde.

Und sie antwortete sinngemäß:

„Stand heute: nein.“

Was für ein herrlicher Satz.

Nicht:

  • „Nie.“
  • „Auf keinen Fall.“
  • „Das entspricht nicht meinem Führungsstil.“

Nein.

Stand heute: nein.

Das ist die diplomatische Königsformel für:

„Wenn’s brennt, sehen wir weiter.“

Außerdem, sagte sie,
es sei keine One-Woman-Show.

Und das glauben wir ihr sofort.

Denn in modernen Fußballkonzernen gilt bekanntlich:

Niemand ist allein verantwortlich.
Aber wenn’s schiefläuft,
findet sich erstaunlich schnell jemand,
der es dann doch irgendwie war.


Das Fazit dieses Märchens

So endet vorerst die Geschichte von Tatjana der Ersten,
der stillen Königin des Dosenreichs,
die mit Schweizer Frühstück, Business-Klartext und maximaler Anfassbarkeit
in Leipzig einzog,
um aus einem Fußballclub zugleich

  • Unternehmen,
  • Marke,
  • Begegnungsstätte,
  • Visitenkarte,
  • und gesellschaftlich wertvolles Wohlfühlprodukt

zu machen.

Und irgendwo,
zwischen Town-Hall-Meeting, Hospitality-Umsatz und lokaler Verankerung,
sitzt der durchschnittliche Fußballfan mit Bratwurst in der Hand
und denkt sich:

„Früher hatten Märchen Drachen.
Heute haben sie Merchandising-Potenzial.“

Moral von der Geschicht’

Wer im Fußball von Nähe, Werten, Gesellschaft und Familienatmosphäre spricht,
aber im selben Atemzug Einnahmen, Partner, Hospitality und Kommerzialisierung beschwört,
der hat den modernen Profifußball nicht verraten.

Der hat ihn einfach nur
erschreckend präzise beschrieben.

Und so lebten sie alle glücklich bis zur nächsten Pressekonferenz.

Oder zumindest
maximal anfassbar.

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